Ausgabe 
(20.7.1894) 59
Seite
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Ich stand in einer Rechtsangelegenheit kurze Zeitmit Frau von Baldeneck in Briefwechsel," antworteteTeßner,als ich noch in der Kreisstadt drüben dieAdvokatenpraxis betrieb. Reicht Ihre Kenntniß vonIhrer Familie über Ihre Großmutter hinaus? WissenSie, wer deren Eltern waren?"

Davon habe ich keine Ahnung," antwortete dasjunge Mädchen. Ein geheimntßvolles Lächeln, als dürfteer sich rühmen, über diese Frage besser unterrichtet zusein, umspielte die Lippen des Advokaten. Eine guteWeile setzten beide ihren Weg schweigend fort. Plötzlichmachte der alte Herr Halt und betrachtete Melanie mitprüfendem Blick.

Wenn mich der Anschein nicht trügt," sagte er,so sind Sie noch nicht mündig, Fräulein Rettberg?"

Nein, ich werde es erst nächstes Jahr."

Haben Sie Geschwister?" fragte er im Weitergehen.

Nur einen drei Jahre älteren Bruder."

Ahl was ist er und wo hält er sich gegenwärtigauf?"

Melanie wurde verlegen.Warum sollte ich demVater meiner Freundin nicht die Wahrheit sagen?" be-merkte sie nach kurzem Schweigen.Die Frage, waser ist, läßt sich schwer beantworten, denn er hat wieder-holt seinen Beruf gewechselt und nichts ordentlich betrie-ben. Bis vor Kurzem lebte er mit mir in Berlin . VonNatur zum. Leichtsinn geneigt, ist er in dieser gefähr-lichen Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen und hatschlimme Streiche begangen. Ein Freund, der sich unsererliebevoll annahm, verschaffte ihm eine Versorgang inAmerika ." (Fortsetzung folgt.)

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Reise-Skizze -es bayerischen Pilgerznges nachLourdes 1894.

(Fortsetzung.)

So bildet die Kirche ein Arsenal, dessen Triumph-Standarten nicht im Kriege erbeutet, sondern von derDankbarkeit und Liebe gespendet wurden. Auch die Seiten-wände der Kirche sind ganz mit kleinen weißen Marmor-tafeln, deren goldene Inschriften die Dankbarkeit derwunderbar Geheilten ausdrücken, mit Bildern und andernWeihegeschcnken bedeckt. Die um den Hochaltar im Kreisegruppirten fünf Kapellen sind vom Titel Unserer LiebenFrau von Salette, vom Rosenkranz , vom heiligen Herzen,vom Berge .Karmel und vom Siege. In den hohenFenstern gewahrt man die schönsten Glasmalereien, inwelchen in Form von Medaillons die Geschichte Berna-dette's und einige hervorragende Wunder dargestellt sind.Der ganze noch übrig gelassene Raum an den Seiten-wänden, besonders um die Altäre herum, ist von werth-vollen Weihegeschenken aller Art bedeckt; außer Reihenvon goldenen und silbernen Herzen, die sinnreich gruppirtsind, hat dort ein Fürst seine Krone mit strahlendenDiamanten gewidmet, ein Krieger seinen kostbaren Degen,ein General seine goldenen Epauletten; hier prangenin kunstfertigen Rahmen goldene und silberne Kränze,nebenan ziehen unsern Blick an Neliquienschreine, mitaller Kunst aus purem Golde gearbeitet; hell funkelt dortdas Großkreuz der Ehrenlegion, das ein Staatsmann zuFüßen der Muttergottes niedergelegt hat. Einigen vonuns glückte es, am letzten Tage auch noch die eigentlicheSchatzkammer zu sehen; darin bewunderten wir: eine

Krone, bestehend aus 40,000 Diamanten, von den FrauenFrankreichs U. L. Frau geschenkt; eine goldene Rose vonP'ipst Leo, ein goldenes Kreuz von Papst Pius, ein ge-schnitztes Bild, gefertigt aus einer Wurzel des wildenRosenstrauchs, den der Fuß der hl. Jungfrau berührte;ein Stein von jenem Gestein, auf dem der Fuß Mariensstand; Pectorale Pius' IX. , elfenbeinerne KanontafelnLeo's XIII., ein silbergesticktes Meßgewand, mit Perlenübersäet, ein anderes in Goldbrokat, drei reiche Pluvialemit den 15 Geheimnissen des Rosenkranzes.

Die Kirche ist sehr geräumig, um Tausende vouAndächtigen zu fassen; aber der Zuzug von Wallfahrernnimmt von Jahr zu Jahr in ungeahnter Weise zu, be-sonders an Frauenfesten; überdies kommen an manchenFesttagen 500600 Priester nach Lourdes , und da esschwer ist, daß alle cclebriren können, hat man den Plangefaßt, unten am Berge eine neue, große prachtvolleKirche zu bauen, die den 15 Geheimnissen des heiligenRosenkranzes geweiht sein sollte. Am 16. Juli 1883wurde der Grundstein gelegt vom Cardinal - ErzbischofDespres von Toulouse, im Beisein von 16 Bischöfen,und nun ist sie vollendet; sie hat 15 Altäre, jeder einemGeheimnisse des Rosenkranzes gewidmet, und kann über6000 Personen aufnehmen, die alle den Hochaltar vorAugen haben.

Die Gruppen von je 5 Nosenkranzkapellen bildenein griechisches Kreuz, überragt von Kuppel und Laterne,während das große, weite, fast flache Dach den Vorplatzzur Krypta und Basilika bildet. In bewunderungs-würdiger Weise sind die gothische Basilika, die halbdunkleKrypta und byzantinische Nosenkranzkirche durch Bogen,Arkaden, Gänge, Zinnen und Statuen zu einem einzigenharmonisch wirkenden Prachtbau verbunden. In den3 Kirchen finden 12,000 Personen ausreichenden Platz;zwischen den Arkaden 100,000, vor der Felsengrotte20,000 Personen.

Dieser Vorplatz erinnert an den St. Peters-Platzin Rom, den Lourdes beinahe übertrifft durch die GrandeAvenue, den großen sorgfältig gepflegten Vorplatz, derzum Terrain der Missionäre gehört, wo jederzeit feier-liche Ruhe herrscht angesichts der erhabenen Heiligthümer.Hier kann der Pilger ungestört seine Andacht Pflegenund dabei die liebliche Landschaft genießen.

Welche großartigen Schöpfungen sind in Lourdes ent-standen seit 1858, eigentlich seit 1862, wo der Bischof vonTarbes nach gründlicher, jahrelanger Untersuchung einervielgliedrigen bischöfl. Commission die Wahrheit der über-natürlichen Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau be-stätigte, welche der Bernndette Soubirous in der GrotteMassabielle zu Theil geworden, und der Bau einer Kircheangeordnet wurde, unter Appell an die Mildthätigkeit derGläubigen seiner Diöcese, Frankreichs, Europas .

Am 4. April 1864 folgte die feierliche Besitznahmevon Massabielle seitens der Kirche durch die Einweihungder herrlichen Marien-Statue, die von dem berühmtenKünstler Fabisch aus Lyon nach den Angaben Bernadette'sgefertigt worden war. Damals lag Bernadette krank imSpital; später trat sie in das Kloster zu Revers undwidmete fortan ihr Leben als Barmherzige Schwester derPflege der Kranken und Armen, selbst heimgesucht vonschweren Krankheiten, bis sie am 16. April 1879 sanftim Herrn entschlief im 35. Lebensjahre, im 13. Jahreihres Klosterlebens. Im Diorama zu Lourdes ist eineDarstellung zu sehen, wie sie auf dem Sterbebette mit