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werde. Melanit jedoch legte ihre schöne Hand auf denArm der Freundin und sagte, ihr mit bittendem Aus-druck in's Gesicht blickend: „Ich würde lieber schon mor-gen gehen."
„Aber warum das?" fragte Felicitas. „MeineTante wünscht, daß Sie bleiben und uns nach Rügenbegleiten, wohin auch der Baron —"
„Reden Sie mir nicht zu, liebe Felicitas," ent-gegnete Melanie in bewegtem Tone. „Es gibt hier inBerlin so mancherlei, dem ich gern aus dem Wege ginge."
Felicitas verstand sie und legte ihrem Wunsche keinHinderniß in den Weg. Melanie war abgereist, undda sie die Absicht angedeutet, unterwegs eine ihrer ehe-maligen Zeichenschülerinnen zu besuchen, ohne daß derenName und Wohnort zur Sprache gekommen wäre, sohatte Maitland auch in diesem Punkte von Frau v. Prach-witz nur die Wahrheit erfahren.
XXI.
Im Osten Berlins befand sich in einer ziemlichbelebten Straße ein Kellerlokal. Obwohl darin eineSchankwirthschaft betrieben wurde, so bedurfte dasselbedoch weder eines besonderen Anlockungsmittels, noch einesAushängeschildes. Nicht jeder war hier willkommen; weraber gern gesehen ward, der fand den Weg von selbstin den „Blutigen Knochen", wie der Ort von seinenBesuchern genannt wurde.
Man stieg einige Stufen hinab und gelangte inein niedriges Zimmer mit roh getünchten Wänden undeinem sehr primitiven Mobiliar. Ein zweites, anstoßen-des Zimmer bot einen nicht minder bescheidenen Aufent-halt. Ein paar Petroleumlampen, die von der ver-räucherten Decke herabhingen, verbreiteten eine ziemlichdürftige Helle. An kleinen Tischen saß, gruppenweisevon einander getrennt, eine äußerst bunte Gesellschaft.Einige der Gäste schienen, ihrer Kleidung nach, demHandwerkerstände anzugehören; an einem andern Tischemachten sich drei oder vier gänzlich zerlumpte Kerle breit;an einem dritten unterhielten sich einige fast stutzerhaftgekleidete Herren, das Monocle im Auge, den feinenCylinderhut auf dem Kopfe, die Wäsche tadellos undblendend weiß.
So wenig sie in diese Gesellschaft, unter welchersich auch einige frech dreinschauende Frauenzimmer be-fanden, zu gehören schienen, so unterschieden sie sich vonderselben doch nur durch ihre elegante Kleidung, dennsämmtliche Gäste zählten ausnahmslos zu jener Men-schenklasse, welche bei der Wahl ihres Berufes ein- fürallemal einen dicken Strich durch das siebente Gebotgemacht hat, und der „Blutige Knochen" war eine derbesuchtesten „Verbrecherklappen" Berlins . Unter jenerGruppe feiner Herren, welche sich in jedem elegantenRestaurant „Unter den Linden " hätten sehen lassen können,verbargen sich Hochstapler, Taschendiebe und Bauern-fänger; die abgerissenen, reducirten Gestalten gehörtendem nächtlichen Strolchthume an; die scheinbaren biedernHandwerker waren resolute Einbrecher.
Das Benehmen aller dieser Gäste bot äußerlich durch-aus nichts Besonderes. Sie rauchten, tranken Bier oderSchnaps, unterhielten sich oder spielten Karten. Nurwenige von diesen Leuten kannten einander bei ihrenwirklichen Namen; jeder hatte seinen Spitznamen, denndieses Verstecken hinter fälschlich beigelegten Namen führtdas wachsame Auge des Gesetzes irre. Unter den An-
wesenden wurde einer mit „Aalauge", ein anderer mit„Plattbein" angeredet, ein dritter, welcher den vor-nehmen Namen „der Burggraf" führte, brachte die Ge-sundheit des „steifen Lehmann" aus, und einige derGesellen, welche sich leise von der „schiefen Laterne"und der „Dampfwalze" unterhielten, verriethen durchgewisse Seitenblicke, daß unter diesen charakteristischenPseudonymen sich zwei der „Damen " verbargen, welchedie Gesellschaft durch ihre Gegenwart zierten.
Die Gespräche wurden hier laut, dort leise in einerSprache geführt, welche der Uneingeweihte kaum fürDeutsch gehalten hätte, denn sämmtliche Ausdrücke undBezeichnungen der Handwerker entstammten dem Gauner-wörterbuche.
Unter den Gästen, welche das elegante Gaunerthumrepräsentirten, befand sich auch einer unserer Bekannten.Nichts Geringeres als Champagner war es, womit erseine Genossen bewirthete, denn von so selbstsüchtigemCharakter er auch sonst war, so hielt er es doch unterseines Gleichen mit dem Grundsätze: leben und lebenlassen, und gönnte ihnen gern einen Antheil an demHundertmarkschein, welchen er heute erst aus Maitland'sfreigebiger Hand empfangen hatte.
„Guten Abend, Herr Assessor von Malten," tönteplötzlich eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legtesich auf seine Schulter, „wann treten Sie Ihre großeReise über's Meer an?" Ueberrascht blickte sich Rettbergnach dem Sprecher um, der eben erst von der Straßeeingetreten war. Es war ein rüstiger, sehr groß undkräftig gebauter Fünfziger mit mächtigem, grau melirtemVollbarte und ebensolchem Haar, welches zu beiden Sei-ten über dem Ohre hervorgekämmt und nach den Schlä-fen zu sorgfältig gedreht war. Das Augenpaar unterden buschigen Brauen blickte durch eine bläuliche Brillemit schelmischem Ausdruck auf den Angeredeten herab.Der graue Filzhut, der helle, zurückgeschlagene Sommer-überzieher und die darunter sichtbare Kleidung warenvon feinstem Stoff.
Erstaunt und betroffen starrte Rettberg den Frem-den an, der sich über Dinge, um die nur seine nächstenVertrauten wußten, so wohl unterrichtet gezeigt hatte.
Da warf der alte Herr seinen Hut aus den näch-sten Tisch, nahm die melirte Perrücke vom Kopfe, stecktedie blaue Brille in die Tasche, riß sich die buschigenBrauen und den gewaltigen Vollbart ab, und indem erplötzlich mit kurzgeschnittenem dunkeln Haar und bart-losem Gesicht dastand, glich er genau jenem hünenhaftenMann, den unlängst der Baron von Sturen im Hinter-stübchcn Moses Nathansohn's im Gespräch mit diesemangetroffen hatte.
„Der UlanI" ging ein allgemeines Murmeln durchdas Zimmer, in welchem sich derartige Metamorphosensehr häufig abspielten.
„Ein schwerer JungeI" raunte „Aalauge" dem„Burggrafen" in der Gaunersprache zu, welche unterdieser Bezeichnung Einen versteht, der nur schwere Dieb-stähle begeht.
Der Burggraf nickte. „Wird wieder einmal eineAske (Diebstahlsgelegenheit) ausbaldowert (ausgekund-schaftet) haben."
Rölling oder der „Ulan", wie er hier hieß, ließsich an dem leeren Tische nieder, auf welchen er vorhinseinen Hut geworfen hatte. Ein anderer, welcher mitihm zugleich eingetreten war und einen jener ledernen