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1894 :
„Augsburger Postzeitung".
Dinstag, den 17. Juli
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Nerlag des Literarischen Instituts von Haas Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Äm Laune alter Schuld.
(Fortsetzung.)
XX.
Eine Stunde später ließ Maitland sich bei Frauvon Prachwitz melden. Sie war nicht wenig über diesenBesuch verwundert und, als derselbe eintrat, für denersten Augenblick über dessen Aehnlichkeit mit Wolfgangfrappirt. Höflich, aber etwas gemessen, empfing sie ihn,und nachdem sie ihn gebeten, sich zu setzen, erkundigtesie sich, welchem glücklichen Umstände sie die Ehre stinerGegenwart verdanke.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich Sie belästige,"begann Maitland. „Obgleich ich es der Schicklichkeit an-gemessen fand, mich bei Ihnen melden zu lassen, so giltmein Besuch doch eigentlich einer jungen Dame, die sichgegenwärtig unter Ihrer wohlwollenden Obhut befindet.Ich meine Fräulein Rettberg."
Frau von Prachwitz besaß Geistesgegenwart genug,um ihre Ueberraschung zu verbergen.
„Fräulein Rettberg machte mir allerdings die Freude,ein paar Tage bet mir zuzubringen," antwortete sie inharmlosem Tone, „hat mich aber heute verlassen."
Obgleich Maitland den Schein des Gleichmuthsbeizubehalten suchte, so lag doch eine gewisse unmuthigeSchärfe in seinem Ton, indem er erwiderte: „Dannerlaube ich mir, gnädige Frau, Sie um Fräulein Rett-berg's Adresse zu bitten."
„Leider bin ich nicht in der Lage, diesen Wunschzu erfüllen," war die höfliche Antwort.
„Darf ich bescheiden fragen, ob diese ablehnendeAntwort einen besonderen Grund hat, oder ob Ihnenselbst der Aufenthalt der jungen Dame unbekannt ist?Da ich für Fräulein Rettberg sehr wichtige Nachrichtenhabe, so ist es durchaus nöthig, daß ich ihre Adresseerfahre."
„Ich gestehe," versetzte Frau von Prachwitz, „daßich Ihnen den gewünschten Aufschluß nicht gebe, weildas Fräulein mich gebeten hat, niemand zu sagen, wohinsie gegangen ist."
„Aber mit Rücksicht darauf," erwiderte Maitland,„daß Angelegenheiten der ernstesten Art, an welchen ihrBruder betheiligt ist, in meiner Hand ruhen, sollte ichdoch meinen, sie müßte eine Ausnahme zu meinen Gun-sten gemacht haben."
„Sie hat es nicht gethan," entgegnete Frau vonPrachwitz trocken, „und somit kann auch ich es nicht aufmich nehmen, eine Ausnahme zu machen."
„Nein, gnädige Frau, dieser Ansicht vermag ichnicht beizupflichten," versetzte Maitland kühn; „ich solltevielmehr glauben, daß Sie in Betracht meiner gesell-schaftlichen Stellung ohne Bedenken die Ausnahme zumeinen Gunsten auf sich nehmen könnten."
„Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte," bemerktedie Dame mit bedauerndem Achselzucken. „FräuleinRettberg ist vorläufig auf ein paar Lage zu einer Freun-din gereist, deren Adresse ich selbst nicht kenne, sie wirdmir bald schreiben, und wenn sie mich ermächtigt, IhnenAuskunft über ihren Aufenthalt zu geben, so werde ichIhnen dieselbe zuschicken."
Der Ton, in welchem sie sprach, war fest undbestimmt, und als Maitland sah, daß er nichts weitererreichen konnte, empfahl er sich in der höflichsten Weise.
Alles, was Maitland soeben von Frau von Prach-witz gehört hatte, beruhte auf Wahrheit. Melanit warheute abgereist. Felicitas hatte vor einigen Tagen anihren Vater geschrieben und ihn gebeten, Fräulein Nett-berg als ihre Freundin auf einige Zeit aufzunehmen.Seine Antwort war gestern Abend eingetroffen. Erfragt, ob Fräulein Rettberg's Mutter eine geborene vonBaldeneck und die Tochter einer Schauspielerin gewesensei, welche den Theaternamen Baldenecker geführt habeund vor dreißig und etlichen Jahren in Hamburg gestor-ben sei. Wenn dies alles zuträfe, schrieb er, so würdees ihm zum größten Vergnügen gereichen, Fräulein Nett-berg bet sich aufzunehmen. Es sei nicht nöthig, daßsie ihre Abreise bis zu Felicitas' Heimkehr verschiebe;er werde sie zu jeder Stunde willkommen heißen; siekönne bleiben, so lange es ihr gefalle, und dürfe sichversichert halten, daß er sie in jeder Beziehung wie seineigenes Kind behandeln werde.
Ueber diese Antwort waren alle erstaunt. Felicitasfand eine solche Zuvorkommenheit an ihrem Vater soungewöhnlich, daß sie gar nicht geglaubt haben würde,er habe den Biief geschrieben, wäre es nicht seine Hand-schrift gewesen. Melanie war nicht minder erstaunt,ihre darin erwähnten Fawilienverhältnisse mit allem,was ihr darüber selbst bekannt war, vollkommen über-einstimmend zu finden. Felicitas wollte ihrem Vaterschreiben, daß alle seine Voraussetzungen zuträfen undMelanie mit ihr in einigen Wochen nach Göllnitz kommen