Ausgabe 
(14.8.1894) 66
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spännigen Coups zu begleiten, welches vor der Kirch-hofspforte hielt, als sie den Wunsch äußerte, ein paarWorte mit dem Todtengräber zu sprechen. Rölling holteihn herbei, und Melanie trug ihm auf, Frau Röllings

Dann fügte sie

Grab in gutem Stand zu erhaltenhinzu:Im Jahre 1870 ist einfranzösischer Offizier mit Gattin undKind hier bestattet worden. KönnenSie mir die Ruhestätte zeigen?"

Diese Worte hatten bei Röllingeine Bewegung der Ueberraschung her-vorgerufen. Er tauschte einen ernstenBlick mit Melanie, welcher sagte,daß beide einander verstanden.

Der Todtengräber ging voraus.

Vor einem der Schneehügel blieber stehen und deutete mit der Handauf ein eisernes, vom Roste an-gefressenes Kreuz, auf welchem sichnur mühsam noch die verwitterteInschrift entziffern ließ:

Capitain Alphonse Bourdin,

Irma Bourdin."

Melanie weilte einige Minutenan dem Orte und schien tief bewegt.

Ich wünsche," wandte sie sich anden Todtengräber,daß auch aufdiese Ruhestätte besondere Sorgfaltverwendet werde. Sobald das Früh-jahr kommt, werde ich mit Ihnenbesprechen, was dafür geschehen soll."

So wissen Sie also ?" fragteRölling mit einer gewissen Befangen-heit, während er an MelaniensSeite wieder dem Ausgange desKirchhofes zuschritt.

,,Ja, Herr Rölling," entgegnetesie in einem Tone, in welchem einezarte Schonung lag,Ihre Mutterhat kurz vor ihrem Tode in meinerund des Pfarrers Gegenwart durchein reumüthiges Bekenntniß ihr Ge-wissen erleichtert, aber damit frei-lich auch das meinige mit einerschweren Verantwortlichkeit belastet,"fügte sie unter einem bangen Seufzerhinzu,denn das Gestündniß legtmir eine harte Pflicht auf, welchefür eine Person, die ich sehr liebe,von verhängnißvollen Folgen seinwird."

Rölling schwieg betroffen. AlsMelanies Wagen erreicht war, ent-blößte er sein Haupt, um sich vonihr zu verabschieden.

Nein, Herr Rölling," sagte Me-lanie freundlich,so scheiden wirnicht von einander. Bitte, begleitenSie mich."

Sie nöthigte ihn, zu ihr in den Wagen zu steigen,welcher bald darauf den Villenhof erreichte. Unterwegshatten beide, jedes mit seinen eigenen Gedanken be-schäftigt, kaum einige Worte gewechselt. Zu Lause an-gelangt, ließ Melanie ihren Gast in ein behagliches,

angenehm durchwärmtes Zimmer führen. Es war Spät-nachmittag, und bereits begann es zu dunkeln. Als nacheiner Viertelstunde Melanie in einfacher Haustoiletteeintrat, gefolgt von einem Diener, welcher eine brennendeLampe trug, da war es dem sie Erwartenden, als ob

Ein Freund in der N»ts

die freundlich sich über das Zimmer verbreitende Hellevon dem schönen Mädchen selbst ausstrahle, wie von einerhöheren Erscheinung.

Ich bin glücklich," begann Rölling, als beide wiederallein waren,noch einmal Gelegenheit zu haben, Ihnen