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gesucht; ihre Schönheit reizte seine Leidenschaft; ihreUnschuld fesselte ihn; von ihrer Bildung und ihren Ta-lenten versprach er sich Unterhaltung in jenen Stunden,wo er sich von den gewohnten Genüssen angewidertfühlte. ES war sein Entschluß, sie zu gewinnen, unddieser Entschluß wurde durch die Hindernisse, die sich ihmentgegenstellten, nur noch befestigt und gestärkt. Daßes gerade der Baron von Sturen war, welcher seinenPlan durchkreuzte, reizte seinen Ehrgeiz und seine Eitel-keit auf's höchste; von allen Menschen in der Welt wäredieser der letze gewesen, welchem Maitland einen Triumphüber sich gegönnt hätte; dasselbe geheimnißvolle Motiv,welches ihn in allen seinen Beziehungen zu dem Baronleitete, war auch hier in Thätigkeit und stachelte ihn zuenergischerem Widerstand, als es die Leidenschaft fürMelanie vermocht hätte.
An dem Tage, wo er Nettberg in Southamptonangelangt wußte, erwartete er mit Ungeduld dessen De-pesche, die ihm Melaniens Aufenthalt namhaft machensollte. Aber die Depesche kam nicht. Als sie auch wäh-rend der nächsten Tage ausblieb, begann er zu fürchten,daß Rettberg ihm entschlüpft sei. Maitland sann bereitsauf Mittel, wie er seinen Zweck auf andereur Wege er-reichen könne, als eines Tages ganz unerwartet Nettbergselbst erschien. Er kam direct von Southampton, wieer sagte, und so war es auch. Maitland empfing ihnsehr kühl.
„Ich muß wohl annehmen/ sagte er, „daß Siemir nichts zu telegraphiren hatten, und daß Ihre Reiseverfehlt war."
„Der Herr Baron übergab mir in Bremerhaven aufdem Schiffe einen Brief meiner Schwester," antworteteNettberg, „und dieser Brief enthält alles, was Sie zuwissen wünschen."
„Und warum telegraphirten Sie mir nicht sofort?"fragte Maitland.
Rettberg zuckte die Achseln. „Ehe ich mich weiterin dieser Sache engagire, muß ich darauf bestehen, daßSie sich verpflichten, meiner Schwester eine anständigeNente auszusetzen, damit ihre Zukunft gesichert ist."
Diese Forderung war das Resultat jener Unter-redung mit Rölling, der ihn mißtrauisch gegen Mait-land's Versprechungen gemacht hatte. Um ihn diesesMißtrauen nicht merken zu lassen, gab er sich den An-schein, als fei es ihm nur um seine Schwester zu thun;aber indem er Garantien für deren Zukunft verlangte,sorgte er für sich selbst, denn er wußte genau, daßMelanie ihren letzten Pfennig mit ihm theilen würde.
Maitland maß ihn mit einem verächtlichen Blicke.„Seien Sie über die Zukunft Ihrer Schwester ohneSorgen," versetzte er. „Vor allem sagen Sie mir, wosie sich aufhält. Beellen Sie sich aber mit der Antwort,denn ich lasse nicht mit mir spaßen."
„So lange Sie mir keine bessere Zusicherung geben,als diese," versetzte Rettberg, „so lange ich hierüber vonIhnen nichts Schriftliches in der Hand habe, dürfen Sieauf meinen Beistand nicht rechnen."
Maitland würde, um Melanie zu gewinnen, jedeBürgschaft für die Sicherung ihrer Zukunft gegebenhaben, aber daß ihr Bruder, der an Händen und Füßengebunden vor ihm stand, ihm Bedingungen vorschreibenwollte, reizte seinen Stolz.
„Gut," entgegnete er, nachdem er den Elenden eineWeile finster angestarrt hatte, „Sie fordern selbst Ihr
Schicksal heraus. Ich werde den Aufenthalt IhrerSchwester auch ohne Ihre Mithülfe ermitteln. AberSie sollen nicht ungestraft Ihr Spiel mit mir getrie-ben haben."
Mit entschlossenen Schritten ging er nach der Thürund drückte auf den Knopf der elektrischen Glockenleitung.
„Was haben Sie vor?" fragte Rettberg.
„O, ich werde einfach nur nack einem Kriminal-beamten senden, diesem den falschen Wechsel übergebenund ihn ersuchen, Sie auf der Stelle zu verhaften."
Rettberg hätte in diesem Augenblicke viel darumgegeben, zu wissen, ob seine Freunde schon für ihn ge-wirkt hatten, ob Maitland die gefährlichen Papiere über-haupt noch besaß, aber er hatte seit seiner Rückkehr vonder Reise weder Rölling noch den „bunten Karl" zufinden vermocht. Während Rettberg noch zögerte, ob eres darauf ankommen lassen solle oder nicht, erschien derDiener, den das Glockenzeichen herbeigerufen hatte.
Er wartete auf den Befehl seines Gebieters; alsdieser aber schwieg, um Rettberg noch einen AugenblickZeit zum Ueberlegen zu lassen, meldete er, es seien zweiHerren im Vorzimmer, die ihre Aufwartung zu machenwünschten. Der eine sei ein Herr von Lehmann, derandere habe keinen Namen genannt.
„Laß die Herren eintreten," befahl Maitland nachkurzem Ueberlegen. „Sobald sie wieder gegangen sind,kommst Du zurück."
Bald darauf erschienen die beiden angemeldeten Be-sucher. Der eine war ein imposanter ältlicher Herr,dessen stattlicher Vollbart und sorgsam frisirtes Haar zuergrauen begann. Eine Brille von bläulicher Färbungverschleierte den Blick seiner Augen, die von dichten kräf-tigen Brauen beschattet wurden. Die feine Kleidungunter dem offenen hellen Sommerüberzieher verrieth denwohlsttuirten Mann. Er mochte wohl ein Gutsbesitzerund ehemaliger Offizier sein, wenigstens lag etwas Mili-tärisches in seiner Haltung. Sein Begleiter war einnoch junger Mann, dessen Kleidung sich im Schnitt nachder neuesten Mode richtete, aber eine Neigung für bunteFarben erkennen ließ.
Ein leises unmerkliches Zusammenzucken abgerechnet,gab Rettberg, gewohnt, seine Miene zu beherrschen, nichtdas mindeste Zeichen der Ueberraschung kund, so unver-hofft seinen Freund Rölling und den „bunten Karl" hierzu sehen, und auch die beiden Gauner benahmen sichvollständig fremd gegen ihn, soweit sie ihn überhauptbeachteten.
„Was verschafft mir das Vergnügen?" redete Matt-land mit der kalten, vornehmen Höflichkeit, die er stetsim Verkehr mit Fremden beobachtete, den alten Herrn an.
„Verzeihen Sie, wenn ich störe," antwortete diesermit einem nichtssagenden Blicke auf Rettberg, „aber ichwerde Ihre Zeit nur für wenige Augenblicke in Anspruchnehmen, um mir eine Auskunft von Ihnen zu erbitten.Ich bin in der Wahl meines Dienstpersonals sehr vor-sichtig, und da ich eben im Begriff stehe, einen neuenKutscher zu engagiren, der früher bei Ihnen gedient hat,so wollte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mir denMann empfehlen können."
„Wie heißt er?"
„Bulmering," erwiderte der alte Herr und schiengespannt die Antwort zu erwarten, obwohl er genauvoraus wußte, was kommen würde.
„Bulmering," wiederholte Maitland, einen Augen-