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zu Leide thun würde. Wenn ich aber Ihres Lebensschone, und Sie verhelfen mir dafür hinter Schlotz undRiegel, Fräulein, so wären Sie, bei meiner armen Seele!noch schlimmer als ich!"
„Ich will nie ein Wort gegen Sie aussagen, sowahr Gott mir helfe!" betheuerte Melanie leise. „Aber— was Sie auch in diesem Hause vorhaben mögen —versprechen Sie mir, daß Sie auch das Leben Andererschonen wollen."
„Ich habe meine Hand noch nie mit einem Mordebefleckt," erwiderte Nölling, „und hoffentlich wird's auchhier ohne solche traurige Nothwendigkeit abgehen. Wasnun Ihr Versprechen anlangt, so will ich der Schwestermeines Freudes Glauben schenken."
Er trat vom Bette zurück und besprach sich eineWeile flüsternd mit seinem Genossen, welcher Einwend-ungen zu erheben schien.
„Bleiben Sie ruhig, Fräulein, es geschieht Ihnennichts," wandte sich Nölling wieder an das zitterndeMädchen, worauf er durch die Balkonthür verschwandund nach einiger Zeit mit einem dritten Manne zurück-kehrte, dessen Gesicht ebenfalls von schwarzem Krepp um-schleiert war.
„Und nun, Fräulein, stehen Sie auf und kleidenSie sich an," flüsterte Nölling. „Meine Begleiter sindnicht so vertrauende Leute wie ich; sie wollen Sie hiernicht zurücklassen, sondern bestehen darauf, daß Sie mituns gehen, sobald wir unser Geschäft besorgt haben.Beeilen Sie sich und seien Sie ohne Furcht, denn eswird Ihnen kein Leid geschehen."
Das Licht auslöschend, schlich er mit seinen beidenGenossen auf den Corridor hinaus. Der Zuletztge-kommene mit dem Namen „Don Carlos" blieb draußenvor Melanie's Thür als Wache zurück. Noch immerwie halb gelähmt von dem ausgestandenen Schrecken,stand Melanie auf, um sich anzukleiden, so gut es imFinstern ging; in ihrer seltsamen Situation, wo siewußte, daß es sich um ein Verbrechen handle, welchessie schweigend geschehen lassen mußte, kam sie sich vor,als habe sie selbst Antheil daran, obgleich sie es nichtzu hindern vermocht hätte; ein einziger lauter Schreiwürde ihr das Leben gekostet haben, ohne die Einbrechervon ihrem Vorhaben zurückzuhalten. Noch war sie mitdem Ankleiden nicht fertig, da öffnete sich auch leise dieThür, und ihr Wächter trat ein.
„Vorwärts jetzt, es ist Zeit!" raunte er ihr zu.„Treten Sie leise auf und verhalten Sie sich still,sonst —
Er ergriff sie am Arme und führte sie geräuschlosdie Treppe hinab und durch die geöffnete Hausthür insFreie. Am Ende der Pappclallee wartete ein mit zweiPferden bespannter Wagen; daneben stand ein Mann,welcher auf die Pferde Acht gab. Nachdem Melanie denWagen bestiegen, begab sich ihr Begleiter, wieder nachdem Hause und kehrte nach einer Weile mit Nöllingund dessen Genossen zurück. Alle drei waren mit Säckenbeladen, deren Inhalt einen metallenen Klang von sichgab, als die Säcke im Wagen untergebracht wurden.
Die vier Männer stiegen ein, Nölling nahm aufdem vorderen Sitze seinen Platz neben Melanie, ergriffZügel und Peitsche, und — fort ging es in scharfem Trabe.
Kein Wort ward unterwegs gesprochen. Als Nöllingbemerkte, daß Melanie ohne Mantel war, hüllte er siezum Schutze gegen die Nachtkühle schweigend in eine Decke.
Nach längerer Fahrt traten die Thürme und dieHäuserumriffe der Kreisstadt aus der Dunkelheit hervor.Nölling umfuhr die Stadt in den verschiedensten Rich-tungen, bis der Wagen endlich vor einem Gehöfte Haltmachte, dessen Einfahrtsthor sogleich wie von unsichtbarenHänden geöffnet wurde. Im Hofe stiegen Melanie'sBegleiter ab und verschwanden mit ihren Lasten im Hause.Nölling half ihr vom Wagen und führte sie in einZimmer, in welchem ein Licht brannte.
„Ich habe also Ihr Wort, Fräulein," begann er,„daß Sie nichts zu meinen Ungunsten aussagen werden."
„Keine Silbe, womit ich einen Verrath an Ihnenbegehen könnte, soll über meine Lippen kommen, wennes sich nur um das Eigenthum und nicht um das LebenAnderer handelt, das versichere ich auf meine Ehre!"
„Gut, gut, damit bin ich zufrieden," nickte Nölling.„Und nun sehen Sie, was ich da habe."
„Dies hier ist der Wechsel, den Ihr Bruder ge-fälscht hat. Der feine Herr, der sich diese Nacht imGöllnitzer Herrenhause einquartiert hatte, bewahrte ihnsorgfältig auf, um Ihren Bruder in's Zuchthaus zubringen, falls er nicht an Ihnen zum Verrüther werdenwollte." Lächelnd drehte er den Wechsel zusammen undhielt ihn wie einen Fidibus an's Licht. Im Nu gingder Hauptbeweis von Edmund's Verbrechen in Flam-men auf.
„Da ist noch ein kleiner Zettel," fuhr Nölling fort,„auf welchem Ihr eigener Name steht. Wahrscheinlichsollte er auch bei irgend einer Schurkerei mitspielen."Ehe er auch dieses Papier der Flamme überlieferte, zeigteer es Melanie, und diese erkannte anf dem abgeschnittenenStreifen die Zeilen wieder, die sie gestern Abend anMaitland geschrieben hatte.
„Und dieses Stück Papier," schloß Nölling, aufein drittes Blatt weisend, „ist eine Art Sündenbekeunt-niß, das Maitland Ihren Bruder unterzeichnen ließ.Auch das geschah, um Sie in seine Gewalt zu be-kommen. Es möge den Weg seiner beiden Vorgängerwandeln."
Im gleichen Augenblick flackerte auch dieses letzteZeugniß von Edmund's Schuld auf, und nur schwarzeFlocken schwebten noch davon umher.
„So!" lachte der Necke, „nun ist der ganze böseZauber gebrochen."
In der ihr eigenen heftigen Aufwallung von Dank-barkeit stürzte das junge Mädchen auf ihn zu, ergriffseine rauhe Hand und drückte sie an ihre Lippen.
„Unsinn! Unsinn!" rief er, sie sanft abwehrend.„Aber lassen Sie sich vor diesem verdammten Schurken,dem Maitland, warnen, Fräulein. Er ist schlimmerals Unsereiner. Er hatte Ihren Bruder vollständig inder Schlinge, und durch ihn wollte er Sie in seine Ge-walt bekommen!"
„Wissen Sie etwas über meinen Bruder?" fragteMelanie.
„Er hat seine Reise nach Amerika in England unterbrochen Und befindet sich wieder in Berlin in seineralten Wohnung," gab Nölling zur Antwort und erklärtehierauf dem erstaunt zuhörenden Mädchen das ganzeManöver, welches von Maitland zur Entdeckung ihresAufenthaltes in's Werk gesetzt worden war. „Nun mußich fort," sagte er am Ende seines kurzen Berichtes; „esist nöthig, daß Sie noch einige Zeit hier bleiben; nochvor Tagesanbruch wird Sie jemand nach der inneren