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Die alte Frau sank zusammen und blieb eine Weilebewegungslos liegen. Endlich hob sie den Kopf, blicktemit hohlem Auge im Zimmer umher und faltete ver-zweifelt die Hände.
„O, Gott !" stöhnte sie, „gehe nicht zu hart mitmir in's Gericht! Sei barmherzig und strafe nicht anmeinem armen Sohne die unselige That, die ich einsthier beging, hier an diesem Orte, wohin Deine Schickungmich nach zwanzig Jahren wieder zurückgeführt hat!"
XXXII.
Felicitas empfand, wie Wolfgang, daß ihre süßestenHoffnungen vereitelt, ihr Glück für immer zerstört war,und fühlte ihr Schicksal in seiner ganzen zermalmendenSchwere, aber sie dachte in ihrem Schmerze mehr an denMitgenossen desselben als an sich selbst. Daß ihmTrost und Stärke zu Theil werde, das Unabänderlichezu tragen, daß er sich in seinem Seelenschmerze nichtdurch seine ungestüme Natur fortreißen lasse, Vergessen-heit und Zerstreuung auf den Bahnen der Gefahr oderder Sünde zu suchen, war ihr tägliches Gebet. O, hättesie ihn wie ein Schutzgeist umgeben, Gefahren von ihmabwenden, ihn wie ein Schild gegen die Bosheit derWelt, vielleicht vor seiner eigenen Leidenschaft schützenkönnen! Sie würde es mit Aufopferung ihres Lebensgethan haben.
Dies waren die Empfindungen des weiblichen Her-zens in derselben schmerzlichen Lage, welche bei Wolf-gang ganz andere Gefühle erzeugt hatte. Er trug dasihm auferlegte Geschick nur mit Bitterkeit und Groll,und sein Seelenzustand war der einer fortwährend zäh-lenden Empörung.
Aber Wolfgang hatte die Welt vor sich, in ihrkonnte er Erleichterung und Ablenkung suchen. Felici-tas hatte nichts, um die erste Schärfe ihres Kummersabzustumpfen; in ihrem Dasein gab es keine Abwechs-lung, die ihre Gedanken von ihrem eigenen Ich ab-leitete. Nur Melanie war da, die noch immer, vonTeßner's Gastfreundschaft festgehalten, auf Göllnitz weilte.Wußte auch Felicitas, daß diese Gastfreundschaft ihresVaters durchaus keine uneigennützige war, so dankte sieihm im Stillen doch dafür, denn die Gegenwart derFreundin schützte sie vor gänzlicher Vereinsamung, welcheihr in ihrer jetzigen Gemüthsstimmung vielleicht uner-träglich gewesen wäre.
Es giebt Umstände und Lebenslagen, wo sich inwenigen Stunden die Herzen durch stärkere Bande mit-einander verknüpfen, als der vertrauteste Umgang ineinem ganzen langen Leben sie zu geben vermag.
Demselben schönen Traume, den Felicitas geträumt,hatte sich auf kurze Zeit wohl auch Melanie hingegeben;Felicitas wußte nun, was es heißt, von kalter rauherHand daraus erweckt zu werdeu, und konnte die ganzeTiefe der Seelenqual ermessen, welche die Freundin schonlängst schweigend ertragen hatte. Verstohlen weilte ihrBlick jetzt oft auf Melanie; ihr eigenes Innere erschloßihr die Quelle der Leidenschaft, welche in dieser warmenBrust wogte, und in ihrer Demuth fragte sie sich selbst:„Was bin ich denn, daß er mich, gerade mich liebensollte und nicht sie?"
Sie ging noch weiter in ihren Gedanken. „Nuner weiß, daß wir niemals vereinigt werden können,"sagte sie sich, „wäre es da nicht möglich, daß sein Herzsich einem Wesen zuwendete, welches seiner Liebe so
würdig ist, und könnte Melanie ihn vielleicht nicht auchglücklich machen?" Es schien ihr undenkbar, daß erein so schönes, begabtes Mädchen oft sehen könnte, ohnesie am Ende zu lieben, wenn einmal die Liebe zu eineranderen in ihm zu verblassen beginne.
Diese Fragen beschäftigten Felicitas oft. Aberum ihnen näher zu treten, mußte sich die Heftigkeit ihresSchmerzes erst sänftigen. Sie wollte auch keine Hoff-nungen wecken, wo sie nicht sicher war, ob diese nichtgetäuscht werden könnten. Doch Melanie sollte undmußte erfahren, daß der Mann, den Felicitas von ihrgeliebt wußte, frei war, denn es konnte für ihre Hand-lungsweise und ihr Schicksal von wesentlicher Bedeut-ung sein.
„Melanie," sagte sie eines Tages, als beide Mäd-chen allein im Zimmer saßen, „ich fürchte, Sie sind nichtglücklich. Ich kann jetzt inniger als je zuvor mit Ihnenempfinden, denn auch ich bin nicht glücklich."
Melanie fuhr auf.
„Nicht glücklich, Felicitas?" fragte sie mit ungläu-bigem Erstaunen, „Sie — nicht glücklich!? Ich glaubte,Ihnen sei das beneidenswerthe Schicksal bestimmt, denMenschen zu zeigen, daß es selbst auf dieser armen Erdemöglich ist, glücklich zu sein."
„Warum, liebe Melanie, sollte ich von anderenMenschen eine Ausnahme machen?" entgegnete Felicitas .„Ich bin nicht so eitel, wir einzubilden, ich habe ver-dient, daß meinen Hoffnungen Erfüllung werde."
Melanie blickte ihr ernst und traurig ins Gesichtund schwieg eine Weile. „Sprechen Sie, Felicitas,"bat sie endlich, „sagen Sie mir alles — aber sagen Sienicht, daß er Ihrer unwürdig gewesen sei, denn daswürde ich nimmermehr glauben, selbst nicht aus IhremMunde."
„Verhüte der Himmel!" rief Felicitas. „.Er istder glühendsten, der unwandelbarsten Liebe werth, dienur immer das weibliche Herz zu empfinden vermag.Aber wir können einander nie angehören. Fragen Siemich nicht nach dem Warum, denn das ist ein Geheim-niß, welches ich mit mir in's Grab nehmen muß. Meineinziger Wunsch ist, ihn glücklich zu sehen mit einemWesen, welches es verdient, an seiner Seite durch's Lebenzu gehen." (Fortsetzung folgt.)
-ss-*-cs--
Die ersten Apotheken.
Gegen den Tod ist zwar bis zur heutigen Stundenoch kein Kraut gewachsen. Den Befürchteten aber mög-lichst lange fern zu halten, erachtete man von jeher eineMenge von Ingredienzen und Mixturen für geeignet,die heute als Arzneimittel in staatlich concessionirtenApotheken hergestellt und verabreicht werden. Im Alter-thum gehörte die Einsammlung und Zubereitung vonHeilmitteln zu den Obliegenheiten der Priester. Späterfiel den Aerzten nicht allein das Verschreiben, sondernauch die Herstellung ihrer Recepte zu. Erst im 8. Jahr-hundert gelangte die Pharmacie zu einer Selbstständigkeit;damals wurde in Bagdad die erste, an eine Apothekeerinnernde Niederlage und Verkaufsstätte von Arznei-mitteln errichtet. Ein arabischer Arzt war es auch, derim neunten Jahrhundert die erste Pharmakopöe schrieb.Ueber Spanien gelangten dann die ersten Apotheken nachItalien, wo sie sich namentlich in Salerno großen Ruferwarben. In Frankreich kämpften schon im 13. Jahr-