zm
„Rugsburger Postxritung".
M 61.
Ireitag, den 27. Juli
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler ).
Zin Sänne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
XXV.
Den Kopf auf die Hand gestützt, lauschte Maitlandeine geraume Weile jedem Geräusch, wobei ihm die Mi-nuten zu Ewigkeiten wurden.
Um ganz sicher zu sein, wartete er noch immer, alssich im Hause längst nichts mehr regte. Da war esihm plötzlich, als ob ein Ton wie ein leiser Schrei oderRuf an sein Ohr schlüge. Er richtete sich empor undhorchte lange mit angehaltenem Athem. Aber nicht derleiseste Laut ließ sich mehr hören. Es mochte wohl nurdie Vorspiegelung seiner geschäftigen Einbildungskraftgewesen sein, vielleicht auch hatte er sich bereits in demHalbzustande zwischen Wachen und Traum befunden; erwußte es selbst nicht genau, jedenfalls aber war es nunZeit, das Terrain zu recoguosciren. Maitland schlichzur Thüre und öffnete diese leise. Kaum war er hinaus-getreten, als ihm vom Corridore gedämpfte Schritte ent-gegentönten. Er hatte die Thür hinter sich weit auf-stehen lassen, und da vom Fenster seines Zimmers herdas Licht des Mondes, der höher am Himmel herauf-gestiegen war, hereindrang, so stand er, vom Gange ausgesehen, im Hellen und zog sich rasch in's Zimmer zurück.
Noch ehe er hinter sich die Thüre andrücken konnte,erhielt er einen schweren Schlag auf den Kopf, der ihnzu Boden streckte und ihn einige Minuten lang allerBesinnung beraubte. Als er die Augen wieder öffnete,war das auf dem Tische stehende Licht angezündet, under erblickte zwei Männer, deren Gesichter durch schwarzenKrepp verhüllt waren.
Maitland war ein Mann von unbeugsamem Muthe,und obgleich er zwei gegen sich hatte und der eine vonihnen eine wahre Riesengestalt war, so versuchte erdennoch aufzustehen, in der Zuversicht, er werde denEinbrechern so lange Stand zu halten vermögen, bisweitere Hilfe komme. Aber beim ersten Versuche, sichzu bewegen, fühlte er, daß ihm die Hände auf denRücken gebunden und seine Füße ebenfalls gefesseltwaren. Er faßte daher den Entschluß, regungslos, wieein Todter, liegen zu bleiben und mit halbgeschlossenenAugen die Räuber zu beobachten.
„Manchmal ist der Mondschein auch zu etwas gut,"sagte der kleinere der beiden Männer, „hätte er nicht
diesen ungebetenen Gast beleuchtet, so hätte unsere ganzeRechnung schief gehen können. Hast Du ihm den Nestgegeben?"
„Nein, das hab' ich nicht!" gab der Riese zurAntwort. „Er ist nur betäubt; sieh', wie er athmet."
Mit diesen Worten nahm der Sprechende das Lichtund beugte sich auf Maitland herab, der rasch die Augengeschlossen hatte.
„Zum Teufel!" rief der Riese mit gedämpfterStimme, „ich will mich hängen lassen, wenn das nichtder Kerl ist, der den armen Assessor wegen Wechsel-fälschung in's Zuchthaus bringen will, wenn dieser ihmnicht die Schwester ausliefert. Was hat der Burschehier in ihrer Nähe zu schaffen? Wenn er mit ihremWillen hier ist, so will ich —"
Er unterbrach sich, denn er hatte, während er sprach,sich nach seinem Genossen umgewendet und bemerkt, wiederselbe aus Maitlands Kleidern eine Brieftasche her-vorzog.
„Laß sehen!" rief er, hastig die Hand danach aus-streckend, „Himmel und Hölle! das ist wahrhaftig dasDing mit der Schlangenhaut." Der „bunte Karl" waralso noch nicht an der Arbeit. Her mit der Brieftasche;wir wollen sie später untersuchen. Jetzt an unser Haupt-geschäft."
Der Niese steckte die Brieftasche zu sich, währendsein Begleiter Maitlands Uhr, Brillantnadel und Ringean sich nahm und diesem selbst einen Knebel in denMund schob.
Nachdem die Einbrecher das Licht ausgelöscht hatten,entfernten sie sich leise und ließen den Gefesselten in derFinsterniß und im Zustande qualvollster Hilflosigkeit zurück.
Unfähig sich zu bewegen, machte er verzweifelte,aber ohnmächtige Kraftanstrengungen, sich von den Fesselnzu befreien, die seine Glieder zusammenschnürten. Indemer sich die Worte, die er den Niesen hatte sprechen hören,in's Gedächtniß zurückrief, gewann er die Ueberzeugung,daß Nettberg zu den Einbrechern in gewissen Bezieh-ungen stehen mußte. Die körperlichen Qualen, die Wuthüber seine Hilflosigkeit und über den Verlust der Brief-tasche, wodurch er sich alle Machtmittel über die Ge-schwister Nettberg aus der Hand gerungen sah, erschöpf-ten Maitland's Lebensgeister, und er verfiel in einenbewußtlosen Zustand.
Als er die Augen wieder aufschlug, dämmerte derMorgen zum Fenster herein; er fühlte seine Glieder frei