Ausgabe 
(20.7.1894) 59
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den heiligen Sakramenten vom Bischöfe versehen wurde.Im Jahre 1893 ist auch ihre Schwester Marie zu Lour-des gestorben, welche sie bei ihren Gängen zur Grotte begleitethatte. Lourdes liegt am Fuße der Pyrenäen , unweit derspanischen Grenze; wenn man südlich von der Stadtüber die Berge steigt, können wir in 5 Stunden daserste spanische Dorf erreichen und unweit davon dieStadt Vignemale. Wer aber per Bahn nach Spanien will, muß entweder in Carcassonne nach Narbonne ab-biegen und von Perpignan aus hinüberwandern in derRichtung gegen das Miitelmeer, oder südwestlich abLourdes über Pau die Pyrenäenbahn benützen, nachBayonne , und dann in Jrun die spanische Grenze über-schreiten, als Ziel seiner Excursion das herrlich amAtlantischen Ocean (Golf de Gascogne oder Biscaya )gelegene Sän Sebastian erwählen. Mehrere von unsentschlossen sich, hiefür ein paar Tage zu opfern.

Die Pyrenäenbahn führt westwärts südwestlich abLourdes , wo wir mgs.7 Uhr abreisten, über St.-Ps (11 krnvon Lourdes ), Montaut-Betharram (15 Irrn), Coarraze(22 kw), Pau (39 km), Lescar (46 km), Orthez (79 kw)nach Bayonne (145 km). Die Strecke von Lourdes bis St>-Ps mit seinen im Schweizerstil gebauten Häusern, die vomGave hufeisenförmig umzogen und von hohen Bergeneingeengt ist, ist eine der lieblichsten, die es geben kann.St.-Ps ist ein Städtchen mit 2500 Einwohnern. AuchBetharram liegt in überaus lieblicher Gegend, naheam Gave, rückwärts von einem Halbkreis bewaldeterBerge umschlossen; hier befindet sich ein großes Priester-Seminar für Missionäre. Unweit davon liegt auf einerAnhöhe eine vielbesuchte Wallfahrtskirche mit schönemCalvarienberg, schon Ende des Mittelalters angelegt.Wir kommen nach Pau, einer der herrlichst gelegenenStädte Europas und einem der ersten klimatischen Kur-orte. Die Stadt, welche 27,000 Einwohner zählt, ziehtsich am Rande einer Hochebene hin, welche steil gegen denGavefluß abfällt; hier herrscht ein internationaler Ton,weil jeden Winter mehrere Tausende Fremde hier weilen.Vom Bahnhof führt eine ziemlich steile Rampe hinanzur Place Noyale, einem hochberühmten Platz; hier über-schaut man das sich prächtig bietende Panorama. EinePromenade mit köstlicher Aussicht nach Süden gewährtder Boulevard du Midi, sonnig, vor Nordwinden ge-schützt. Die Kirche St.-Martin ist ein Neubau im gothi-schen Stil, mit elegantem Thurm; der Hochaltar vereintalle Marmorarten der Pyrenäen; hat schöne Glasgemälde.Das Schloß von Pau, wo die bayerischen Gefangenenverwahrt wurden (1871), ist das interessanteste Gebäudeder Stadt, mit welcher es 3 Brücken verbinden; Napo-leon III. ließ es restauriren, mit seinen imposanten6 Thürmen, Zinnen und breiten Mauern. Das Inneredes Schlosses mit seinen vielen Sälen in 2 Stockwerkenist sehr interessant. Das hiesige Klima ist für chronischeKehlkopf-Katarrhe sehr empfohlen. Vor uns liegt dasweite Gavethal, zu beiden Seiten mit den herrlichstenVillen und freundlichen Dörfern besetzt. Die gegen Südenaufsteigenden Hügel sind mit Weingärten bedeckt; allmäligerheben sich die Hügel zu hohen Felsbergen, welche sichan die Pyrenäen anschließen. Die Bahn durchzieht danndas Thal des Gave und dann das fruchtbare Thal desAdourfluffeS, in den sich der Gave ergießt, und erreichtendlich Bayonne, die alte Baskenstadt, Waffenplatzersten Ranges, mit 26,000 Einwohnern, 1 Stunde vomGolf von Biscaya .

Bayonne , am Zusammenfluß der Nive und desAdour, 5 km von der Bay von Biscaya , zerfällt in dreiHaupt-Stadttheile, Groß-, Klein-Bayonne und Vorstadt; eShat breite und gerade Straßen, schöne Häuser und gehörtzu den ersten Festungen Frankreichs . Seine Lage, nahebeim Meere, hart an der Grenze von Spanien , am Fußeder Pyrenäen , spiegelt sich auch in den Gegensätzen derBevölkerung ab, in einer wunderbaren Mischung vonSitten, Idiomen und Trachten; es ist eine halb spanische,halb baskische Stadt. Der Spanier tritt auf in braunemMantel oder in Jacke, Stulpenstiefeln, niederem rnndemHut; der Baske mit dem lange», nach hinten geschlagenenHaar, blauer, weitfaltiger Mütze, Sammetkittel, rotherLeibbinde; das baskische Mädchen mit der Coiffure ihresfarbigen halbseidenen Tuches, der Matrose mit demTafthut, dazu der französische Soldat und die Fremden-colonie aus Biarritz geben dem Leben der Stadt einenoriginellen Charakter, gesteigert durch die Gewohnheit derBasken, lachend und lärmend zu verkehren. Die Ein-wohner fabriciren vorzüglichen Branntwein und Liqueur,Chocolade, Glasflaschen, und treiben besonders mit Wein,Wolle, Schinken ansehnlichen Handel. Im Hafen wenigLeben. In der Vorstadt liegt die Citadelle, die Straßenach Spanien beherrschend; von ihren Bastionen schöneAussicht auf das baskische Bergland, die Dünen unddie Pyrenäen . Eine steinerne Brücke, 210 in lang, führtüber den Adonr zu: Kleinstadt; die Brücke Majou überdie Nive nach der Großstadt. Die Kathedrale hat zweielegante, 42 in hohe Thürme; der gothische Jnncnbaumacht einen erhebenden Eindruck.

Unser nächstes Ziel ist Sän Sebastian, eine derschönst gelegenen Städte des-dlichen Spanien ; dieganze Reise dahin ist hochinteressant, gibt einen rechtguten Einblick in nordspanisches Gebiet und Leben. DieEntfernung von Bayonne nach Sän Sebastian beträgt63 kni. die man in 2^ Stunden fährt um 3 Frcs.65 Cent. Die Bahn zieht über den Adour und dieNive zur Station Biarritz , von welcher der Badeort noch3 km westlich liegt. Biarritz , wohin auch eine Lokal-bahn führt, ist eine Stadt mit 8500 Einwohnern, jetzteines der besuchtesten Meerbäder Europas. Napoleon III. und Eugenie hielten hier Herbst-Residenz in ihrem Palais.Im August und September strömen viele Tausende vonFremden, die vornehme Pariser Welt, Spanier , Engländer,Russen, Deutsche, zu diesem schönsten Seebad Frankreichs ;ein köstliches Ufer mit feinem Sande; an drei verschiedenenBuchten gestattet die gesteigerte Brandung der Wogenjede beliebige Heilanwendung des Badens; die Entfernungbis zum Meer ist eine geringe. Wirklich eine prächtigemalerische Lage; interessant das Einströmen des hoch-aufschäumenden Meeres in zerklüftete hohe Felsenriffe,die Rundschau von der Mündung der Garonne bis znden Gipfeln der fernen spanischen Sierras und die amphi-theatralische Lage der Wohnhäuser, die aus den Fensterndie schönsten Ausblicke gewähren. Die Ufer sind malerisch,der Horizont weithin offen. Auch Winter-Station wegenseines milden Klimas.

Jenseits des Tunnels ein baskisches Dorf mit Meer-bädern; es folgt St.-Jan de Luz, 23 kw; mit Hotelsam Meeresufer; nun setzt die Bahn über die Nivelle.Durch einen 404 va langen Tunnel in das Thal desGrenzflußes Bidafsoa, jenseits des Flusses steht man weithinein in das spanische Gebiet. Hendaye (35 km) istdie französische Grenzstation, über genannten Grenz»