Ausgabe 
(20.7.1894) 59
Seite
452
 
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blick in seinem Gedächtniß suchend.Ganz recht, icherinnere mich seiner genau," fügte er mit einem sar-kastischen Lächeln hinzu,ich habe weder vor noch nachihm einen Kutscher gehabt, der sich so vortrefflich, wieer, auf die Führung von Zügel und Peitsche verstandenhätte. Nur besaß er einen kleinen Fehler, den ich nichtverschweigen darf. Er stahl nämlich den Hafer scheffel-weise, und alles, was an dem Pferdegeschirr von Silberwar, ließ er spurlos verschwinden. Als er sich endlichauch an meiner goldenen Uhr vergriff, jagte ich ihndavon."

Der alte Herr zog die buschigen Brauen stark indie Höhe und gag einen pfeifenden Ton von sich, wo-mit er seine Ueberraschung und sittliche Entrüstung aus-drückte.

Sollte man es für möglich halten, daß ein sojunger Mensch schon so verdorben sein könnte?" wandteer sich an seinen Begleiter. Dieser stieß einen tiefenSeufzer aus und schüttelte mit einer moralischen Be-kümmerniß, die ihm sehr schlecht zu Gesicht stand, denKopf.

Der alte Herr drückte Maitland seinen Dank aus,daß er ihn durch die ertheilte Auskunft vor einer ähn-lichen unangenehmen Erfahrung bewahrt habe, und batnochmals um Entschuldigung, ihn bemüht zu haben.

Darf ich fragen," wandte Maitland sich in etwasscharfem Tone an den jünger« Herrn, von dem er sichdie ganze Zeit über mit stechendem Blick fixirt sah,mitwem ich die Ehre habe und womit ich Ihnen dienenkann?"

O," sagte der Alte mit entschuldigendem Lächeln,es ist mein Sohn, der mich begleitet hat."

Beide verbeugten sich mit feinem Anstand und gingen.

Dieser Zwischenfall hatte Nettberg belehrt, daß ersich nach wie vor in Maitland's Hand befand, denn ererrieth leicht, daß der Besuch seiner Freunde vorerst eingeschickter Vorwand gewesen war, um sich mit dessenAeußern genau bekannt zu machen. Als daher der Diener,dem erhaltenen Auftrage gemäß, abermals eintrat, sagteer in knirschender Ergebung:Sie können Ihrem Dienerden Gang ersparen."

Auf einen Wink seines Herrn entfernte sich jenerwieder, worauf Nettberg einen Brief hervorzog mit denWorten:Hier sind die Abschiedszeilen, die meine Schwe-ster mir geschrieben hat. Sie können daraus ihrenAufenthalt ersehen."

Maitland ergriff den Brief und überlas die mitzierlicher Handschrift geschriebenen Zeilen. Wie sie demBruder mittheilte, stand sie im Begriffe, von Berlin ab-zureisen; seine Briefe würden sie bis auf Weiteres unterder Adresse des Gutsbesitzers Teßner auf Göllnitz treffen,die nächste Poststation sei die Kreisstadt P.

Eine flüchtige Nöthe färbte Maitland's Antlitz, alser den Namen Teßner las, und seine Lippen preßtensich aufeinander, als wolle er einen Seelenschmerz nieder-kämpfen. Nicht ohne Bewegung las er auch den übri-gen Inhalt des Briefes. In ergreifenden Worten sagtedie Schwester dem Bruder Lebewohl, und mit rührenderBitte beschwor sie ihn, jenseits des Meeres ein ehrlicher,rechtschaffener Mann zu werden.

Wohl schlug dem Lesenden das Gewissen. Dieedeln Grundsätze, welche sie so liebevoll schwesterlich demBruder einzuprägen suchte, wollte Maitland selbst in ihrerschüttern und vernichten. Aber die Bewegung ging

rasch vorüber, die mahnende Stimme hatte keine Gewaltüber seine Entschlüsse.

Merken Sie sich eins, guter Freund," sagte er,Nettberg den Brief zurückgebend,ich bin nicht der Mann,der sich Vorschriften wachen läßt. Was Sie vorhin fürIhre Schwester verlangten und ich Ihnen verweigerte,weil Sie es in hohem Tone forderten, das will ich jetztgewähren, nachdem Sie sich zum Gehorsam verstandenhaben."

Maitland setzte sich an seinen Schreibtisch und schriebeinige an Rettberg gerichtete Zeilen nieder, worin er sichverpflichtete, dessen Schwester unter gewissen, von der-selben noch zu erfüllenden Bedingungen eine Jahresrentevon namhaftem Betrag zu gewähren, welche ihre Zu-kunft vollständig sicherte. Nachdem Maitland demvor-sorglichen" Bruder das Papier übergeben hatte, befahler ihm, wieder in seine alte Wohnung zurückzukehren,damit er ihn jederzeit zu finden wisse, schärfte ihm ein,den Baron von Sturen sorgfältig aus dem Wege zugehen, versah ihn abermals reichlich mit Geld und ent-ließ ihn.

XXIII.

Etwa zwei Meilen von der Besitzung Wolfgang's,demVillenhofe," entfernt lag, von Feldern und Wal-dungen umgeben, das kleine Dorf Göllnitz und eine halbeStunde davon das gleichnamige Gut, welches Felicitas'Vater gehörte.

Die Gutsgebäude bildeten ein Quadrat, dessen Rück-seite Stallungen und Vorrathsräume enthielt, währenddie Vorderseite das Herrenhaus einnahm. Die andernbeiden Seiten bestanden aus hohen Mauern, an welcheverschiedene der Haus- und Landwirthschaft dienendeRäumlichkeiten angebaut waren. In einer dieser Mauernbefand sich das Hofthor. Das Herrenhaus war nur einStockwerk hoch. Von seinen beiden Schmalseiten botdie nach Osten zu gelegene eine freie Aussicht auf den-jenigen Theil der Gegend, welcher die meisten landschaft-lichen Reize auszuweisen hatte, daher war auch im erstenStockwerk ein kleiner Balkon mit eiserner Brüstung an-gebracht, auf welchen eine Glasthür hinausführte. Un-mittelbar unter dem Balkon stand eine Laube von Latten-werk, die eine Ecke eines Blumengärtchens bildend, wel-ches von einem niederen Staket umschlossen war. Vonder Hauptfront des Hauses führte eine kleine Pappel-allee nach der Landstraße.

Es war am Spätnachmittag, als die lange, hagereGestalt des Gutsherrn an der Seite Melanie Rettberg'slangsam die Pappelallee entlang schritt, um mit demjungen Mädchen, welches seit heute Morgen seine Gast-freundschaft genoß, einen Spaziergang in die nächsteUmgebung zu machen.

Die Natur, welche die Contraste liebt, mochte wohlihre Genugthuung haben in den Gegensätzen zwischen demklapperdürren Alten und dem neben ihm wandelndenMädchen, einem Bilde der Jugend und der Anmuth.Sie trug den breitrandigen Strohhut lose auf dem Kopf,in allen ihren Bewegungen lag eine träumerische Grazie.

Ihre Großmutter war also eine Frau von Bal-deneck," brachte Teßner das Gespräch auf den schon inseinem Briefe an Felicitas berührten Gegenstand,siegehörte unter dem Namen Baldenecker der Bühne anund starb in Hamburg ."

Ich war überascht," entgegnete Melanie,Sie mitunserer Familienchronik so vertraut zu finden."