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Kästen in der Hand trug, wie man sie bei Hausirernsieht, nahm ihm gegenüber Platz.
„Deine neue Charaktermaske?" fragte Rettberg,indem er sich neben Rölling setzte und eine neue FlascheChampagner bestellte.
„Ja, die Polizei liebt die Abwechslung," antworteteRölling mit einem tiefen, volltönenden Organe.
„Wo kommst Du her?"
„Direkt vom Bahnhöfe kommen wir; haben aus-wärts Geschäfte gehabt, ich und der Hausirerfranz," ant-wortete Rölling mit einem Blick auf sein Gegenüber.„Es ist mir lieb, daß ich Dich vor Deiner Abreise nocheinmal treffe. Ei, sieh' da, mit Sekt feierst Du DeinenAbschied, mein Junge? Na, PrositI Auf Dein Wohler-gehen in der neuen Welt!" Nettberg lächelte schlau.„Das Programm hat eine Abänderung erfahren," ent-gegnen er und erzählte, was sichheute zwischen ihm und Maitlandzugetragen hatte. Auch den Inhaltder zweiten Unterredung, zu wel-cher er sich bei demselben noch ein-mal gegen Abend eingefunden, theilteer seinem vertrauten Freunde mit.
Danach war bestimmt worden, daßRettberg morgen früh mit dem Baronvon Sturen, ganz wie dieser es an-geordnet, nach Bremerhaven reisensollte, um dort auf dem Schiffedie ihm versprochene Adresse seinerSchwester in Empfang zu nehmen.
Da der Dampfer Southampton an-lief, so sollte er von dort aus dieAdresse sofort an Maitland tele-graphiren und, anstatt die Reise nachNew-Iork fortzusetzen, wieder nachBerlin zurückkehren.
Während Rölling zuhörte, ver-finsterten sich seine Mienen mehrund mehr.
„Mir gefällt der Handel nicht,mein Junge," bemerkte er. „Wäreich an Deiner Stelle, so würde ichmich lieber an den Andern halten,den Baron von Sturen. Der scheint'smit Dir und Deiner Schwester amehrlichsten zu meinen. Folge ihm,mein Junge."
„Was soll ich in Amerika ?" versetzte Rettberg miß-muthig. „Man wird mich dort in irgend ein Comptoirstecken, und zur Arbeit bin ich verdorben."
„Es gab eine Zeit," sagte Rölling bitter, „wo ichfroh gewesen wäre, Arbeit zu bekommen, um mich ehr-lich durchzuschlagen. Du läßt Dich von dem Schlaraffen-leben locken, das dieser Maitland Dir verspricht; aberwer bürgt Dir dafür, daß er sein Wort hält, wenn erseinen Zweck erreicht hat?"
„Oh, er ist ein verdammt nobler Herr!" versicherteRettberg.
„Er ist ein größerer Schurke als irgend Einer vonuns!" fuhr der Ulan auf. „Wir nehmen andrer LeuteGeld oder sonstigen Trödel, dieser Teufel aber willeinem armen, lieben Mädchen Tugend und Unschuldrauben. Und Du, mein Junge — nimm mir's nichtübel, aber von einem Burschen, der eine so gute Er-
ziehung genossen hat, wie Du, sollte man doch nichtmeinen, daß er seine Schwester verschachern würde. DasMoralisiren mag mir schlecht genug anstehen, aber indiesem Punkte hätte ich doch mehr Ehre im Leibe!Donner und Hagel!" rief er, das vor ihm stehende GlasChampagner ergreifend, „jeder Tropfen, den ich noch vondiesem Gesöff trinke, das doch nur mit Deinem Judas-gelde erkauft ist, soll zu Gift werden!"
Damit schmetterte er das halbvolle Glas auf denBoden, daß die Splitter hoch umhersprangen.
Rettberg wagte nichts zu entgegnen, denn er hatteeinen gewissen Respekt vor seinem älteren Freunde. Esstak etwas von einem edlen Kerne in diesem entschlosse-nen Verbrecher, der seinem Wesen etwas Geheimniß-volles gab, wovon sich selbst die Verworfensten seinerHandwerksgenossen seltsam angezogen fühlten.
„Warum hast Du den Kerl, alser Dir heute den Wechsel zeigte, nichtan der Gurgel gepackt und ihm denWisch aus der Hand gerissen?" fragteRölling nach einer Weile.
„Wenn's mißlang, so wäre ich nurum so schlimmer daran gewesen",wandte Rettberg ein, „und Aussichtauf Erfolg hatte ich nicht, denn Mait-land ist mir weit überlegen."
„Hm!" machte der Andere, „wennwir den Wechsel und das anderePapier, das Du einfältiger Weiseunterzeichnet hast, bekommen könn-ten, so wäre der ganze unsaubereHandel zu Ende. Wo hat er diebeiden Wische verwahrt?"
„In einer Brieftasche, die er wahr-scheinlich immer bei sich zu tragenpflegt," antwortete Rettberg lebhaft.„Sie ist mit Schlangenhaut über-zogen."
„Kenne die neumodischen Dinger,"nickte der Ulan, „habe dergleichenin einem Luxusladen in der Kaiser-passage gesehen."
„Höre, Rölling!" sagte Rettbergin beschwörendem Tone und legteseine Hand auf dessen Arm, „wennes Jemanden gibt, der mir zu denPapieren verhelfen könnte, so bist Duder Mann. Eine Gelegenheit, ihn um die Brieftasche zuerleichtern, würdest Du bald ausfindig gemacht haben."
„Was glaubst Du von mir?" entgegnete der Ulanverächtlich. „Bin ich etwa ein Seifensieder (Taschendieb)?Da mußt Du Dich an den „bunten Karl" dort wenden,"setzte er hinzu und deutete mit einer leichten Kopf-bewegung nach einem jungen Manne, welcher, ein goldenesPince-nez auf der Nase, selbstgefällig die Enden seinesschwaxzen Schnurrbartes drehte und einen elegantendunkelblauen Kammgarnanzug nebst buntfarbiger Krawattetrug. Wenn aber dabei sonst nichts zu verdienen ist,so thut der's auch nicht."
„O, er würde dabei ein brillantes Geschäft machen,"versicherte Rettberg, „denn es war auch Geld in derBrieftasche; ich sah, daß sie dick mit Banknoten gefülltwar." (Fortsetzung folgt.)
Pfarrer K. M. Kaiser
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