bayerischen Palästina-Karawane über das Mittelmeer nachAlexandria fahr. Es liegt etwas so Ernstes und Maje-stätisches in demselben, daß man voll Ehrfurcht Tage langdies Wunder der Schöpfung betrachten kaun; der Gedankean die Allmacht Gottes, an die Ewigkeit liegt nirgendsnäher, als wenn das Auge über den unermeßlichen Meeres-spiegel schweift. Cette, sehr hübsch gelegen, zieht sich umden Fuß eines schroffen Felsbergcs und ist eine sehr be-lebte Haftn- und Handelsstadt, Festung dritten Ranges,mit 35,000 Einwohnern; von hier aus werden die bestenfranzösischen Weine in die Welt gesendet, und zwar mitdem echten sehr viel künstlicher Wein; auf den Aushäug-schildern ist die künstliche Fabrikation ganz offen ange-kündigt; hier sind 2000 Küfer beschäftigt, in den Schiff-banwerkstäiten 1200 Arbeiter; große Stockfisch-Trocknereien.Die Fischerei vom 1. Juli bis 1. März bei der Rückkehrder Fische aus den Teichen ist sehr ergiebig; die nahenTeiche mit Salzwasser liefern jährlich 24,000 Zentner-Fische, 7000 Zentner Aale, 45,000 Zentner Muscheln,15,000 Wasservögcl; auch feine Austern werden gezogenneben den gewöhnlichen. Der Hafen der Stadt ist sicher,erfordert aber, um ihn vor Versandung zu schützen, jedesJahr kostspielige Arbeiten. Die Salinen liefern ein fürSeesalzgewinnung außerordentlich reines Salz von blen-dend weißer Farbe und pikantem Geschmack. 179 Meterüber das Meer erhebt sich der Berg Ste.-Claire.
Von Cette aus genießt man lange den Anblick desMeeres; bald kommt uns ein Wunderwerk des Südens,der Cana! du Midi, entgegen, der, im Jahre 1681 voll-endet, in einer Länge von 239,000 Met. die Gewönnemit dem mittelländischen Meere verbindet und sein Wasserbald rechts, bald links von der Bahn in allen Formen,als flacher Canal, in Tunnels, in Berg- und Felsein-schnitten, dem Meere zusendet. In Cette beginnt die Mit-tclmeerbahn.
Bald nach der Ausfahrt rechts Aussicht auf denEtang de Thau, der mit seiner stillen Wasserfläche undGebirgsumrahmung einem Alpensee gleicht. Inzwischen istes Nacht geworden, die durchsausten Gegenden find abervom Mondlicht beschienen. Wir eilen vorbei an der StadtAgde am Canal du Midi , in fruchtbarer Ebene, in derNähe ein längst erloschener Vulcan. Die Bahn verläßtnun das Meer und führt durch die trefflich bebauten Ge-filde von Languedoc mit eigenthümlicher Weinkultur, rechtssieht man die Berge der Cevennen. Wir kommen um 9Uhr Abends nach Beziers , das Loterras der Römer,Stadt mit 43,000 Einwohnern, in herrlicher Lage übereinem gartenähnlichen Thal am Canal du Midi; die Stadthat eine gothische befestigte Kathedrale St.-Nazaire, warim 13. Jahrhundert Hauptsitz der Albigenser, steht selbstin Frankreich nicht in gutem Rufe; 1890 hat die erstebayerische Pilger-Karawane eine unliebe Scene erlebt durcheiniges Gesinde!. Es waren Alle angewiesen, sich ruhigzu verhalten, weder laut zu beten noch zu singen — und> auch nicht auszusteigen, z. B. zum Büffet; es waren ca.50 Personen auf dem Perron, aber der Chef der Stationhielt Ordnung. Und so fuhren wir nach 10 Minuten Auf-enthalt weiter über den Orbefluß, dann ein Tunnel, überwelchen der Canal du Midi hinweggeht; nachdem 26 Km.zurückgelegt sind, kommen wir nach Narbonne, welchemseine alten Thürme und Kirchen ein ernstes mittelalter-liches Gepräge geben; die Kathedrale, deren Chor einesder edelsten Bauwerke gothischen Stils, ist dem hl. Justusgeweiht; die Stadt soll der Geburtsort des hl. Sebastian
sein. Von hier eine Eisenbahn nach Perpignan an diespanische Grenze. 58 Kilometer weiter gelangen wir nachCarcassonne, einer Stadt mit 27,000 Einwohnern,Festung, drei gothischen Kirchen: St.-Viucent und St.-Michcl, St.-Nazaire. Vorbei an Villefranche . Die Bahnnach Toulouse bietet links, besonders bis Station Bram,eine prachtvolle Ansicht der Pyrenäen , die in gewaltigerAusdehnung die Strecke weithin begleiten.
Rechts läuft der Canal du Midi , der 17 MillionenFrcs. gekostet hat; er beginnt in Toulouse und verbindetdurch die Garonne daS atlantische Meer mit dem Mittel-meer ; er ist 239 Kilometer lang, 20 Meter breit, 2^Meter tief, hat 62 Schleusen und führt an 55 Stellenauf Arkaden über anders Gewässer; er hat ein paarHäfen, berührt Narbonne, mündet hinter Agde in denThau und steht dnrch diesen mit dem Mittelmeer in Ver-bindung. Von Villefranche durch eine sehr reiche, schönesGetreide erzeugende Gegend, mit üppigen Gemüsegärten»schloßartigcn Landsitzen und alten verwitterten Kirchen mithohen Thurmfagaden in unmuthiger Abwechslung geschmückt— nach Toulouse . Es ist die sechstgrößte StadtFrankreichs mit 147,600 Einwohnern in einer fruchtbarenEbene; ist Sitz eines Erzbischofs, hoher Gerichtshöfe,Universität, höherer Lehranstalten — die Garonne theiltsie in Stadt und Vorstadt. In Geist und Körperbildungzeigt sich bei den Bewohnern ein eigenthümlicher südlicherTypus; die Stadt hieß bei den Römern Noiosa, hat sehrsehenswerthe Kirchen, wie die Kathedrale St.-Etienne,St.-Sernin, eine großartige 5schiffige romanische Kirche,im 14. Jahrhundert beendigt, die größte und schönsteKirche in Toulouse , eines der bedeutendsten Bauwerke vonFrankreich , mit Krypta, im Chor der berühmte Umgang,die Dour äss Oorps 8rrints, in besonderer Verehrung,mit den heil. Leibern von St. Saturnin, Thomas vonAquin und vielen anderen Heiligen, dann der zweischiffigeBau der Dominikanerkirche, die Kapelle der Inquisitionmit der Zelle, welche der hl. Dominikus bewohnte, alser hier verweilte, ferner das Museum mit griechisch-römischen und mittelalterlichen Alterthümern, der Justiz-palast, das Kapital, ein großer Renaissancebau u. s. w.Toulouse war einst Mittelpunkt der Kriege gegen die Al-bigenser, die mit Feuer und Schwert vertilgt wurden;1562 wurden 4000 Hugenotten in den Straßen derStadt niedergemacht. Bei Toulouse fand der letzte Kampfgegen die Herrschaft Napoleons I. (Marschall Soult) statt.
Die Bewohner von Toulouse waren schon imMittelalter berühmt durch ihre dichterischen Anlagen;seine Troubadours waren zahlreich, berühmt in Minne-liedern und religiösen Dichtungen.
Von Toulouse führt die Bahn nach Muret (21 km),Stadt mit 4200 Einwohnern, wo sich 1213 das Schicksalder Albigenser entschied. Bei der Station St.-Julienpassirt man die Garonne; von hier an wird die Fahrtinteressanter, die Pyrenäenkette tritt näher hervor.St.-Gaudens, 91 km von Toulouse , ist eine alte, engeStadt auf einer Anhöhe; auf der folgenden Bahnstreckebemerkt man zu beiden Seiten auf den Bergen alteSchloßruinen. Die Stadt Montrejeau (104 km) liegtsehr schön und bietet ein weites Panorama der Pyrenäen .Von Capvern (127 km) gelangen wir nach Tarbes ,Sitz eines Bischofs, zu dessen Diöcese auch Lourdes ge-hört. Schon vom Bahnhof aus hat man ein herrlichesPanorama der Pyrenäen vor sich, welche, einer Niesen-mauer gleich, Spanien und Frankreich scheiden. Der