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Uebergang zum spanischen und baskischen Charakter voll-zieht sich schon auf französischem Gebiet; die Leute zeigensich ernster, ruhiger, charaktervoller in ihrem ganzenWesen. Auf dieser Strecke sah man weniger Weinbau,dagegen mehr Getreidefelder und Wiesen, eingefaßt vonObstbüumen. Es hatte wahrend der Nacht geregnet indiesen Gegenden, wie wir wahrnehmen konnten, und nochkamen einzelne Regenschauer. Die Stadt ist schön, inder Nahe des Bahnhofes sind große Fabriken, aus denenbesonders Thonarbeiten hervorgehen; ihr reges Lebenhat sie großentheils dem nahen Lourdes zu verdanken.Die Stadt, welche 18,000 Einwohner zählt, bildet einenCentralort für die Pyrenäen -Reisenden, welche sich vonda in das Gebirge und in die Pyrenäen begeben; sie istauch Hauptstadt des Departements der Hoch-Pyrenäen.Die öffentlichen Plätze und Straßen der Stadt sind mitüppigen Alleen von Linden, Ulmen und Akazien bepflanzt.Alles soll der Garten des Massel) übertreffen, der denGarten aus eigenen Mitteln anlegte und der Stadt zumGeschenke gemacht hat. Von den öffentlichen Gebäudenist die bischöfl. Kathedrale bcmerkenswerth. Der Bischofhält sich auch oft in Lourdes auf, wo ihm eine große,geräumige Wohnung zur Verfügung steht, und erhöht dieFeier an gewissen Festtagen.
Von hier fährt eine Zweigbahn, 82 lern lang, nachdem berühmten Pyrcnäcnbad deBigorre, mit 40 kalkhaltigenSalinenguelleu, schon den Römern bekannt.
Nur noch eine Stunde Eisenbahnfahrt, das Augewendet sich nicht mehr vom Fenster weg; je tiefer wirin die Pyrenäen , in die ersten schroffen Abhänge desHochgebirges eindringen, um so lauter Pacht das Herzvon freudiger Sehnsucht; Müdigkeit und Schlaf ist ver-gessen, ebenso Hunger und Durst. Zur Stillung desHungers hatten sich die Meisten mit Lebensrnitteln vor-gesehen, und Wein war ja auf den größeren Stationenan den Büffets zu haben. Die Gedanken eilen vorauszur Mutter Gottes; endlich erklingt freudig der NameLourdes , wir sind am Ziele unserer Wünsche. Eswar vormittags 9 Uhr.
Als wir aus den Waggons gestiegen waren, sam-melten wir uns um den Direcior. Alle erhielten Quartier-karten, und nun eilten wir, die Einen zu Fuß, Anderein Wagen, hinein in die Stadt, suchten unsere Quartiereauf. Ein großer Theil war an's Hotel Brnnis an-gewiesen, dessen Eigenthümer (aus Elsaß stammend) auchdas benachbarte Hotel Beige, Hotel Sti-Joseph undHotel Bethanie gepachtet hatten, sowie Privatquartiere.Für Quartier und vollständige Beköstigung hatten wirnur 7 Francs pro Tag zu bezahlen. — Nun Einigesüber die Stadt.
Noch vor 3 Jahrzehnten war Lourdes eine StadtMit 4000 Einwohnern, die ihren stillen täglichen Geschäftennachgingen, — über die Grenzen Frankreichs hinaW wenigbekannt. Die Lage, mitten im Hochgebirg, am äußerstenSüdende Frankreichs, nahe der spanischen Grenze, schloßsie gleichsam von der übrigen Welt ab, Die Stadt selbstbesteht aus mittelgroßen Häusern, engen Straßen, grup-pirt am Fnße eines hohen Felsenrückens, der von einermalerischen, hochgelegenen Festung gekrönt ist. Jenseitsdieses Felsens strömt der Gave vorbei. Die Festunghatte als Schlüssel zu den Thälern der Pyrenäen einsteine hohe Bedeutung; jetzt hat sie nur noch malerischesund historisches Interesse. Anfang dieses Jahrhundertsdiente sie als Staatsgefnngniß. Lourdes ist ein Knoten-
punkt vieler Straßen, die zu den warmen Pyrenäenbädernführen, sowie zu 2 spanischen Gebirgspässen, sowie nachPau, Tarbes.
Die Einwohner von Lourdes haben, wie die übrigenGebirgsbewohner, einen tiefreligiösen Sinn, der sich be-sonders in zahlreichen, hier schon längst bestehenden reli-giösen Vereinen kundgibt.
11m 11 Uhr war die Begrüßung, die erste Andachtund Huldigung an die allerseligste Jnngfran in derFelsengrotte Massabielle anberaumt. Wenn man vonder Stadt hinaustritt, ist es zuerst die Brücke über denGaveflnß, welche man passirt, dann kommt ein ungeheurergroßer und länglicher Platz, ca. 300 rn lang und 100 inbreit, mit prächtigen Anlagen und vielen Bäumen, längsdes FlnsseS, an dessen Anfang die Statue des heiligenMichael steht, mit mächtig geschwungenem Schwert. Inder Mitte dieses Platzes befindet sich das Zeichen deSsiegenden Heilandes, ein hochragendes, metallenes Kreuz,und am Ende des schönen Platzes die große, kunstvolleStatue der gekrönten Madonna, mit einem Siernenkcanzegeschmückt und im Jahre 1876 durch den päpstlichenNuntius im Auftrage Pins' IX. mit einer Krone vonGold und Edelsteinen gekrönt; aus Diamanten undBrillanten, geopfert von den Damen Frankreichs. Da-mals waren 100,000 Pilger zugegen. Nachts bei denLichter-Processionen wird sie beleuchtet und strahlt imhellsten Glänze. Auf der rechten Seite befindet sich dasPilgerhans, Abri genannt. Das lange Parterre diesesgroßen Hauses besteht aus einem einzigen großen Saale,in welchem sich die Pilger zu verschiedenen Besprechungenversammeln. Vor unseren Augen erhebt sich die herrlicheBasilika, unter deren Vorplatz die großartige, geräumigeRotunda sich ausdehnt, welche nach den 15 Altärenzu Ehren der 15 Geheimnisse des Rosenkranzes gewöhnlichNosenkrauzkirche genannt wird. Auf der Höhe deS FelsensMassabielle, über der heiligen Grotte der wunder-baren Erscheinung Mariens, erhebt sich die Basilika,-nahe derselben ein Klostergebände, der Wohnsitz der Mis-sionäre, welchen vom römischen Stuhle die Seelsorge unddie Leitung der großartigen Wallfahrt übertragen ist.
Wir eilen auf der Straße Zwischen dem Felsen undFluß hin zur berühmten heiligen Grotte, um die unbe-fleckte Jnngfran an dieser geheiligten Gnadenstätte zuverehren und Maria, der katrcma. Lavariao, als ihreKinder aus dem fernen Bayerlande zu huldigen. Un-beschreiblich sind die Gefühle, welche das Herz des Pilgersbei diesem ersten Besuche der Grotte bestürmen; ja, manfühlt es, daß es ein hochheiliger Ort ist. Ich habeVieles gesehen in 3 Welttheilen, war auf hohen Bergender Alpen und der Apenninen, und viele hundertKlafter tief unter der Erde in den domähnlichenGrotten der Salzkrystall-Bergwerke in Wiliczka (Ealizien);ich sah die Pyramiden von Gizeh und die ägyptischenTempel, besuchte den Weltdom St. Peter in der ewigenStadt Rom und so viele Städte in Italien und Frank-reich , sah den Wasserspiegel des Mittelmeeres, wie desAtlantischen Oceans; aber außer Jerusalem, Bethlehem,Nazareth, Tabor, Gcnesareth hat Nichts die Seele sotief ergriffen, als die heilige Grotte von Lourdes , wodie heiligste Jungfrau im Jahre 1858 einem unschuldigen14jährigen Hirtenmädchen, Bernadette Sonbirous, 18mal,jedesmal 20 Minuten lang, erschienen ist. — Es sindOffenbarungen, deren Wahrheit durch den heiligen Stuhlanerkannt ist und für alle Jahrhunderts fixirt in der