Ausgabe 
(17.7.1894) 58
Seite
444
 
Einzelbild herunterladen

444

Hin-elang und Hinterstein im Allgäu,

ehedem Alpgau.

- (Nachdruck verboten.)

(Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimbucherin Sonthofcn und Jmmcnstadt.)

1. Hindelang.

Inmitten der erhabenen Allgäuer Hochgebirgswelt,in einem ziemlich breiten, sonnigen Thalkessel, der durch-rauscht wird von dem wildschäumenden Gebirgswasser derOsterach, reizend markirt und umländet mit saftiggrünenHügeln und stark bewaldeten Höhenzügen, fast ringsumbegrenzt und seit Jahrhunderten bewacht von himmelan-strebenden, vielzackigen und majestätischen Bergesriesen,liegt am Fuße des Hirschberges der neuaufstrebende Markt-flecken Hindelang malerisch schön hingebettet.

Der NameHindelang" von Sonthofen aus sogenannt - bedeutet etymologisch:Hinterwang" oderHintere Wanne" (Mulde).

In diese herrlich reizende Landschaft,^zu diesem zauber-haft schön situirten Flecken der Erde führt von Sonthofen aus ostwärts, dem Bergfluß der Osterach entlang, einedurchaus ebene und guterhaltene Staats- und Poststraßein einer Länge von 7,6 Kilometer.

Diese Straße setzt sich von Hindelang aus in öst-licher Richtung fort als Jochbergstraße, 1300 Fuß auf-steigend mit einer bis zu 18procentigen Steigung, nachdem Filialort Oberjoch, 4446 Fuß hoch über dem Meeres-spiegel gelegen. Der Jochberg bildet die Wasserscheidezwischen dcr Jller mit Osterach und der Wertach. InOberjoch zweigt links eine Vcrbindungsstrahe ab aufbayerischem Gebiete nach Unterjoch, Wertach und Nessel-wang; gerade aus aber führt die Staatsstraße längs desJseler und des Windhagrückens nach Tirol, nämlich nachSchattwald*), Thannheim und Reutte , wodurch einreger Verkehr vermittelt wird.

Hindelang in seiner absolut staubfreien Lage erscheintals ein Luftkurort ersten Ranges und ist von der Naturausnehmend bevorzugt. Die Höhen ringsum zeigen schöneWaldbestände von Fichten und Tannen mit erquickendemHarzduft; da weht und fächelt reine, gesunde und stärkendeGebirgsluft, vermischt mit wohlthuendem Alpenkräuter-Aroma; auch wird vorzügliches Quellwasser geboten. Dalebt sich's leicht und gut, wie die niedere Sterblichkeits-Ziffer bezeugt. Herrliche Spaziergänge in der Ebene, so-wie ausgedehntere Promenaden, Ausflüge und Gebirgs-touren machen den Aufenthalt höchst angenehm. In solch'erfrischender, ozonhaltiger Luft werden die durch Mühenund Sorgen des dunstigen Alltagslebens angegriffenenLungen von allem lästigen Staube wieder gereinigt undgestärkt. Darum weilen daselbst die fremden Gäste vonNah und Fern im Sommer behufs Erholung und Er-frischung um so lieber, als im gedachten Thälchen einrühriges und biederes, ein gemüthreiches und dienstfreund-liches Gebirgsvölkchen, dem deutschen Volksstamme der Ale-mannen ungehörig, leibt und lebt, das theils seine Gästein entsprechende Gasthäuser mit jeglichem Comfort, theilsin reinliche und schmucke Privathäuser gerne aufnimmt,beherbergt und deren weitere Ansprüche bestmöglichst zubefriedigen sucht.

*) Schattwald ist ein beliebter Ausflugsort der Hinde-langerSommerfrisctler," bekannt und berühmt durch den gutenTiroler" und delikate Forellen im dortigen GasthausezurTraube", dessen hübsche, freundliche Zimmer fast immer vonSommergästen belegt sind. Die freundlichen, zuvorkommendenWirthSleute machen den Aufenthalt in diesem reizenden Ge-birgsdorfe doppelt angenehm. D. R.

Der Markt Hindelang zählt etwa 130 Wohnhäusermit etwas mehr als 700 Einwohnern, hat eine Schulemit zwei Lehrkräften, ein Nebenzollamt, eine Postexpeditionund Telegraphenstation. Täglich verkehren mehrmals Post-wagen und Privatomnibus. Auch ein pract. Arzt übt anOrt und Stelle im Bedarfsfälle seine segensreiche Praxisaus.

Hier sind die meisten Häuser im Gebirgsstil ausHolz gebaut, sauber und zierlich, zweistöckig, d. h. Erd-geschoß und erster Stock mit flachem Dach, welches mitdem Wohnhaus auch die Räumlichkeiten für den Oeko-nomiebetrieb zugleich vereinigt. Die Außenseite dieserHäuser hat theils Mörtelbewurf, theils einen Schindel-panzer. Die inneren Zimmerwände und Decken sind inder Regel getäfelt, dagegen die neueren Gebäude sindmeist gemauert, mit hohem Dachstuhl versehen.

Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist wohlViehzucht, Milch- und Alpenwirthschaft, verbunden mitdem Betriebe von einzelnen Kleingewerben.

Die Bewirlhschaftung der Ackerfelder und Wiesen,der Viehweidcplütze und der Alpenweiden, vereinigt mitMolkerei- und Käsefabrikation, sowie der lebhafte Handelsowohl mit den Erzeugnissen gedachter Beschäftigung, alsauch mit Holz und Brettern, sind die Faktoren, auf welchesich die Behäbigkeit der hiesigen Bewohner hauptsächlichgründet; Getreidebau findet sich jetzt nur mehr vereinzelt,weil sich die Milchwirthschaft in dieser Gegend vortheil-hafter rentirt. Die Gewässer der Osterach sind dienstbargemacht dem Gewerbe und der Industrie, und setzen dieTurbinen und Schwungräder nicht nur von Mühlen undHammerschmieden, sondern seit jüngster Zeit auch vondrei großen Fabrtketnblissements für Weberei in Be-wegung, wobei insgesammt an etwa 400 Webstühlen 200Arbeiterinnen und zwar meist einheimische beschäftigt sind.

Das Hindelanger Thal war sicher vor etwas mehrals tausend Jahren noch ein ausgedehnter Urwald; hiehcrhatten wohl die alten Kelten und Vindelicier und selbstauch die Römer niemals einen Fuß gesetzt. Erst späterin Folge rasch zunehmender Bevölkerung, nachdem die be-reits christlichen Franken in der Schlacht von Zülpich imJahre 496 die wandernden noch heidnischen Alemannenund Sueven besiegt hatten und hierauf allmälig dasChristenthum bei uns unter der Herrschaft der Merovingerund Karolinger sich ausbreitete, mögen dann auch christ-liche Ansiedler im 8. und 9. Jahrhundert von Sonthofen her in unserem Thale , und zwar vorerst wahrscheinlichbeim Eingänge desselben, nämlich bei Liebenstein, sich häus-lich niedergelassen haben. Sehr begütert war zu jenenZeiten auch im Allgäu das mächtige Geschlecht der Welsen,und als dann gegen Ende des 12. Jahrhunderts dessenGüter an die Hohenstaufen fielen und mit dem letztenHohenstaufen Konradin aber die kaiserliche Macht in Deutsch-land immer mehr zurückging, kamen diese Güter vielfachzum Reich, welches sie als Pfand und Lehen oder alsGeschenk und Entlohnung an einzelne Fürsten, Edle undRitter vergab. So entwickelten sich die Landeshoheitender einzelnen Reichsfürsten und Herrschaften.

Das Hindelanger Thal gehörte den Edlen der Herr-schaft Nettenberg und war denselben zinsbar und Unter-than. Zwei Seitenlinien der Nettenberger waren die Edlenvon Trauchburg und Hohenegg. So kam es, daß inHindelang viele Hofstätten und Grundstücke den Herrenvon Hohenegg steuer- und kriegsdienstpflichtig waren. Auchdie Herren von Heimenhofen gewannen Einfluß in Hinde-