Ausgabe 
(7.8.1894) 64
Seite
490
 
Einzelbild herunterladen

490

nahen fühlte, wollte er seine Frau noch ein letztes Malsehen, mit der er erst seit kaum einem Jahre verhei-ratet war. Die Frau Baronin schrieb nach Frankreich ,und die junge Frau traf gerade noch zur rechten Zeitein, um ihrem Manne die Augen zuzudrücken. MeinLebtag vergesse ich die Jammerscene nicht; ach! und dieAermste war eben nahe daran, Mutter zu werden. Dasie in ihrem Zustande der Pflege bedurfte, im Schlosseselbst aber kein passender Platz für sie war, so ließ dieFrau Baronin sie in dieses Häuschen bringen und gabihr die Schmiedswittwe, die bisher bei den im Schlosseliegenden Verwundeten Krankenwärterin gewesen war, zurPflegerin. Hier schenkte die Französin einem Kinde dasLeben und starb. Ein paar Tage nach dem Tode derMutter starb auch das Kind. Bald nachher wanderteFrau Nölling nach Amerika aus, und später hieß es,sie sei dort gestorben. Woher sie bei ihrer Armuth dieMittel zu der weiten Reise genommen hat, wußte keinMensch zu sagen. Es ging allgemein das Gerücht, siehabe sich aus der Hinterlassenschaft der todten Fran-zösin eine baare Geldsumme angeeignet und mit diesemSchatze und ihrem bösen Gewissen das Weite gesucht."

Was auf Gerüchte zu geben ist," versetzte der Baron,das zeigt am besten die alte Frau selbst, die von derFama todtgesagt wurde und doch noch lebt. Behandlesie rücksichtsvoll, denn sie ist unglücklich, und laß dasVergangene vergangen sein."

Hartwig trug Sorge, daß der Befehl seines Herrnausgeführt wurde.

Im Laufe des Tages hatte sich Frau Rölling imSchlosse eingestellt und war vom Baron empfangen undvon diesem selbst nach ihrem neuen Heim geführt wor-den. Leider war dies zu einer Stunde geschehen, woder alte Hartwig sein Nachmittagsschläfchen zu haltenpflegte, so daß er seine neugierige Ungeduld, die Schmieds-wittwe wiederzusehen, bis zu der ziemlich vorgerücktenAbendstunde zügeln mußte, wo er sich auf kurze Zeit vonseinem Dienste frei machen konnte.

Die Fenster im ersten Stock waren bereits vomSchimmer der Lampe erhellt, als Hartwig den kleinenVorgarten betrat. Sein Klopfen an der Stubenthüroben weckte die Bewohnerin des Häuschens aus dumpfemHinbrüten, dem sie sich, in einem Lehnstuhle sitzend, über-lassen hatte.

Guten Abend," begrüßte Hartwig die Alte, indemer ihr, nach alten bekannten Zügen forschend, aufmerk-sam in's Gesicht blickte.Es war der Wunsch meinesgnädigen Herrn, daß ich alles thun sollte, um es Ihnenhier so bequem wie möglich zu machen. Wenn Sie nochirgend etwas vermissen sollten, so bitte ich, es nur zusagen."

Ich danke Ihnen," gab die Frau zur Antwort,während ihr Auge ohne das leiseste Anzeichen einesWiedererkennens auf dem alten Diener ruhte.Es bleibtmir nichts zu wünschen übrig. Der Herr Baron hatmir große Güte erwiesen."

Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr, FrauRölling?" fragte der Alte.Vielleicht hilft Ihnen meinName auf die Spur. Ich heiße Hartwig."

Frau Rölling machte große Augen.Sie sindHerr Hartwig, der Kammerdiener des seligen Barons?"rief sie.Ha! Ihr Haar war doch sonst so schwarzwie Kohle."

Ja, das ist freilich wahr," versetzte Hartwig,aber

die Zeit pflegt die Haare zu bleichen. Sie sind auchsehr verändert, Frau Rölling; Sie waren ein gar statt-liches Weib, als Sie damals so plötzlich nach Amerika ".Er brach ab, indem er sich der Weisung seines jungenGebieters erinnerte.Nun, und was ist denn ausIhrem Sohne geworden? Das war ein strammer Bursche,ein wahrer Riese Goliath. Er diente bei den Garde-Ulanen und wurde im Kriege Anno Siebzig verwundet."

Frau Rölling nickte. Offenbar wollte sie das Ge-spräch über diesen Gegenstand nicht fortsetzen. Hartwighatte, ohne es zu wissen, eine empfindlichere Saite berührt,als wenn er bei seinem ersten Thema geblieben wäre.Sie kam selbst auf dasselbe zurück, indem sie fragte:Was haben denn damals die Leute zu meiner plötz-lichen Abreise nach Amerika gesagt?"

Ach, es gab ein dummes, einfältiges Gerede,"antwortete Hartwig einsilbig.

Ich kann mir's denken," nickte sie, während ihrBlick lauernd und forschend auf Hartwig's Miene ruhte.Aber wissen möchte ich doch, wie man sich damals dieSache ausgelegt hat."

Kann mich wirklich nicht mehr darauf besinnen,gute Frau Rölling. Mit dem zunehmenden Alter läßteinen auch das Gedächtniß im Stiche."

Nein, nein, Herr Hartwig, Sie wollen nur nichtmit der Sprache heraus. Daß man nichts Gutes übermich gesprochen hat, kann ich mir denken. Ich bin alsodarauf gefaßt, etwas Unangenehmes zu hören, und ichwill es hören. Also reden Sie und schonen Sie michnicht."

Der Alte war verlegen und doch zugleich begierig,wie die Frau es aufnehmen und ob sich in ihrer Mienedas Bewußtsein ihrer Schuld verrathen werde.

Nun," sagte er, sich die Hände langsam zwischenden Knieen reibend,wenn Sie's denn durchaus hörenwollen, Frau Rölling, so will ich's Ihnen sagen. Diebösen Zungen behaupteten damals, Sie hätten der fran-zösischen Offizierswittwe hm!"

Ich hätte der französischen Offizierswittwe?"wiederholte die Alte, als Hartwig stockte, und beugtesich weit vor, während ihr gespannter Blick heiß anseinen Lippen hing.

Sie hätten der Offizierswittwe ein baares Sümm-chen abgenommen, das Sie in ihrer Hinterlassenschaftgefunden, und sich damit aus dem Staube gemacht."

Die Wirkung war eine ganz andere, als Hartwigerwartet hatte.

Frau Rölling lächelte ruhig.

Da sind die geschäftigen Zungen auf einer ganzfalschen Fährte gewesen," erwiderte sie ohne jede Spurvon Erregung.Nicht einen Pfennig an Geld oderGeldeswerth habe ich mir von dem Eigenthum der Fran-zösin angeeignet, mit alleiniger Ausnahme dieses Me-daillons, welches ich von der Uhrkette ihres verstorbenenMannes loslöste und als Andenken mit mir nahm."

Sie zog ein Medaillon aus ihrer Tasche und reichtees dem alten Diener hin, der es am Lichte aufmerksambetrachtete. Es war das Photographische Brustbild einerschönen jungen Frau.

Wo und wann hab' ich doch dieses hübsche Ge-sichtchen gesehen?" rief Hartwig, den Blick unverwandtauf das Bild gerichtet.

Nun, das ist doch leicht zu errathen," bemerkteFrau Rölling.Es ist das Bild der Offizierswittwe."