^L59.
Kreitag, den 20. Juli
1884.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg ^Vorbesttzer vr. Max Huttler ).
Im Laune alter Schuld.
(Fortsetzung.)
„Nun, ich will mit dem bunten Karl sprechen. DieHauptsache ist zunächst, daß er Deinen sauberen Mädchen-jäger von Angesicht zu Angesicht beaugenscheinigt, damiter auf der Straße seinen Mann kennt. Ich werde dieSache schon einzuleiten wissen. — Ah! guten Abend,Schlosserfritz!" unterbrach er sich, „Du kommst wie gerufen;auf Dich warte ich eben."
Die Anrede galt einem stämmigen, untersetzten Mannemit pockennarbigem Gesicht, welcher in Haltung und Klei-dung den Eindruck eines schlichten Handwerkers machteund behaglich aus einer kurzen Pfeife schmauchte. DerAnkömmling errieth aus den Worten des Ulanen sogleich,daß es sich um ein „Geschäft" handelte. Er nahm sicheinen Stuhl, und bald bot die Gruppe am Tische denAnblick einer geheimnitzvollen Verschwvrungsscene dar.Der Ulan, der Schlosserfritz und der Mann mit demLederkasten, „Hausirerfranz" genannt, waren dicht an-einandergerückt und verhandelten mit gedämpften Stimmen,während Nettberg anscheinend theilnahmslos dabei saß.
Nölling entwickelte den Plan zu einem vielversprechen-den Einbruchsdiebstahl.
Er hatte schon wiederholt ein Inserat in der Zeitunggelesen, daß in der Nähe einer brandenburgischen Kreis-stadt, die von hier aus mit der Eisenbahn in wenigenStunden zu erreichen war, ein Gut zu verkaufen sei.In der Verkleidung, in welcher er vorhin den „blutigenKnochen" betreten hatte, war er hingereist und hatte sichbei dem Besitzer des Gutes als Kauflustiger eingeführt,um unter diesem Vorwande die Gebäulichteiten genau zubesichtigen und sich nach leicht transportablen werthvollenGegenständen umzusehen, welche ein kühnes Wagestücklohnend erscheinen lassen könnten. „Der Zufall oderder Teufel will," fuhr Nölling in seiner Mittheilung fort,„daß ich mit dem Gutsbesitzer noch eine alle Rechnungzu begleichen habe. Er war früher Advokat in der Kreis-stadt, ein so niederträchtiger Rechtsverdreher und Geld-schinder, wie vielleicht kein zweiter unter der Sonne zufinden ist, und hat mich bis in den Hals in die Tintegeritten. Für alles, was ich jetzt bin, habe ich michbei ihm zu bedanken!" — Nölling stieß ein kurzes,bitteres Lachen aus. — „Doch das bei Seite," nahmer seine Erzählung wieder auf. „Der Schuft, der natür-
lich keine Ahnung besaß, daß er das rachelüsterne Opferseiner schmutzigen Habsucht vor sich sah, hat mich miteiner Zuvorkommenheit, über die ich manchmal laut hättelachen mögen, in Haus und Hof herumgeführt, so daßich jeden Winkel kenne."
Es trat eine Pause ein, die der Schlosserfritz unter-brach, indem er sagte: „Was gibt's bei der Sache zuverdienen?"
„In einem der Zimmer sah ich einen Glnsschrank,"antwortete der Ulan, „der von oben bis unten mitSilbergeschirr gefüllt war, etwas altfränkisch in derFa^on, aber Alles gediegen und schwer; ich kenne dieseArt Waare l"
Der Schlosserfritz schüttelte verdrießlich den Kopf.„Das muß eingeschmolzen werden, unv dabei bleibt dergrößte Theil an den Händen des Goldschmclzers kleben.Will ich Silberschränke ausleeren, so brauche ich nichterst aus Berlin herauszugehen."
„Nur gemacb, Freund Fritz!" versetzte Nölling. „DasBeste kommt immer zuletzt. Während mir der Alte Felderund Wiesen zeigte, hat der Hausirerfritz, der mein Reise-begleiter war, sich von ungefähr auf dem Gute ein-gefunden und vor der Dienstmagd die Herrlichkeiten seinerLederschachtel ausgekramt.
„Na, das war eine Einfalt vom Lande, wie sieschöner nicht im Buche steht!" sagte lachend der Hausirerauf einen fragenden Blick des Schlosserfritz. „Währendsie sich meine Waaren besah, brachte ich von ihr heraus,daß von Berlin und Potsdam häufig Offiziere angereistkommen, mit denen ihr Herr Geldgeschäfte macht, unddaß er deshalb immer 15—20,000 Mark baares Geldim Hause habe."
„Das sieht schon anders aus!" schmunzelte derSchlosserfritz. „Liegt das Gutsgehöft mitten im Dorfeoder nahe dabei?"
„Es liegt eine gute halbe Stunde davon," erwiderteNölling. „Ich stellte mich deshalb bedenklich und sagtezu dem Alten, man wohne hier doch eigentlich sehr ab-gelegen. Da lachte er. Die Gegend sei sicher. Seitzehn Jahren sei weit und breit kein Diebstahl vorge-kommen. Man könne hier getrost bei offenen Thürenschlafen. Trotzdem ist die Hausthüre des Herrenhausesvon festem Eichenholz und im Innern mit eisernenRiegeln versehen; die Parterrezimmer haben sämmtlichstarke Läden, und diese werden des Nachts kreuzweise mitEisenstangen verschlossen —"