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„Ja, ja, ich erinnere mich wohl meines Verspre-chens," entgegnete Maitland, „aber unsere Stellung hatsich inzwischen verändert. Ich bin jetzt selbst in dieSache verwickelt worden, ohne es zu wollen."
„Und Sie wollen wirklich dem schlechten Beispieledes Herrn von Quinna folgen," rief Wolfgang, „Siewollen das Verbrechen des Bruders gegen die Ehre derSchwester ausspielen?"
„Herr!" fuhr Maitland auf, seinen Kopf in denNacken werfend und den Baron aus wild flammendemAuge anblickend. Im nächsten Moment faßte er sichjedoch wieder, von seiner Stirn wich der finstere Aus-druck, sein Blick besänftigte sich. „Nein, Baron, sagenSie das nicht. Ich will aus der Furcht des Mädchenskeinen Nutzen ziehen, welchen Gebrauch ich auch von ihrerDankbarkeit machen mag."
„So geben Sie mir Ihr Wort, daß der Brudergerettet werden soll?" fragte Wolfgang.
„Ich verspreche Ihnen, so weit es mir möglich ist,den Burschen zu retten," antwortete Maitland nach augen-blicklichem Nachsinnen. „Was meine fernere Handlungs-weise in dieser Sache betrifft, so werde ich mich von denUmständen bestimmen lassen. Ich leugne nicht, daß ichmich für das Mädchen iuteressire und sie zu sehenwünsche. Und darin werden Sie nichts Bedenklichesfinden, Baron."
„Erlauben Sie mir aber die Frage," entgegneteWolfgang, „warum Sie nur bedingungsweise davonreden, den Bruder des Mädchens vor den Folgen seinesVerbrechens bewahren zu wollen. Die Sache ist ja aufdie einfachste Weise von der Welt erledigt, wenn SieMich den Wechsel bezahlen lassen."
„Das Letztere ist das Wenigste," versetzte Maitland,„denn ich bin selber nicht eben geizig, Baron, und essoll niemand Anderer als ich das Geld bezahlen. Wennich bedingungsweise redete, so geschah es weil —"
Er unterbrach sich und versank in Nachdenken. End-lich streckte er seinem Freunde die Hand entgegen undsagte: „Wir haben einen kleinen Zwist gehabt, aber wirwollen wieder Freunde sein. So lassen Sie uns dennüberlegen, was wir für Fräulein Rettberg's Bruderthun könen."
Der Baron drückte ihm warm die Hand. Beidekamen überein, daß Maitland zu dem Banquier geheund den Wechsel einlöse. Nettberg sollte in keiner Weisezur Verantwortung gezogen werden, aber nur unter derBedingung, daß er mit dem nächsten Hamburger Dampfernach Amerika abreiste. Er sollte mit den nöthigen Geld-mitteln versehen werden, und man wollte dafür sorgen,daß er in Amerika eine Anstellung erhielte.
Maitland ging so bereitwillig auf diesen Plan ein,daß die Macht seines Einflusses auf Wolfgang und derReiz seines Umganges wiederhergestellt waren, als erdiesen verließ, um die nöthigen Schritte zur Einlösungdes gefälschten Wechsels zu thun.
(Fortsetzung folgt.)
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GotükSrner.
Dem Geiz ist nichts zu viel.
Durch den dreieinen Gott du bistGemacht, erlöst, geheiligt, Christ,
Ihm schwurst im heil'gen Tausbund du
Mit Leib und Seel' dich ewig zu. K.
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Neise-Skizze des bayerischen Pilgerzugrs nachLonroes 1894.
(Fortsetzung.)
Vorher sahen wir noch links den hohen Berg Ven»toux, und können wir nicht unerwähnt lassen Carthözon,ein interessantes Städtchen mit von Thürmen flankirtenWällen und Thoren aus dem 14. Jahrhundert, dabeiein glänzendes, modernes Schloß. Nach ein paar weiterenStationen erscheint vor unseren Blicken Avignon, sehrschöne Stadt mit 41,000 Einwohnern, einem ErzbischosS-sitz, Aufenthalt der Päpste von 1309 bis 1377, malerischauf einem Hügel gelegen; wir eilen vorbei, werden aberauf der Rückreise I^Std. Aufenthalt haben. Wir kom-men nun nach Taraseon, 9320 Einwohner, gegenüberBeaucair, mit einem Schloß aus dem 14. Jahrhundertund der Kirche der hl. Martha, welche die Stadt voneinem Ungeheuer „Tarasqne" befreite. Das alte Schloßdes Königs Rena überragt die Stadt. Es folgt nun eineweitere große Bahnstrecke: Tarascon-Toulouse, 335 Km.lang, mit 53 Bahnstationen. Südlich von hier, gegenArles zu, wird eine weit ausgedehnte Ebene als dasSchlachtfeld bezeichnet, auf dem nach hartem Kampfe KarlMartell die Sarazenen besiegte. Beim Durcheilen dieserGegend begegnet man überhaupt einer Menge geschicht-licher Denkmäler; römische und griechische, sarazenischeund christliche Geschichte spielte sich in dieser Gegend abund ließ ihre tiefen Spuren zurück. Wir gelangen nunnach Nim es, einer der bedeutendsten Industriestädte desSüdens, aus ihr sind viele berühmte Männer hervorge-gangen, u. a. in alter Zeit der nachmalige römische KaiserAntonius Pins, in neuerer Zeit Nicot, der die Tabaks-pflanze im 16. Jahrhundert aus Portugal einführte, weß-halb das in ihr enthaltene Gift Nicotin genannt wird,in neuester Zeit der bekannte französische StaatsmannGuizot . Hier konnten sich die Pilger wieder restauriren,da sehr guter Wein zu haben war, u. a. feuriger Mus-cat, der in der Umgebung von Lunel wächst; für die nochlangdauernde Tour brauchten wir Stärkung; sogar Flaschen-bier war zu haben aus einer Brauerei zu Nimes ; es istauffallend, daß die Bierbrauerei selbst in berühmten Wein-gegenden Frankreichs mehr und mehr an Boden gewinnt;das Bier war jedoch ziemlich theuer. Diese alte Stadtzählt 70,000 Einwohner und besitzt auch ein aus derrömischen Zeit stammendes Amphitheater, für 24,000 Zu-schauer berechnet.
In Montpellier halten wir (6 Uhr Abds.) wiederan, nur wenige Minuten; diese Stadt mit 53,000 Ein-wohnern ist ein Bischofssitz und gilt als Heimath deShl. Rochus, hatte einst hohen Ruf in der Medizin undNaturwissenschaft; es hat meist enge Straßen, aber sauberund gut gehalten; hier wurde durch den Friedensschluß21. Oktober 1622 der 9. Hugenottenkrieg beendigt; amBahnhof eine hübsche Anlage, Square genannt; Kathedraledes hl. Petrus. Die Eisenbahn führt hinter Montpellier durch eine reichbepflanzte Ebene und überschreitet dasMosson-Flüßchen, bei der Stat. Mireval überschreitet dieBahn zwei Sümpfe, dann über einen Kanal und mittendurch das Wasser nahe dem offenen Meer auf einem 1300Meter langen Damm nach Cette am Mittelmeer. Hierwar Wagenwechsel; die bisherigen bequemen Waggonsmußten wir mit etwas beschränkten Wagen vertauschen,wo man kaum das Gepäck unterbringen konnte I — DieAllermeisten sahen zum Erstenmale das Meer; mir wares nicht fremd, da ich 1880 von Neapel aus mit der