Ausgabe 
(27.7.1894) 61
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Kassenschranke gestohlen, sämmtliches Silberzeug mit-genommen"

Daß Gott erbarm'!" rief die Wirthin.Dannist die Geschichte doch wohl wahr, die mir eben dasjunge Frauenzimmer in Nr. 27 erzählt hat. Sie sagt,die Spitzbuben hätten sie mit fortgeschleppt"

Fortgeschleppt?" unterbrach sie hastig der fremdeHerr.Ein junges Frauenzimmer? Wo ist sie? Wiesieht sie aus?"

Sie ist hier im Hause," antwortete die Wirthin,ich wollte ihr die Sache nicht glauben. Sie sieht zwarsehr unschuldig aus mit ihrem feinen Gesichtchen und mitdem goldblonden Haare, aber"

Kein Zweifel, es ist Fräulein Nettberg I" rtef derFremde.Ich muß das Fräulein sogleich sprechen.Führen Sie mich zu ihr."

Die junge Dame in Nr. 27 hatte durch diesenZwischenfall im den Augen der Wirthin sehr gewonnen.Jedenfalls muß ich erst fragen," erwiderte sie,ob dasFräulein Sie zu so früher Stunde empfangen will, undmir Ihren werthen Namen auskitten."

Mein Name ist Maitland," war die ungeduldigeAntwort.Einen Zweifel darüber, ob das Fräuleinmich zu sehen wünscht, gibt es nicht."

Er folgte der Wirthin die Treppe hinauf. Dieseöffnete die Thür von Nr. 27 so weit, daß gerade ihrestattliche Person hindurch konnte, Maitland aber draußenbleiben mußte.

Wenn Sie Fräulein Äettberg sind," redete sie dieschüchterne Zimmerbewohnerin an,so ist hier ein Herr,der Sie zu sprechen wünscht. Er nennt sich Maitland."

Melanies Miene verrieth deutlich, daß ihr dieserBesuch sehr unwillkommen sei, aber noch ehe sie ant-worten konnte, riß Maitland der Wirthin ungestüm dieThür aus der Hand und schritt, sich an ihr vorüber-drängend, auf das junge Mädchen zu.

Wie preise ich den glücklichen Zufall, der mich Siehier finden ließ!" rief er, und es lag so viel wirklicheFreude in seiner Miene, daß Melanie ihm ihre Handnicht zu verweigern vermochte. Da die Wirthin inzwischenverschwunden war, so drückte er seine Lippen darauf.Melanie wollte ihre Hand augenblicklich zurückziehen,aber er hielt sie fest in der seinigen.O, Melanie,"sagte er, sie nach dem Sopha führend,was habe ichseit heute Nacht Ihretwegen gelitten!"

Die junge Dame erröthete und zitterte, denn siefühlte, daß ein Augenblick der Prüfung nahte.

Melanie, theure Melanie, es kann Ihnen nichtverborgen geblieben sein, daß ich Sie liebe, mit einerLeidenschaft und Innigkeit liebe, wie ich sie vorher nochnie für ein Weib empfunden habe. Sie sollen übermich gebieten, ich will der Sclave Ihrer Wünsche sein.Lassen Sie uns vereint durch's Leben gehen, Melanie,durch keines der kalten gesetzlichen Bande gebunden, sonderndurch den edleren, stärkeren Impuls überwältigenderLeidenschaft, die sich über die eitlen Ceremonien der sog.Gesellschaft hinwegsetzt, unzertrennlich aneinander gefesselt! Ich lege Ihnen mein Vermögen, mein Leben, michselbst zu Füßen. Lassen Sie nur den leisesten Wunschvernehmen, und er soll im Augenblick erfüllt werden!Nein, Geliebte, bebe nicht aus meinen Armen zurück;einmal doch laß mich Dich an mein Herz pressen, dasfür Dich, nur für Dich flammt und glüht!"

Aber während er mit wachsender Leidenschaft zu

ihr sprach, wich Melanie vor ihm zurück. Wie sehr erauch unter unbestimmten, aber glühenden Worten seinenAntrag verschleierte, so verstand sie, gewarnt wie sie war,ihn nur zu gut und erkannte, daß alles wahr sei, wasman ihr über ihn gesagt hatte.

Sie stand vor ihm und betrachtete ihn mit einerMiene der Verachtung und des Abscheus.

(Fortsetzung folgt.)

-8S88NS---

Irernde Klänge.

»Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt.'

Paulus .

Der müde Tag geht nun zur Ruh',

Im Garten schlafen die Rosen,

Verirrte Töne trägt mir zuDer Wind mit Flüstern und Kosen.

AuS lichtern Räumen kommen sie her,

Flüchtlinge sind sie im Dunkel,

Mir schimmert die kleine Lampe nur mehrUnd oben der Sterne Gesunkel.

Und denen sie rauschten, haben sieDie Sorgen wohl alle vertrieben,

Oder sind bei ihrer MelodieDie Herzen verstimmt geblieben?

Vor'm Hause der Springguell steigt ohne RastUnd fallet plätschernd nieder,

Ich lausche gern, sein einziger Gast,

Auf seine geheimen Lieder.

Er hat zum Dank in der EinsamkeitManch' stilles Wort mir vertrauet,

Dann hat die Seele auS dieser ZeitJn'S Reich des FricdenS geschauet.

Adolph Müller .

--SMNS---

Reise-Skizze des bayerischen Pisgerznges nachLonrdes 1894.

(Schluß.)

Und nun hinein eiligen Schrittes zur Stadt; eswar 10 Uhr Nachts geworden. Jeder eilte, der Einezu Wagen, Andere zu Fuß, mit dem Gepäcke auf denBahnhof. 11 Uhr Nachts fuhren wir in Lourdcs abin unserm rasch dahinsausenden Extrazng. Wir durch-flogen die vom Mondschein beleuchteten Landschafteneinige Zeit längs den Pyrenäen , deren schneebedeckteNtesenberge sichtbar waren; es wurde still in denWaggons, die Meisten waren in Schlaf versunken; wirpassirten Toulouse, wo nur wenige Minuten Aufenthaltwar, Carcassonne, Narbonne, Beziers . Inzwischen wares Tag geworden.

Von Beziers fuhren wir nach Cette, kamen dort anMittags um 12 Uhr; Aufenthalt eine Stunde 50 Min.Da konnte man sich restauriren mit Wein oder Speisen,Stadt und Umgebung beschauen; Andere gingen anSMeer, um dort Muscheln u. A. zu suchen!

Der Anblick des Meeres fesselt immer wieder anf'sNeue. Mit Andacht preiset man gleich dem königlichenPsalmisten die Allmacht Gottes.Ihr Meere und Flüsse,preiset den Herrn! Ihr Walfische und Alles, was sichin den Wassern regt, preiset den Herrn, lobet und er-hebet ihn über Alles in Ewigkeit!" Wie feierlich er-tönen auf dem Meere die Worte der hl. Schrift:Eserheben die Ströme, o Herr, ihre Stimme; die Ström-