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„Hm! kann sein, kann sein, daß es mir die jungeFrau plötzlich wieder in's Gedächtniß zurückgerufen hat,"gab Hartwig zu, „und doch ist mir's auch, als wäre esnoch gar nicht lange her, daß ich dieses Gesicht sah. Dulieber Gott, wenn man alt wird, kehrt sich in der Er-innerung das Unterste zu oberst."
Man hörte die Dorfuhr schlagen. Fast erschrockensah der Kammerdiener nach seiner eigenen. „Ei, dahab' ich mich schön verplaudert!" rief er, sich vom Stuhlerhebend, „gute Nacht, Frau Rölling; mein junger gnä-diger Herr wartet auf seinen Thee, den ich ihm jedenAbend Punkt neun Uhr servilen muß. Ein andermalwollen wir mehr von alten Zeiten sprechen. Und nichtsfür ungut, Frau Rölling — von wegen dem dummenGeschwätz der Leute, aber Sie wollten's nun einmal hören."
„Und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir'sgesagt haben," versicherte Frau Rölling, ihrem Besucherdie Treppe hinableuchtend. „Gute Nacht, Herr Hartwig.Lassen Sie sich bald wiedersehen."
Frau Rölling's Besucher warnoch nicht lange fort, als siean der Hausthür, die sie hinterihm verschlossen hatte,einKlopfenvernahm.
Sie öffnete das Fenster.
„ Wer ist da?" fragte sie hinab.
„Ich bin's, Mutter!" ant-wortete leise die tiefe Stimmeihres Sohnes.
„Wie hast Du mich aufge-funden?"
„Ich fragte im Schlosse nachDir."
Die alte Frau tappte dieTreppe hinab und ließ den spätenGast ein.
Sie wollte die Thür offenlassen.
„Schließe wieder zu," sagteer in seltsamem Tone, „es istbesser."
Als beide sich oben in demerleuchteten Zimmer befanden,blickte Frau Rölling mit Be-sorgniß in das Gesicht ihresSohnes. „Ich muß fort, Mutter," sagte er, ihre Hand er-greifend, „es wäre vielleicht klüger von mir gewesen,gar nicht erst hierher zu kommen, aber ich wollte Dichnoch einmal sehen. Es ist nicht mehr geheuer in deralten Ziegelscheune; Gendarmen streifen dort umher.Ich fürchte, man ist mir auf der Spur. — Horch! waswar das?" unterbrach er sich, plötzlich anflanschend.
„Es wird wohl das Fenster unten in der Küchesein," beruhigte die Mutter, „wahrscheinlich steht esoffen, und wenn der Wind es schüttelt, so macht esdieses Geräusch; ich kenne das von früher her."
„Du hast also genug Geld für die nächsten Mo-nate, Mutter?"
„Vollauf genug, Paul."
„Hörtest Du nichts?" flüsterte er, indem er mitgespannter, wilder Miene nach der Thüre schaute.
Die Frau war todtenblaß geworden. Auch sie hatte"as Geräusch vernommen. Diesmal ließ es sich nicht
mit dem vom Winde bewegten Fensterflügel erklären.Es war offenbar jemand unten in der Küche, der denWeg nur durch's Fenster genommen haben konnte.
„Sie sind mir auf den Fersen!" zischte Rölling,die Fäuste ballend. „Aber wehe dem, der mir zu nahekommt! Er ist ein Kind des Todes!"
„Keine Gewalt, Paul!" bat die Alte, „um GottesWillen keine Gewalt! Das könnte Deine Lage nur ver-schlimmern. Hier hinaus!" fügte sie hastig hinzu, nachdem Hintern Fenster deutend. „Das Fenster ist nichthoch. Dann den Berg hinauf und in den Wald hinein.Ich will hinunter in die Küche und will die Leute auf-zuhalten suchen. Fort, Paul! fort!"
Sie nahm die Lampe und eilte mit zitternden Knieenin die Küche hinab. War sie auch auf nichts Gutesgefaßt, so wankte sie doch entsetzt zurück, als ihr einHelm und ein Gewehrlauf entgegenblitzten. Dennochermannte sie sich zu der Frage: „Wer sind Sie und
was wollen Sie hier?"
„Wer ich bin, das sehen Siewohl, gute Frau," antworteteder Gendarm kurz und barschund riß ihr die Lampe aus derHand. „Bewache das Fenster,"wandte er sich nach dem weit-geöffneten Küchenfenster zurück,hinter welchem ein zweiter Helmfunkelte, „Franke soll vor derHausthür bleiben, bis ich Euchdas Zeichen gebe."
Die alte Frau unsanft beiSeite schiebend, eilte der Gen-darm mit der Lampe in derHand an ihr vorüber und pol-terte die Holztreppe hinauf.
Einen Augenblick mußte FrauRölling sich an den Thürpfostenlehnen. Aber die Angst umihren Sohn gab ihr die Kraftzurück, dem Gendarm zu folgen.
Das Zimmer war finster. Siehörte den Gendarm im an-stoßenden Zimmer rumoren.Gleich darauf trat er mit derLampe herein. Das hintereFenster stand offen. Er schien
es erst jetzt zu bemerken.
„Da ist er hinaus!" rief der Gendarm unter einemFluche und leuchtete hinab, um die Höhe zu messen.Hastig setzte er die Lampe auf den Tisch, schwang sichauf die Fensterbrüstung und war verschwunoen.
Frau Rölling hörte, wie er im Sprunge die Erdeberührte. Ein schriller Pfiff tönte. Trappelnde Schrittekamen um das Haus herum, sie beugte sich zum Fensterheraus und sah drei dunkle Gestalten die Anhöhe hinterdem Hause hinaufeilen.
Athemlos lauschte sie in die Nacht hinein, die Händean die Brust pressend.
Nach einigen Sekunden tönte ein Pfiff in der Ferne,worauf es wieder still ward.
Dann vernahm sie mehrere Rufe, die sich weiterund weiter entfernten. Plötzlich krackte ein Schuß —und ein zweiter folgte gleich darauf.
Nun trat Todtenstille ein.
Johann Josef v. Görres.