Ausgabe 
(7.8.1894) 64
Seite
489
 
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^L64.

1894 .

Augsburgrr Postzeitung".

Dinstag, den 7. August

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabberr in Augsburg (Borbesitzer 0r. Max Huttler ).

Im Laune alter Schuld.

Roman von MustavHöcker.

(Fortsetzung.)

XXXI.

Wolfgang hatte sein Pferd bestiegen und ritt lang-sam auf der ihm bezeichneten Straße weiter. EineStunde nach Tagesanbruch erreichte er den Villenhof.Nachdem der Reitknecht ihm das Pferd abgenommen,begab sich Wolfgang in das erste beste Zimmer undwarf sich auf einen Stuhl.

Sein alter Diener Hartwig war ihm gefolgt undbemerkte mit Schrecken sein hohles Auge und seine blei-chen Wangen.

Ich fürchte, gnädiger Herr," sagte er sehr besorgt,Sie sind die ganze Nacht in kein Bett gekommen.Thäten Sie nicht gut, sich ein paar Stunden nieder-zulegen?"

Ich könnte doch nicht schlafen," versetzte Wolf-gang.Gieb mir etwas Kaffee."

Der alte Mann brachte schweigend den Kaffee unddeckte sorgfältig den Frühstückstisch. Er fand hundertkleine Vorwände, im Zimmer zu bleiben, und beobachteteängstlich seines Gebieters Gesicht.

Dieses schweigende Forschen aber war dem Baronin seiner jetzigen Stimmung unausstehlich.

Laß mich allein!" gebot er finster, und der alteMann gehorchte.

Als er hinaus war, stand Wolfgang von seinemStuhle auf und schritt in bitteren Betrachtungen imZimmer auf und ab. Es lag für ihn etwas Erniedri-gendes in dem Bewußtsein, daß man ihm sein Unglückansehe und ihn deshalb bemitleide.

Das darf nickt sein," murmelte er vor sich hin.Ich muß mich in der Welt rühren, ich muß handeln,als hätte sie noch Interesse für mich. Friedliche Ruheund häusliches Glück sind mir versagt, gut, so muß ichBeschäftigung, Unterhaltung, Vergnügen aufsuchen. Ichwill die Dinge künftig nur nach ihrer eiteln und nich-tigen Seite hin betrachten, und Gebrauch und Sittesollen für meine Handlungsweise keine beengenden Schran-ken mehr sein."

Wolfgang warf sich in den Stuhl, genoß einigesvon dem Frühstück, nur daß man es nicht unberührtfinden möge, und klingelte dann wieder dem alten Diener.

Du mußt mich jetzt begleiten, Hartwig," sagte

der Baron, nach seinem Hute greifend,wir wollen nachdem Birkenhüuschen gehen." Herr und Diener schrittendurch den Park und schlugen, nachdem sie denselben ver-lassen, einen breiten Pfad ein, welcher, neben einemBache hinlaufend, in ein kleineres Thal führte. Gleicham Ansang desselben stand ein steinernes Häuschen,welches von einer in der Nähe sich erhebenden Birken-gruppe seinen Namen erhalten hatte. Vor dem Häus-chen lag ein kleiner Gemüsegarten, die Rückseite lehntesich an den Hügelzug, der auf seiner sanften Abdachungmit Gras bewachsen war, weiter oben vom Walde be-grenzt wurde.

Das einstöckige Häuschen, welches nur drei FensterFront hatte, gehörte noch zum Vlllenhofe. Der Baronnahm die beiden Zimmer im oberen Stockwerk und dieim Parterre gelegene kleine Küche in Augenschein undversicherte sich, daß alles in gutem Stande sei.

Ich habe versprochen," wandte er sich an Hartwig,das Häuschen unentgeltlich einer alten Frau als Wohn-ung zu überlassen. Sorge dafür, daß man aus demSchlosse die nöthigen Möbel und Geräthschaften her-schafft und das Ganze wohnlich einrichtet. Wahrschein-lich wird sich die Frau heute noch einfindcn. Uebrigenskennst Du sie vielleicht, denn sie will meine Eltern gutgekannt haben; ihr Name ist Rölling."

Der Alte starrte seinen Gebieter eine Weile an.

Frau Rölling?" rief er.Die Wittwe des Dorf-schmieds? Doch nein, das ist ja kaum möglich. Diewanderte vor zwanzig Jahren nach Amerika aus, undes hieß, sie sei drüben gestorben."

Von Amerika kommt sie eben, und so wird dasGerücht von ihrem Tode wohl falsch gewesen sein."

Hartwig konnte sich von seinem Erstaunen langenicht erholen.

Hm, hm!" brummte er.Wie seltsam sich's dochmanchmal im Leben fügt! Nun soll sie also wieder imBirkenhüuschen wohnen."

Wieder, sagst Du? Hat sie denn schon einmalhier gewohnt?"

Ja nun, wie man's nimmt. Sie waren damalserst ein Jahr alt, gnädiger Herr, aber Sie wissen, daßAnno Sirbzig während des Krieges Ihre guten seligenEltern fast das ganze Schloß in ein Lazareih umge-wandelt hatten, wo viele verwundete Krieger gepflegtwurden. Unter diesen befand sich auch ein schwer ver-wundeter französischer Offizier. Als er seinen Tod heran-