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Stadt führen, dann sind Sie frei. Bis dahin lassenSie sich nicht bange sein; ich habe Ihnen gesagt, daßIhnen nichts geschehen wird, und ich halte mein Ver-sprechen — "
„Und ich das meinige!« ergänzte Melanie, ihrWort mit einem Händedruck besiegelnd, worauf der Niesesich verabschiedete, die Thür hinter sich abschließend.
XXVII.
Es war noch völlig dunkel, als Melanie aus ihremGefängniß erlöst wurde. Ihr Befreier war ein bäuerischgekleidetes weibliches Wesen mit einem bunten, unterdem Kinn zugebundenen Kopftuche, welches von dem Ge-sicht seiner Besitzerin so wenig frei ließ, daß sich Aus-sehen und Alter derselben schwer hätten bestimmen lassen.Die Frau winkte Melanie mit der Hand, ihr zu folgen,und führte sie stumm durch ein solches Gewirr von Hin-ter- und Ncbengüßchen, daß es Melanie unmöglich ge-wesen wäre, den Weg nach dem eben verlassenen Gehöftzurückzufinden.
Der Tag dämmerte bereits, als eine lang sich hin-dehnende, meist von hohen Häusern gebildete Straße er-reicht war; hier machte die schweigsame Führerin Me-lanie ein Zeichen, daß sie dieser Straße folgen solle,und wandte sich zurück, um an der nächsten Ecke zu ver-schwinden.
Der ihr angedeuteten Richtung folgend, gelangteMelanie auf den Marktplatz, auf welchem sich mehrereGasthöfe befanden. Aus einem derselben kam eben einvierspänniger Postwagen herausgerollt. Ueber dem Thoreprangte die Inschrift: „Gasthaus zur Post.« Melanieging auf das alterthümliche Haus zu und erreichte das-selbe eben, als ein Mädchen in schneeweißer Schürze-mit Brustlatz und gekreuzten Achselbändern, welches demPostwagen nachgeblickt hatte, sich von dem Thorweg wie-der in den Durchfahrtsflur zurückziehen wollte.
„Können Sie mir vielleicht sagen,« wandte Melaniesich an das Mädchen, „wann die Post abgeht, die durchGöllnitz fährt?«
„Da haben Sie noch bis zehn Uhr Zeit, Fräu-lein,« antwortete das Mädchen zuvorkommend, „wollenSie nicht in die Gaststube eintreten? Oder wünschenSie einstweilen ein Zimmer?«
Melanie nahm den letzteren Vorschlag sehr gernan und ließ sich von dem Mädchen ein in den höherenStockwerken gelegenes Zimmer anweisen.
„Ist Ihnen vielleicht Kaffee gefällig?« fragte dasMädchen.
Melanie bat um eine Tasse Kaffee mit etwas Ge-bäck und begann nach der Entfernung des Mädchensvor dem Spiegel ihr Haar zu ordnen. Nach einer Vier-telstunde kam das bestellte Frühstück, welches sie sichtrefflich schmecken ließ. Wahrend sie noch dem Gebäckzusprach, griff sie in die Tasche ihres Kleides — undda quoll ihr plötzlich der Bissen im Munde, denn siehatte eben entdeckt, daß sie ohne Geld war. Sie er-innerte sich, daß sie auf ihrer Reise nach Göllnitz dasPortemonnaie in ihrem Regenmantel getragen und esherauszunehmen vergessen hatte. Der Gedanke, sich durchdie Annahme des Zimmers und des Frühstücks eineSchuld aufgeladen zu haben, die sie nicht bezahlen konnte,und auch nicht die Mittel zur Rückkehr nach Göllnitz zubesitzen, machte sie siedend heiß.
Bei ihrer Gewohnheit, ihre Ringe vor dem Schlafen-
gehen abzulegen, sah sie sich nicht einmal im Stande,wenigstens ein Pfandobjekt zu hinterlassen, wenn sie auchden weiten Weg hätte zu Fuß zurücklegen wollen.
Melanie zog die Klingel und fragte das eintretendeMädchen, ob sie mit der Frau des Hauses ein paarWorte reden könne.
„Die Madame schläft noch," erwiderte das Mädchen,„es gab gestern Abend ein Abschiedsessen und da ist siespät zu Bett gekommen, aber der Herr ist schon wach.«
„Ich möchte lieber mit der Frau sprechen,« ent-gegnete Melanie nach kurzem Bedenken.
„Gut; ich werde eS ihr sagen, sobald sie aufge-standen ist.« . . .
Viertelstunde auf Viertelstunde schlich dahin. End-lich erschien die so sehnlich und doch so angstvoll Er-wartete. Sie war eine große, überaus korpulente, sehrgut gekleidete Fünfzigerin, deren mit einem Doppelkinngesegnetes Gesicht den Eindruck herber Ehrbarkeit machte.
„Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte die Wir-thin, indem sie die junge Dame neugierig von Kopf biszu Fuß betrachtete.
Melanie hatte sich vorgenommen, frei und unbe-fangen vom Herzen weg zu sprechen, aber trotzdem sankihr Ton zur Schüchternheit herab, während sie erzählte,daß sie wider ihren Willen in diese Stadt gekommensei und unglücklicher Weise ihr Portemonnaie zurückge-lassen habe. „Ich befinde mich nun in doppelter Ver-legenheit,« schloß sie, „denn ich möchte mit der nächstenPost nach dem Gute Göllnitz zurückkehren, wo ich beiHerrn Teßner zu Besuch weile. Wollen Sie mir dasunbedeutende Fahrgeld nicht vorstrecken, so bitte ich Sie,mir wenigstens meine kleine Zeche zu creditiren; ich werdeIhnen das Geld gleich nach meiner Heimkunft schicken.Leider habe ich nichts bei mir, was ich Ihnen einst-weilen als Pfand zurücklassen könnte.«
Die Wirthin hatte, während sie zuhörte, den Mundfest zusammengezogen und stieß jetzt ein ominöses: „So,so!« aus.
„Ich leihe grundsätzlich Niemandem Geld, Fräulein.«sagte sie, „übrigens pflegt man, wenn man auf Reisengeht, zu allererst Geld zu sich zu stecken.«
Es blieb nun Melanie nichts anderes übrig, alszu berichten, daß diese Nacht bei Herrn Teßner ein-gebrochen worden sei und daß die Einbrecher sie ausFurcht, von ihr verrathen zu werden, mit sich genommenund an einem Orte, den sie nicht anzugeben wisse, ab-gesetzt Hütten.
„So, so!« lautete sehr frostig wieder die Antwortder Wirthin, welche der abenteuerlichen Geschichte mitmißtrauischer Miene zugehört hatte. „Nun, ich willeinmal mit meinem Manne über die Sache reden.«
Es lag etwas im Tone dieser Worte, was ehereiner Drohung als einer Vertröstung ähnelte.
Als die Wirthin in die Gaststube hinabkam, fandsie ihren Gatten in eifrigem Gespräch mit einem vor-nehm aussehenden Herrn, welcher stehend eine Tasse Kaffeezu sich nahm.
„Vor 8 Uhr finden Sie den Polizeicommissar nichtauf seinem Bureau,« sagte der Wirth. „SolangewerdenSie sich also gedulden müssen. — Du, Frau," wandteer sich an seine Gattin, „denke Dir nur, diese Nacht istauf dem Gute Göllnitz eingebrochen worden; die Diebehaben dem alten Teßner zwölftausend Mark aus dem