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„DaS gäbe ein saures Stück Arbeit!" meinteSchlosserfritz und kratzte sich hinter den Ohren.
„War gehen uns Läden und Hausthüren an?"sagte der Ulan. „Wir fassen unsere Aufgabe von einem„höhern" Gesichtspunkte auf, haha! Das erste Stock-werk, das keine Läden hat, ist nicht hoch und hat einenkleinen Balkon. Wenn Jemand auf meine Schulter steigt,so kann er eine Strickleiter am Balkon befestigen, durchdie wir einsteigen. Den Eingang in die übrigen Theiledes Hauses öffnet uns unser Schränkzeug (Dtebshandwerks-zeug)."
„Und wo ist das Geld?" erkundigte sich Schlosserfritz.
„Im Schlafzimmer des Advokaten, das zu ebenerErde liegt, steht ein Feuerfester, und darin wird's natür-lich stecken. Wir müssen dem alten Burschen sofort dasMaul verstopfen. Ist ihm das Geld lieber als seine Hautund weigert er sich, den Kassenschlüssel herzugeben —"
„So hab' ich meine Kreis- und Stichsäge bei mir,"ergänzte ruhig der Schlosser. „Es wäre nicht das ersteLoch, das sie in die Wandung eines Geldspindes machte.Gibt's viele Leute im Hause?"
„Außer dem Alten nur zwei Weiber," nahm derHausirer das Wort. „Die eine ist seine Tochter, dieaber eben verreist ist, die andere ist die Dienstmagd.Die schläft oben in einer Bodenkammer. Die Guts-arbeiter wohnen alle im Dorfe. Nur der Kutscher schläftauf dem Gute über der Stallung; die liegt aber ihrereichlichen fünfzig Schritte hinter dem Herrenhause."
„Das Geschäft im Innern besorgen wir beide,"bemerkte Nölling, den Schlosser mit dem Ellbogen an-stoßend. „Der Hansirerfranz steht nach der Straße zuSchmiere (Wache). Wir müssen aber noch einen Viertenhaben, der auf den Hof Acht gibt."
„Wir nehmen den „Don Carlos" dazu," erklärteder Schlosser, „der sieht in der Nacht wie ein Küuzchen.Sind Hofhunde da?"
„Nein," versetzte der Ulan, „um Hunde zu füttern,ist der alte Filz zu geizig. Er gestattet sich zwar denLuxus eines Reitpferdes, aber nur aus Gesundheitsrück-sichten, weil ihm, wie er mir sagte, der Arzt das Reitenempfohlen hat."
„Hört, ich habe da einen guten Einfall," sagte derHausirer geheimnißvcll. „Wie wär's, wenn wir die„Cognacnase" und den „langen Eda" auch mitthunließen?"
„Gott bewahre! das geht nicht!" eiferte der Schlosser,„diese beiden Herren haben einen so schlimmen Ruf, daßwir sie nicht in den Handel verwickeln dürfen, denn esist ihnen immer jemand auf der Ferse, um sie zu be-obachten."
„Eben deshalb könnten wir sie gut brauchen,"lächelte der Hausirer verschmitzt. „Man schickt sie nachder Kreisstadt voraus, etwa einen Tag vorher, und dortMüssen sie sich überall umhertreiben —"
„Um den Verdacht auf sich zu lenken," fiel Nöllingein. „Ich verstehe."
„Weiter sollen sie nichts dabei thun," nickte derHausirer, „die große Figur des Ulanen ist auffällig, undda der „lange Eda" nur um ein Weniges kleiner ist —"
„So soll er über die Persönlichkeit irre führen,"ergänzte der Schlosserfritz. „Das ist verteufelt gut aus-gesonnen. Natürlich müssen der lange Eda und dieCognacnase für Beweise sorgen, wo sie die Nacht zuge-bracht haben, und wir müssen uns auch bei Zeiten nach
guten Freunden umsehen, die, wenn's Noth thut, unserAlibi beschwören. Soweit wäre also alles gut. DasWeitere können wir morgen besprechen."
„Noch eins, was wir nicht übersehen dürfen," er-innerte der Hausirer. „Wir haben einen Weg vonmehreren Stunden nach der Kreisstadt zurück. Wie sollenwir das schwere Silberzeug fortbringen? Und doch müssenwir vor Tagesanbruch schon im Eisenbahnzuge sitzen."
„Das macht mir keinen Kummer," sagte der Schlosser-fritz, „ich habe in der Kreisstadt einen guten Freund,der früher selbst ein Kochemer (Verbrecher) war und jetztdort einen Pferdehandel betreibt. Der stellt uns Wagenund Pferde, wenn wir ihm einen Antheil am Geschäftgeben. Das ist ein Kerl, der sein Fach aus dem ffversteht, sage ich Euch! Einem Milchhändler hat er den-selben Klepper dreimal verkauft; zuerst als Rappen, ohneeinen Flecken Weiß am ganzen Leibe; dann mit zweiweißen Vorderfüßen; und endlich hat er ihn geschoren,ihm den Schweif gestutzt und ein ganz anderes Geschöpfdaraus gemacht. Aber der Milchhändler konnte wederdas erste noch das letzte Mal mit dem Vieh fahren,denn es war störrisch und schlug vorne und hinten aus."
„Gut, Schlosserfritz, Du sorgst für den Wagen,"bemerkte der Ulan, „aber binde Deinem Freunde auf dieSeele, daß er uns nicht etwa ein Paar Pferde vomGeblüts der Milchmannsmähre einspannt; dabei könntenwir schlecht fahren!"
Der Schlosserfritz und der Hausirer brachen in einunbändiges Gelächter aus, welches so ansteckend war, daßfast die ganze ehrenwerthe Gesellschaft des „blutigenKnochens" unwillkürlich mit einstimmte, ohne die Ver-anlassung zu kennen. Plötzlich öffnete sich die auf dieStraße führende Thür. In der Spalte ward der Kopfeines Mannes sichtbar. „Lampen! Lampen!" rief erhastig mit lauter Stimme herein und war sogleich wie-der verschwunden. Dieses einzige Wort, mit welchemdas Gauneridiom eine nahende Gefahr bezeichnet, wirktewie ein Zauber. Mit Blitzesschnelle stürzte alles durchVorder- und Hinterthür hinaus, und im Nu war dasLokal wie ausgefegt. —
Der Wirth, welcher bisher hinter seiner Ladentafelgestanden und Speisen und Getränke gegen klingendeMünze verabreicht hatte, räumte eilig die Gläser weg.Dann setzte er sich hinter seinen Ladentisch, ließ denKopf auf beide übereinandergelegte Arme sinken undschien eben aus einem Schläfchen zu erwachen, alsmehrere Kriminalschutzmänner eintraten.
Ihre Frage nach ein paar Gästen, die sie genaubeschrieben, verneinte er mit der unschuldigsten Mienevon der Welt. Es seien überhaupt den ganzen Abendnur zwei Gäste dagewesen, sagte er gähnend, und aufdiese passe die Beschreibung nicht. Die Zeiten seienschlecht, die Leute hätten kein Geld, und wenn's nichtbald besser würde, werde er nächstens seine Bude zu-machen.
Die Polizei spürte keine Lust, den Lamentationendes Wirths über die trostlosen Zeiten lange zuzuhören,und da sie das Nest leer gefunden, so entfernte sie sichwieder, um ihr Glück in einer andern Verbrecherklappezu versuchen.
XXII.
Obgleich Maitland Melanie nur jenes eine Malgesehen und gesprochen hatte, so war sie ihm doch sofortals das Wesen erschienen, nach welchem er schon lange