Ausgabe 
(24.7.1894) 60
Seite
464
 
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geschlossen ward, konnte sich die Stadt wieder allmäligerholen. Das folgende Jahrhundert brachte Füssens Namenin Verbindung mit einem weltgeschichtlichen Ereignisse;der Friede von Füssen nämlich endete den vierjährigenKrieg über die österreichische Thronfolge. Derselbe wurde,wie erwähnt, am 22. April 1745 geschlossen. Der Reichs-deputations-Hauptschluß vom 25. Februar 1803 theiltedas Gebiet des Hochstifts Augsburg und damit die StadtFüssen dem Kurstaate Bayern , die Abtei St. Magnusdem Fürsten von Oettingen-Wallerstein zu, nachdem dieStadt schon am 3. September 1802 durch kurbayerischeTruppen provisorisch für Bayern in Besitz genommen wordenwar. 1803 erfolgte die Aufhebung des Klosters St. Mang.Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Füssens begann,als Kronprinz Maximilian von Bayern die Burg Hohen-schwangau zu seiner Lieblingsstätte wählte und in reiz-voller Schönheit herstellte; denn der Stadt eng benach-bart, strahlt Hohenschwangau's Glanz und Neuschwanstein ,dasWalhall" unseres unglücklichen, unvergeßlichen Kö-nigs, auch auf diese nieder, und von der Huld der KönigeMaximilian II., Ludwig II. und der Königin Marie ge-tragen, lebte Füssen neu auf in Ansehen, Verkehr undWohlstand. Füssen erfreut sich mit Recht wegen seinerherrlichen Umgebung eines regen Fremdenverkehrs und istim Hinblick auf die vielen trefflichen Wirthschaften, indenen man bestens aufgehoben ist, der Aufenthalt dort-selbst den Touristen nur zu empfehlen.

(Unser Bild ist nach einer Photographie von HerrnLudwig Schradler in Füssen am Lech. )

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Hungrige Gäste.

(Zu unserem Bild Seite 459.)

Umbaucht von der Poesie des Südens liefert E. Ravel inseiner Originalzeichnung ein Genrestück von bestechender Ein-fachbeit: ein ehrwürdiger Kapuzinermönch streut im Klosterhofe,dessen Mauern auf der einen Seite in das unermeßliche Meerabfallen, dem Geflügel die übliche Körnerration aus der Holz-schüssel und freut sich über den gesegneten Appetit seiner Gäste.Und Hunger hat das Federvieh fast zu jeder Tageszeit, mögenes nun Hühner oder Tauben oder langsam schreitende Gänsesein. Mit Beziehung darauf sagt auch ein alter Spruch:Willst du verderben und weißt nicht wie,

So halte nur Viel Federvieh."

Buchstäblich genau dürste übrigens der Spruch selten zu-treffen, und die armen Kapuziner wären die letzten, welche dieeigene spärliche Nahrung in unbilliger Weise der unvernünftigen,wenn auch nützlichen Kreatur zuwenden wollten. Futter brauchenaber einmal die zweibeinigen Eier-, Fleisch- und Federlieferanten,undder Gerechte erbarmt sich auch des Thieres".

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Allerlei.

Ein sehr beliebtes Mittel in amerikanischengesetzgebenden Versammlungen, die Abstimmung über nichtzusagende Gesetze zu hintertreiben, besteht darin, die Ver-handlungen durch tagelange Reden in die Längezu ziehen. Von einer der letzten Verhandlungen imBundessenate entwirft ein Washingtoner Berichterstatterfolgende Schilderung: In einer Ecke erhebt sich ein kleines,unscheinbares Männchen, kahlköpfig, mit Augen, die nachzwei Seiten zugleich sehen, und rothem, fadenscheinigem,kurzgeschnittenem Schnurrbart. Es ist Senator Quay.Nichts als ein weißes Hemd bedeckt das bescheidene Spitz-bäuchlein, graue Hose und eine kurze, weite Jacke voll-enden den Anzug. Der Mann setzt eine schwere goldeneBrille auf die Nase; neben ihm hat ein müde aussehen-der junger Schreiber Platz genommen, der einen BergPapier vor sich hat. Er schiebt das erste Blatt dem

Manne in die Hände, mechanisch, wie die Drucker dieweißen Blätter in die Presse schieben. Ebenso mechanischergreift der kleine Mann das Papier und beginnt zulesen. Ein dünnes, gebrochenes und zerbrochenes Sümm-chen, von dem man nicht weiß, wo es herkommt; Niemandversteht ein Wort, aber Blatt für Blatt wird in dieMaschine geschoben und abgeleiert, wie in einem zer-brochenen Phonographen. Die Mitglieder des Senatsflattern auseinander. Zigarren und Limonade in den Vor-zimmern, Mint-Juleps und Erdbeerkuchen, kalter Lachsund Champagner, gebratener Hummer und Ale, Käsebrodund Bier im Restaurant, kühlendes Bad oder Spazier-gang, ein paar Briefe diktiren oder Bekannte empfangen,alles Mögliche, nur nicht im Senat bleiben I Die Preß-galerte ist leer, und der letzte Besucher in den anderenGalerien ist eingeschlafen. Der Mann im kurzen Sommer-jäckchen liest immer weiter. Der Vizepräsident läßt sichablösen und macht's wie alle Anderen. Senator Pfeffer,der sonst Alles mit anhört, unterbricht seine Hauptbe-schäftigung, das Streichen seines langen Bartes, siehtnach der Uhr und geht nach dem Restaurant, um eineMahlzeit einzunehmen. Eine Anzahl von Pagen hat sichmalerisch um den Stuhl des alten Thürhüters Bassetgruppirt, und Alle halten ihren Mittagsschlaf. Manchmalwandert ein Senator in Grau oder Blau oder Weiß inden Saal und macht eine Bemerkung, dann liest derMann in der Sommerjacke wieder weiter. Der Schreiber,der die Blätter einschickst, ist bei 110 angelangt undkaut Gummi, sich wach zu halten. Es wird fünf Uhr,und der Mann liest noch. Da wacht Senator Hoar, derabwechselnd Briefe geschrieben und geschlafen hat, auf,sieht sich um und bemerkt, es sei wohl keine beschluß-fähige Mitgltcderzahl vorhanden; ein anderer Senatorwacht auf und sagt, er hätte einige Zwischenbemerkungenüber Wolle zu machen. Der Mann in der Sommerjackeverbeugt sich und fällt in seinen Stuhl. Er ist eben beidem siebenten Abschnitt seiner großen Tarifrede angelangt...

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Helft den Armen! Zu Lengenfeld (Oberpfalz )befindet sich in der Sakristei der Kirche eine Tafelmit folgenden Versen vom Jahre 1583:

Laßt euch die Noth erbarmen!

Helft und gebt den Armen!

Wenn ihr euer Ohr vor den Armen zustopft,

So hört euch Gott nicht, da ihr schon anklopft.

Hast du viel, so gib reichlich;

Hast du wenig, so gib treulich!

Theil dem Hungrigen mit dun Brod,

Deck den Nackten mit deinem Kleid,

So wirst du sammeln in der NothEinen Lohn, so dir vergilt Gott ."

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Iiilder-Uäthsek.