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ersehen aus ihnen, daß, wenngleich man die Schriftender ausgezeichneten Aerzte des Alterthums Hippokrates und Glenus wieder in den Bereich der medicinischenStudien gezogen und der Lehre vom Bau des mensch-lichen Körpers erneute Beachtung geschenkt, wenngleichferner der merkwürdige Theophrastus Paracelsus (geb.1493) der Heilmittellehre eine wissenschaftliche Grund-lage gegeben hatte, dennoch in der Medicin sowohl wiein der Pharmacie der Aberglaube und der Charlatanis-mus noch viele Menschenalter hindurch eine bedeutendeRolle spielen durfte. In diesen Apothekerordnungen sindfast sämmtliche Heilmittel und damit verwandte Gegen-stände aufgezählt, die in der Apotheke herzustellen undvorräthig zu halten sind. Sie umfassen nicht allein dasThier- und Pflanzenreich, sondern auch Theile des mensch-lichen Leibes, sowie Geschöpfe, die in Wirklichkeit garnicht existirten, wie z. B. das fabelhafte Einhorn, dessenHorn — der Zahn des Narwals — man das Pfundfür 1536 Thaler verkauftel Auch andere Thiere oderihre Glieder und Erzeugnisse nahmen unter den Bor-räthen der Apotheken einen hohen Rang ein und mußtenvon den Hilfe erbittenden Kranken mit Gold ausgewogenwerden. Ober an stand der Wolf, dem man die großeEhre in medicinischer Hinsicht erzeigte, die ärztliche VerWendung seiner Körpertheile zum Gegenstand einer eifriggetriebenen Wissenschaft, der „Lykographie", zu gestalten.Auch aus den Körpern edler Jagdthiere wurden Theileentnommen und zu pharmaceutischen Zwecken verwandt:Hirschhaare, Hirschhorngeist, Hirschthränen aus dem rechtenwie aus dem linken Auge, Elennshorn und Elennsklauen,Hasenhaar, Hühnermagenhaut, Biberschmalz, Entenfettund Schlangenfett! Auch Auswurfstoffe wurden häufigverschrieben, dann Erde und Steine, die sich im Magenmancher Thiere finden. Große Heilkräfte suchte manauch in den Schädelknochen der eines gewaltsamen Todesgestorbenen Menschen. Aus ägyptischen Mumien zogman kräftigende Getränke, und das besonders von denScharfrichtern bezogene Fett menschlicher Körper dientegegen Rheumatismus! Das kostbarste Arzneimittel,welches die alten Apothekerordnungen aufzählen, war das„Moos von eines Menschen Hirnschal", eine kleineSchmarotzerpflanze, die auf den Schädeln der armenSünder aufsproß, wenn man sie so lange am Galgenhängen ließ.
Schier endlos ist die Zahl von Kräutern, Blüthenund Wurzeln, die in den Wurzelgärten der Apothekengepflegt oder von angestellten „Wurzweibern" oder „Wurz-lerinnen" herbeigeschleppt wurden. Auch bei diesen hatteder Aberglaube ein gewichtiges Wort mitzureden. Dawar es insonderheit die Mistel, ein auf der Eiche oderauf Obstbäumcn wucherndes Schmarotzergewächs, die inden alten Apotheken fast für ein Universal-Heilmittelgegen alle Gebresten der Welt gehalten wurde. Diese An-nahme reicht zweifelsohne bis in die Tage der keltischenDruiden zurück, welche die Mistel als das Heiligste inder Natur verehrten, dessen kundigem Gebrauche jeglicheKrankheit von Menschen und Thieren weichen müsse.Die Mistel wurde vor allem als Specificum gegen dieFallsucht verwandt und noch bis über die Mitte desvorigen Jahrhunderts hinab als solches in gelehrtenBüchern empfohlen.
Schließlich sind noch zu erwähnen die edlen Metalleund die Halb- und Ganz-Edelsteine, die unter den Apotheker-waaren früherer Zeiten nicht den letzten Platz einnahmen.
„Fein Gold", „gemeines Blattgold", „geschlagenes Silber"u. a. m. wurden gemahlen oder feingeschnitten in be-stimmten Liqueuren als Mittel gegen gichtische und Unter-leibskrankheiten verabreicht. Den Edelsteinen schrieb mannoch bis zum Beginne des 19. Jahrhundert eine be-sondere Heilkraft zu, dem einen, wenn man ihn trug,andern, wenn man sie auf den erkrankten Körpertheillegte. Der Beryll heilte Magenschmerzen, der Lapislazulidas Fieber, der Rubin schützte vor Gift, der Smaragd stillte Blut, der Saphir kräftigte das Herz, der Türkisdie Augen, der Diamant versöhnte die Liebenden, eineEigenschaft, die er wohl noch heute bethätigt — wenner als Geschenk antritt. Auch verordnete man das Trinkenvon zerkleinerten echten Perlen; Ludwig XIV. suchte durchsolche Mittel im Alter seine Jugendkräfte wieder zugewinnen.
Geheimmittel, Elixire, Pulver und Pillen, die lautDankschreiben geheilter Patienten alle möglichen Beschwer-den beseitigen, gab es schon vor Jahrhunderten. Ludwig XIV. bezahlte 48,000 Frcs. für ein einziges Recept. Es existirtez. B. der „Balsam des barmherzigen Samariters imEvangelium". „Der Samariter", hieß es in dem Be-gleitbrief, „bediente sich dieses Mittels, um einen wunden-bedeckten Kranken zu heilen."
Nachdem wir im Vorstehenden in kurzen Zügen dieEntwicklung und Eigenart der alten Apotheken zu schildernversuchten, erübrigt noch, auch die ferneren Obliegenheitendes frühern Apothekenverwalters mit einigen Strichen zuzeichnen. Interessant für die Leserinnen wird es sein,daß die Apotheker im späteren Mittelalter und währendder Rcnaissanccperiode nicht allein die Parfums, Seifenund Pomaden unter der Maske von Heilmitteln vertrieben,daß sie nicht nur den Kaffee, den Thee und die Chocoladeals „wunderthätige Medicinalspecies" führten, sonderndaß es ihnen auch oblag, unsere Ahnmütter mit Confect,Fiuchtsäften und Liqueuren zu versorgen.
Verschiedene alte Bücher geben uns darüber nähernAufschluß. So das um 1540 in Straßburg gedruckteWerk mit dem langen Titel: „Unterweisung allerley Lat-wergen, Confecte, Conserven, Eynlegungen von mancherleyFrüchten, Plumen und Kräutern samt andern künstlichenund anmuthiglichen Gerüchen, wie solche in den Apothekengemachet und verkaufet werden." Ein anderes, zweiJahre später erschienenes Büchlein: „Petrarchas Trost-spiegel", zeigt uns sogar auf dem Titelblatt eine Apothekeaus der ersten Zeit ihres Bestehens. Die Flaschen undSchalen, die der alte Holzschnitt ausweist, gleichen voll-ständig den noch heute in den Apotheken üblichen Büchsen.
Eine erstaunliche Regsamkeit und Vielseitigkeit ent-faltete der frühere Apotheker als Liqueurfabrikant; er zognicht nur unzählbare Mengen von „Aquaviten" ab, erwartete auch mit den unterschiedlichsten Gewürzweinenund feinsten Bieren auf, unter denen das „Danziger",dessen Verkauf er monopolisirte, den größten Ruf erlangte.Und wie reichhaltig waren nicht die Erzeugnisse, die erals Conditor zu Tage förderte! Mußte er doch für allegrößeren Feste, Hochzeiten, Kindstaufen und Begräbnisseden Bedarf an Torten, Kränzelkuchen, Marzipanen undMarmeladen decken. Sogar mit der Herstellung „extra-feiner" Schüsseln, Vorgerichte, Pasteten und Kapaun-brühen befaßte sich der sein Interesse ernst vertretende. Apothekenverwalter. Also Pharmaceut, Parfumeur, Con-ditor, Krämer und Garkoch in einer Person!
Die gute alte Zeit! So denkt vielleicht mancher