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kunft in's Hotel seine Bitte au das gütige und wohl-wollende Herz der mütterlichen Freundin der Feder an-zuvertrauen. Endlich verließ er das Haus, in welchem erden schönsten Abend seines Lebens verbracht hatte.
XII.
Am folgenden Morgen veranlaßte ihn der Wunsch,in der Angelegenheit der Geschwister Nettberg zu einemAbschluß zu kommen, zu einem Besuche bei Moses Nathan-sohn. Der Laden war leer, da der Pfandleiher sich ge-rade in seinem Hinterstübchen befand und von seinemhohen Besuche, der zu Fuße gekommen war und, durchdie trübe Scheibe des Schicbfensterchens gesehen, sich vonanderen Sterblichen nicht unterschied, keine Ahnung hatte.Mit den entschuldigenden Worten: „Bitte um Verzeihung,wenn ich störe," trat Wolfgang in das Allerhciligste, woNathansohn sich eben mit einem Anderen in angelegent-lichem Gespräch befand.
„Gott ! der Herr Baron! der gnädigste Herr Baron!"stotterte der Jude bei dem überraschenden Anblick seineshohen Gönners, indem er breitbeinig hin und her hüpfte,Mit den Händen verwirrt in der Luft herumiappeud, unddazwischen tiefe Komplimente schnitt, wobei er den nochimmer bereit stehenden vergoldeten Thronsessel umwarf.
Während der Baron ein leises Lächeln nicht unter-drücken konnte, blieb daS Gesicht des anderen Mannesunbeweglich. Es war ein Gesicht, welches man so leichtnicht wieder vergißt. Im ersten Augenblick erschienen dieZüge desselben fast abschreckend finster; der aufmerksamereBeobachter konnte aus ihnen aber mehr Verbitterung alsdüstere Verhärtung herauslesen. Im Gegensatze hierzu lagetwas Offenes auf der hohen Stirn, ebenso contrastirtetu Z schöne blaue Auge mit dem scheuen, nnstüteu Blick,der keinem fremden Blicke Stand hielt. Das schwarze Haarwar kurz geschnitten, der kräftige Bartwuchs an allenSrcllen durch die strenge Censur des Nasirmcssers unter-drückt. Der Gliederbau der geradezu reckenhaften Ge-stalt ließ auf eine herkulische Körperkraft schließen. Trotzmanches sympathischen Zuges machte der Fremde aufWolfgang den Eindruck, als gehöre er zu jenen licht-scheuen Kunden Nathansohns, aus denen sich der ver-rufenste Theil seines Geschäftsverkehrs rekrutirte. Viel-leicht war er der „Ulan", von welchem Nathansohn ge-sprochen hatte, das ihm wider Willen entschlüpfte Wortaugenscheinlich bereuend, und wenn dieser Beiname sichauf die frühere Laufbahn des Mannes bezog, der imAnfange der Vierziger Jahre stehen mochte, so konntein seiner unwillkürlichen militärisch strammen HaltungWolfgangS in diesen Dingen sehr geschulter Blick jeneVermuthung nur bestätigt finden. Dem Juden war esoffenbar sehr unangenehm, daß der Baron ihn in dieserGesellschaft getroffen hatte. „Nu, was woll'n Se nochhier?" fuhr er den Niesen an, dessen scheuer Blick sichmit forschendem Interesse immer wieder auf den vor-nehmen jungen Mann gerichtet hatte, worauf der lästigeGast mit kurzem Gruß sich entfernte.
„Ich wollte mir heute die Ehre geben, dem HerrnBaron meinen Besuch zu machen," brachte Nathansohnendlich hervor, nachdem er tausend Entschuldigungen ge-stammelt, daß er seinen hohen Gönner draußen habewarten lassen. „Es ist alles gegangen nach Wunsch; aberes hat gekostet viel Mühe, bis ick meinen Mann hab'dazu gebracht, das Jüngelchen auszuhorchen, und nichteher ist er herausgerückt mit der Sache, bis ich geschworen
hab' den fürchterlichsten Eid, daß dem Jüngelchen nichtsSchlimmes darf geschehen."
„Ich weiß bereits, was der junge Rettberg gethanhat," antwortete Wolfgang ruhig. „Es ist mir jetzt nurnoch darum zu thun, den Namen zu erfahren, den ergefälscht hat." Der Jude blickte ihn sehr erstaunt an.
„Auch den Namen könnt' ich dem Herrn Baron sagen," versetzte er, nachdem er sich wieder gefaßt, „aberder fürchterliche Eid —"
„Wird Sie hoffentlich nicht hieran hindern," unter-brach ihn Wolfgang, „wenn ich Ihnen die Versicherunggebe, daß ich dem Burschen nicht schaden, sondern ihnvor dem Zuchthause retten will. Also sprechen Sie freiheraus," fuhr Wolfgang fort, „wie heißt der Mann,dessen Name mißbraucht worden ist?"
„Er heißt Maitland," gab der Jude zur Antwort.
„Maitland?" wiederholte der Baron. „Etwa OttoMailland?"
Nathansohn nickte. „Er wohnt Unter den Linden.Der Herr Baron sind erschrocken," fügte er forschend hinzu.
„Ich bin mehr überrascht, als erschrocken," cnt-gegnetc Wolfgang, „weil der Zufall will, daß ich mitdem genannten Herrn ziemlich genau bekannt bin. Wieaber kommt der junge Ncttberg gerade zu diesem Namen?"
„Wie wird er dazu kommen!" sagte der Jude.„Lebt doch der Maitland in der großen Welt, ist erdoch ein Mann von großem Reichthum und sein Nameso gut wie baar Geld. Das wird das Jüngelchen ge-wußt haben."
Wolfgang zweifelte keinen Augenblick, daß seinFreund aus seine Bitte jeden Gedanken aufgeben würde,den jungen Verbrecher zu verfolgen; doch vermochte erdie Befürchtung nicht zu unterdrücken, Mailland könntevon der Macht, die er dadurch über Ncttberg erlangte,gegen dessen schöne Schwester Gebrauch machen.
Es lag ein Zauber in MaitlandZ Wesen, ein Reizin seiner Beredsamkeit, dem Wolfgang selbst nicht wider-stehen konnte; bei all seinem hellen Verstände kam ihmim Gespräch mit Maitland die klare Unterscheidung vonRecht und Unrecht abhanden, oder es kostete ihn wenig-stens einen Kampf, sich beides gegenwärtig zu halten.
Besorgt fragte sich Wolfgang, welchen Einfluß einsolcher Mann über ein junges, unerfahrenes Mädchen,wie Melanie Ncttberg, gewinnen könne.
„Wenn ich wüßte," unterbrach Wolfgnng sein Schwei-gen, „in wessen Händen sich der Wechsel befindet, sowürde ich ihn sofort einlösen."
„Und der Herr Maitland brauchte nichts zu er-fahren von der ganzen Geschichte," nickte der Judelächelnd. „Ich verstehe, ich verstehe. Aber wer sollwissen, wo das Wechselchen jetzt in der Welt herumfährt?Und die Zeit ist knapp bis zum Verfalltage.
„Nun, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang nachkurzem Ueberlegen, „auf alle Fälle ist mir die von Ihnenerhaltene Auskunft sehr werthvoll. Ein solcher Dienstläßt sich nicht belohnen. Um aber wieder auf die altgric-chische Vase und die antike Damascenerklinge zurückzu-kommen, wovon Sie mir gelegentlich erzählten, so wür-den dieselben ein paar fühlbare Lücken in meiner kleinenAlterthumssammlung ausfüllen. Schicken Sie mir diesebeiden Gegenstände in mein Hotel, Herr Nathansohn, undvergessen Sie nicht,' die quittirte Rechnung beizufügen."
Der Baron empfahl sich rasch, ohne dem JudenZeit zu seinen üblichen Ehrfurchtsbezeigungen zu lassen.