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von den Fesseln und sah zwei Personen mit sich be-schäftigt. Maitland's Befreier waren das Dienstmäd-chen und der Kutscher . Das Mädchen hatte in ihrerBodenkammer oben von den Vorgängen, die sich währendder Nacht im Hause zugetragen, nichts bemerkt. Alssie mit dem ersten Morgengrauen ihre Kammer verlassenwollte, war dieselbe von außen verschlossen. Mit allerLeibesmacht stemmte sich das Mädchen gegen die Thür,bis diese aufsprang. Zu ihrem großen Erstaunen ent-deckte sie nun, daß ein von außen in die Thürbekleidunggetriebener Bohrer die Thür bis jetzt zugehalten hatte.Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie in denHausflur hinabkam und die der Küche gegenüberliegendeThür, welche in die unteren Wohnräume führte undüber Nacht stets verriegelt war, nur angelehnt fand.In die Thürfüllung war ein Loch gebrochen, groß genug,daß jemand von außen mit der Hand hindurchgreifenund den massiven Riegel hatte zurückschieben können.Jetzt ging selbst dem schlichten Verstände des Bauern-mädchens eine Ahnung auf, daß Diebe im Hause ge-wesen sein mußten. Als sie nun auch Jammertöne ausdem Schlafzimmer ihres Herru vernahm, welches an denSalon stieß, schloß sie die Hinterthür auf und stürzteauf den Hof hinaus, um den Kutscher zu Hülfe zurufen, der über dem Pferdestalle schlief. Beide fandenihren Herrn im kläglichsten Zustande an den Bettpfostenangebunden, an Händen und Füßen gefesselt und durcheinen in den Mund gestopften Knebel am Schreien ver-hindert. Die dicke Thür des eisernen Geldschranks, wel-cher seinen Platz im Schlafzimmer hatte, stand weit offen;der Silberschrcmk im Salon war vollständig ausgeleert.Wie die Einbrecher in das wohlverwahrte Haus gelangtsein mochten, war räthselhaft; nur soviel stand fest, daßsie dasselbe durch die vordere Hausthür verlassen hatten,denn der schwere innere Riegel war zurückgeschoben.
Das war der Bericht, den das Mädchen und derKutscher, einander ergänzend, in athemloser Hast demfremden Gaste erstatteten.
„Was ist aus Fräulein Nettberg geworden s" lauteteMaitland's erste Frage.
Darüber wußten sie noch nichts.
Maitland wollte sich rasch erheben, aber er ver-mochte nicht zu stehen; noch versagten ihm die kaum freigewordenen Glieder den Dienst.
„Eilen Sie, eilen Sie!" rief er dem Mädchen zu,Mit einer Kopfbewcgung nach dem Corridore, „undbringen Sie mir sofort Nachricht, wie Sie das Fräuleingefunden haben."
Das Mädchen stürzte fort und kehrte sehr raschwieder zurück.
„Das junge Fräulein ist fort!" rief sie mit Augenso groß wie ein Teller. „Die Einbrecher müssen durchihr Zimmer in's Haus gekommen sein; die Balkonthürsteht offen. Das Fräulein ist nirgends zu finden."
Maitland ward blaß wie der Tod. Er erinnertesich des leisen Schreies, den er vernommen und für eineTäuschung seiner Einbildungskraft gehalten hatte.
Er ließ das ganze Haus durchsuchen, aber nirgendsfand sich eine Spur von dem unglücklichen Mädchen,welches die Räuber wahrscheinlich aus Furcht vor Ver-rath mit sich genommen hatten.
Sein jugendlicher Körper erholte sich bald von denlähmenden Einwirkungen dieser Nacht, und die wildeEnergie der seelischen Erregung, in welcher er sich be-
fand, kam ihm dabei zu Hülfe. Nachdem er sich voll-ständig angekleidet, suchte er seinen Gastgeber auf, dener knieend vor seinem beraubten Geldschranke traf. Baldjammernd, bald in wilde Flüche ausbrechend, hatte ernur Sinn für den eigenen Verlust. Zwölftausend Markin Gold und Neichsbanknoten waren den Schurken zurBeute gefallen, und dabei hatte er ihnen auch noch eigen-händig den Schlüssel zum Geldschranke ausliefern müssen,weil sie gedroht, ihn todtschlagen zu wollen, wenn ersich weigere.
„Geben Sie Befehl, Herr Teßner, daß mir sofortein Pferd gesattelt werde," drängte Maitland. „Ichwill nach der Kreisstadt hinüberreiten und sofort Polizeiund Gericht in Bewegung setzen. Nur durch schnellesHandeln läßt sich ein Erfolg erreichen."
Fünf Minuten später bestieg Maitland das Reit-pferd des Gutsherrn und sprengte davon.
XXVI.
Als Melanie Retiberg die Zeilen Maitland's über-las, worin er ihr die Rückkehr ihres Bruders meldete,war sie sehr bestürzt, und der Wunsch, sobald wie mög-lich Aufklärung zu erhalten, diktirte ihr die unter Mait-land's Anfrage hastig hingeworfenen Worte.
Melanie löschte das Licht, legte sich zu Bett undahnungslos, daß das Verbrechen sie in doppelter Gestaltumschwebte, sank sie in Schlummer. Wie lange derselbegedauert, wußte sie nicht, aber ihr Erwachen war vonSchrecken begleitet. Es war ein Licht im Zimmer undsie unterschied zwei Männer, deren Gesichter unter einerschwarzen Florhülle verborgen waren. Der eine vonihnen, eine hünenhafte Gestalt, streifte die Florhüllezurück, um in durstigen Zügen ein Glas Wasser hin-unterzustürzen, welches auf dem Nachttische stand. Me-lanie war regungslos dagelegen, die Angst hatte ihreKehle zugeschnürt. In dem Augenblick aber, wo sie dieGesichtszüge des Trinkenden deutlicher unterschied, rich-tete sie sich mit einem leisen Schrei der Ueberraschungempor, und ihren Lippen entfuhr der Ausruf: „HerrNöllingl"
Der Angerufene, welcher ebensowenig wie sein Be-gleiter darauf gefaßt war, das Zimmer bewohnt zu fin-den, zuckte zusammen. Hastig den Flor wieder über seinGesicht ziehend, stürzte er lautlos auf das Bett zu underhob unter einem leisen Fluche die mit einem Brech-eisen bewaffnete Hand zum tödtlichen Schlage.
Melanie faltete die Hände mit flehender Geberde.Sie bot in ihrer Schönheit und unschuldsvollen Jugendein so rührendes Bild, daß ein Herz von Stein dazugehört hätte, sie in diesem Augenblicke" erbarmungsloshinzumorden.
„Sie kennen mich?" zischte der Mann.
„Ja, ich kenne Sie," stammelte sie, „ich bin Me-lanie Rettbekg."
„Edmund's Schwester!" murmelte Nölling und ließdie bewaffnete Hand langsam Herabfinken.
Wohl kannte er Melanie, welche er bei ihrem Bru-der ein paar Mal gesehen, aber er hatte sie hier sowenig gesucht und in ihrem Nachtgewand und mit demaufgelösten Haar erschien sie ihm so ganz anders, daßerst ihr Name ihm den Schlüssel zum Wiedererkennenihrer Züge lieferte.
„Das fügt sich unglücklich!" flüsterte er. „DieSchwester meines Freundes wäre die letzte, der ich etwas