Ausgabe 
(6.7.1894) 55
Seite
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O, liebe Felicitas! Au Deinen Vater schrei-ben?" wandte Frau v. Prachwitz bedenklich ein.AnDeinen Vater schreiben! Du kennst ihn so gut wie ich!"

Das junge Mädchen crröihete.

Nun, ich wollte Dich nicht kränken," sagte dieTante, dies beincrkend,versuche es iwmcrbin und schreibean Deinen Vater. Sollte er Schwierigkeiten wachen, sowird sich leicht ein anderes Anskunftsmittel finden. Wirhaben ja vor, auf einige Wochen nach Rügen zu gehen,und da können wir Fräulein Nettberg mitnehmen."

Ich werde sie sogleich durch ein paar Zeilen vonunserm Besuch verständigen, damit wir sie morgen sicherzu Hause antreffen," tagte Felicitas.

Thue das." nickte die Tante,und laß Dir vomBaron die Adresse sagen."

Auf Einladung seiner Gönnerin blieb Wolfgangden ganzen Abend über da, der ihm noch angenehmerverging, als der gestrige. Das Gespräch lenkte sich aufvergangene Zeiten; theure Erinnerungen an seine ver-storbenen Eltern und die Stunden, wo er und Felicitasin diesen Räumen als Kinder mit einander gespielt hatten,traten, durch die mütterliche Freundin geweckt, wiederlebendig vor seine Seele, so daß er in ungleich weihe-voller Stimmung als gestern das Hans verließ . . .

Am andern Vormittag fuhren Frau von Prachwitzund Felicitas nach der entlegenen Vorstadt, in welcherMelanie Ncttberg wohnte. Die beiden Damen warennoch nie in diese Gegend gekommen.

Als sie das Haus mit dem höhlenartigen Hofe be-traten, die zerlumpten Kinder auf den Treppen sahen,von denen eins, sich verwegen über das Geländer hängend,blitzschnell an ihnen vorübergerutscht kam, als sie ausunsichtbaren Räumen zankende und keifende Stimmenvernahmen, da sank ihnen der Muth, und die etwasnervös veranlagte Frau von Prachwitz gerieth beinahein Versuchung, wieder umzukehren.

Die Wirthin mit dem allezeit offenen Ohre trat,als sie von draußen leise Schritte vernahm, aus ihrerstets nur angelehnten Thüre und war nicht wenig über-rascht, zwei so vornehme Damen vor sich zu sehen, dienach Fräulein Ncttberg fragten. Sie zeigte ihnen dasZimmer, welches Frau von Prachwitz zuerst betrat.

Melanie stand an dem Tische, worauf noch Felici-tas' erbrochener Brief lag, und legte hastig und mit ver-störtem Blicke eine Zeitung bei Seite. Frau von Prach-witz war beim ersten Anblick des jungen Mädchens fürsie gewonnen. Sie ergriff mit warmherziger Lebhaftig-keit Melanies Hand und theilte ihr in den zartestenWorten mit, wie rühmend der Baron von ihr gesprochen,welche innige Theilnahme er für sie erweckt habe undwas nun für sie geschehen solle.

Jetzt erst bemerkte Melanie Felicitas, die sich bis-her hinter ihrer Tante gehalten hatte. Die beiden reizen-den Mädchen standen da und blickten einander stumman, als sei jede erstaunt über die Schönheit der andern.Aber sei es nun, daß Melanie ihr Schicksal in deraußerordentlichen Schönheit Felicitas' las oder daß fürihr aufgeregtes Gemüth jener rasche Wechsel der Empfind-ungen zu viel gewesen war, sie erbleichte plötzlichund sank ohnmächtig in Felicitas' Arme.

XIV.

Um dieselbe Zeit, wo die eben erzählte Scene vorsich ging, kleidete sich der Baron von Sturen zum Aus-

gehen an, um seinen Freund Maitland aufzusuchen undmit diesem über die fatale Angelegenheit des jungenRettberg zu sprechen. Er wollte eben nach Hm undSpazierstock greisen, als an der Thür gekiopft wurde.Der Besucher war Maitland selbst.

Nun, wie geht es fragte der Ankömmling.Gut,wie ich sehe.

Gerade zu Ihnen wollte ich, Maitland," erwi-derte Molfgang,in einer ziemlich wichtigen Sache."

Und ich komme zu Ihnen, Baron," versetzte derAndere mit einem seltsamen Lächeln,in einer ziem-lich interessanten Sache. Aber bitte, lassen Siemich zunächst Zuhörer sein."

Nein, Maitland, sprechen Sie zuerst," ersuchteWolfgang. Beide setzten sich.

Nun, so hören Sie, Baron," begann der Andere.Ich habe soeben erfahren, daß sich ein Wechsel auffünfzehnhundert Mark in Berlin hernnureibt, der angeb-lich von mir acceptirt sein soll. Zufällig trifft es sich,daß ich einige Tausende auf's Jahr mehr habe, alsmeine Wünsche und Gewohnheiten erfordern und sohabe ich noch keinem Menschen auf Erden ein solchesDing ausgestellt. Einen ähnlichen Gedanken mochte wohlauch der Banquier haben, in dessen Portefeuille derWechsel gestern oder heute übergegangen ist, denn erschickte denselben zu mir und ließ mich fragen, ob dieSache in Ordnung sei."

Und was gaben Sie zur Antwort?" fragte Wolf-gang ängstlich gespannt.

Ich ließ dem Banquier sagen, ich werde selbst zuihm kommen. Der Name des Ausstellers, der sich er-laubt hat, mein gefälschtes Accept auf den Wechsel zusetzen, veranlaßte mich hierzu, denn er lautet EduardRettberg, und ich weiß, daß dieser Betrüger Ihr Schütz-ling ist."

Sie sagen mir da nichts Neues, Maitland," ent-gegnete Wolfgang nach kurzem Bedenken,ich bin eben-falls von der Fälschung unterrichtet und wollte deshalbsoeben zu Ihnen kommen, um Sie zu bitten, den leicht-sinnigen Menschen nicht vor Gericht zu ziehen. Ich habenichts hinzuzufügen, als daß ich bereit bin, den Wechselselbst einzulösen."

Maitland lachte.Sie schützen also doch das Lächelnder jungen Dame auf fünfzehnhundert Mark? Nun,Ihnen zu Gefallen will ich thun, was ich kann."

Wolfgang sckwieg, während er mit sich selbst kämpfte.Er wußte, was Maitland argwöhnte.

Sie sind im Irrthum," ergriff er endlich dasWort.Ich wünsche, den Burschen zu retten, allerdingsnicht seiner selbst wegen, sondern aus Rücksicht auf seineSchwester, aber ohne jede unlautere Nebeuabsicht aufdiese. Und was auch aus dem verworfenen Bruderwerden möge, so haben sich doch Personen gefunden,welche sich für die junge Dame interessiren und dafürSorge tragen werden, daß sie nicht, durch Armuth bewo-gen, der Versuchung zum Opfer fällt."

Nun, Baron," entgegnete Maitland,wenn Siedie Gelegenheit, die sich Ihnen darbietet, nicht benützenwollen, so ist das Ihre Sache. Für mich aber ist jetztdie Gelegenheit so günstig, daß ich, der Versuchung weni-ger gewachsen als Sie, meinen bösen Antrieben ein wenignachgeben muß."

Maitland!" rief der Baron aufspringend und desAnderen Arm ergreifend,Sie versprachen mir"