„Gott ! was'n Mann!" rief Nathansohn bewun-dernd, „was'n feiner Aristokrat! Unbesehen und ohnezu handeln nimmt er die Base und den alten Damas-cenersäbel . . . Gott ! am Ende hätt' er auch genommendas vergoldete Sesselchen, wenn ich ihm hätt' gesagt, 'swär' der Thron, auf dem schon hätt' gesessen der KönigSalomo . O, Moses Nathansohn, was biste doch gewesenfür'n Schafskopf l"
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Wolfgang begab sich wieder zu Frau v. Prachwitz,deren Obhut Fräulein Nettberg wohl am sichersten an-vertraut werden konnte. Er traf zunächst Felicitas.Nach den üblichen Begrüßungen steuerte er sofort aufsein Ziel los.
„Ich muß mich an Ihre Tante und an Sie wen-den," fuhr Wolfgang fort, „denn ich bedarfsder Hilfeedelgesinnter Frauen — um eine junge Dame zu schützen."
Felicitas war in hohem Grade überrascht über dasAnsinnen des Jugendfreundes, der sofort eine Erklärungüber die Art und Weise seines Zusammentreffens mitdem Schützling gab. Er berichtete von seiner Begeg-nung mit Quinna und fügte erläuternd hinzu: „JenerHerr von Quinna, ein gemeiner Abenteurer, hatte dieDame mit Absichten aufgesucht, welche im höchsten Gradebeleidigend, ja beschimpfend für ein unschuldiges und-liebenswürdiges Mädchen waren, das unter dem Druckder Armuth leidet und niemanden in der Welt zur Seitehat, als einen allen Lastern und Verbrechen ergebenenBruder, der ohne jedes Bedenken seine Schwester ver-rathen und verkaufen würde. Ich hatte durch eine drittePerson von der Lage des jungen Mädchens gehört; derWunsch, etwas für sie zu thun, und die Hoffnung, ihrenBruder vielleicht vor gänzlicher moralischer Verkommen-heit retten zu können, führte mich in die Wohnung derGeschwister, Fräulein Nettberg machte auf mich sofortden Eindruck, daß sie unverdorben und tief bemitleidens-wert sei. Sie können sich daher leicht denken, Felict-tas, daß ich sie nicht in meiner Gegenwart wollte be-leidigen lassen. Ich muß zum Schutze der Dame abernoch mehr thun, denn sie ist ganz auf meinen Beistandbeschränkt. Es kommt leider sehr selten vor, daß sichein junger Mann ohne eigennützige Beweggründe einesschönen jungen Mädchens annimmt. Ich möchte nichtin einen solchen Verdacht gerathen, und daher bedarf icheiner Mittelsperson, welche an meiner Stelle handeltund derartiger Beargwöhnung unerreichbar ist."
„Und in welcher Weise könnten diejenigen, an welcheSie Ihre Beschützerrolle abtreten möchten, am geeignet-sten für die Dame sorgen?"
„Zunächst dadurch, daß sie dieselbe so rasch wiemöglich aus ihrer Wohnung entfernen."
„Ist sie in Gefahr?"
„Jener Herr von Quinna besitzt eine Macht überihren Bruder, welche ihr selbst verderblich werden kann."
„Ach!" entgegnete Felicitas mit einem schwermüthi-gen Lächeln, „ich kann das alles sehr wohl begreifen,nur das begreife ich nicht, wie ein Bruder so schändlichsein kann, auf das Verderben seiner eigenen Schwesterauszugehen."
„Müßiggang , Genußsucht und — laot, not Isast —die Furcht vor dem Zuchthause, — das sind seine Trieb-federn. Seine Schwester muß vor seinen Zudringlich-keiten geschützt werden, und wenn Sie und Ihre Tante
dabei helfen wollen, so wird Ihnen das arme Mädchendafür dankbar sein und ich nicht minder, Felicitas."
„Ich will alles thun, was Sie wollen, Wolfgang,"rief Felicitas mit glühendem Gesicht. „Vielleicht wissenSie, daß es mir an Mitteln, ihr zu helfen — ich meinemit Geld — durchaus nicht fehlt."
„O, was das betrifft," versetzte Wolfgang lächelnd,„so lassen Sie nur mich sorgen. Ich besitze weit mehr,als ich gehörig anzuwenden weiß, und möchte Sie daherzu bewegen suchen, mir bei der Verfügung über meinenReichthum, welcher zu groß ist, um mir nicht ernsteVerpflichtungen aufzuerlegen, Ihren Rath zu ertheilen.Wollen Sie meine Mahnerin zum Guten sein, Felicitas?"
„Recht gern, Wolfgaug," antwortete das jungeMädchen mit leiser Stimme und das Auge senkend,„wenn ich eitel genug sein könnte zu glauben, daß meineRathschläge Ihnen nützen würden."
Der Baron hatte während dieser Unterredung man-cherlei Zeichen an ihr beobachtet, welche seine Hoffnungbelebten. Der feurige Glanz ihres Auges erhöhte sichnoch, wenn sich dasselbe plötzlich zu ihm erhob; im Toneihrer Stimme lag etwas Bewegtes, in ihrem Wesen einegewisse Befangenheit, — das alles verkündete ihm, daßer mindestens die Macht besitze, Bewegungen in ihremHerzen hervorzurufen. Wer weiß, wohin die jüngsteWendung des Gesprächs geführt haben würde, hätte nichtdas Tönen der Vorsaalglocke verrathen, daß Frau vonPrachwitz zurückgekehrt sei.
„Lassen Sie mich also das Siegel auf Ihr Ver-sprechen drücken, liebe Felicitas," sagte Wolfgang, indemer ihre schöne Hand ergriff und sie respektvoll an seineLippen führte.
„Auf welches Versprechen?" fragte sie befangen.
„Meine Mahnerin zu sein," erinnerte er, und gernehätte er hinzugesetzt: „für's Leben," doch wollte er indiesem Augenblick nicht alles wagen, auch trat Frau vonPrachwitz soeben in's Zimmer.
Die im Hotel erhaltene Auskunft, daß der Baronausgegangen sei, hatte ihr zu großer Beruhigung ge-reicht, und nun war sie sehr erfreut, ihn gerade hier,an Felicitas' Seite, zu finden. Sie war beiden mitgleicher Herzlichkeit zugethan und hielt es für das Na-türlichste von der Welt, daß die Jugeudgespielen sich ineinander verlieben und das glücklichste Paar von derWelt werden müßten. Das war schon gestern Abendihr Gedanke gewesen.
Der Baron erzählte seine Geschichte und wußte diewarm fühlende Wittwe für Melanits Schicksal lebhaftzu interessiren. Sie war erfahren genug, um sofort dieGefahr zu begreifen, vor welcher der Baron das schöne,unschuldige Kind zu schützen trachtete.
„Ich will mit Felicitas morgen Ihren Schützlingaufsuchen," erklärte sie sich bereit, „und wir werdenalles- zu Ihrer Zufriedenheit ordnen. Wir werden jasehen, wie wir die junge Dame bei uns unterbringen.Sie könnte in dem kleinen Zimmer neben dem Deinigenschlafen, Felicitas."
„Auf einige Tage allerdings, liebe Tante," ver»setzte Felicitas, „bliebe sie länger hier, so würde derZweck kaum erreicht werden. Sie soll von ihrem Bruderentfernt werden; wie leicht könnte sie demselben aberauf einem Ausgange begegnen! Ich will daher an meinenVater schreiben; in unserm Hause gibt es genug Zimmer,die ihr zur Verfügung stehen."