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daß alles nur eitel und alltäglich sei. Es gibt nur eineinziges Mittel, um das Herz neu aufzufrischen — und
das ist das Reisen. So bin ich denn zu Ihnen ge-
kommen, Baron, um Sie aufzufordern, mit mir eineTour durch fremde Länder zu macken."
Wolfgang blickte bei diesem Vorschlage auf, und einmattes Lächeln erhellte sein Antlitz.
„Wir können beide nichts Besseres thun," fügteMaitland hinzu, „als der traurigen Jahreszeit, die un-sere Stimmung nur noch zu verdüstern geeignet ist, zuentfliehen. Die ganze Welt liegt vor uns. Lassen Sieuns zusammen vorwärtseilen durch die wechselvollenScenen unseres Erdballs und nirgends länger weilen,
als wo wir noch den Genuß in seiner vollen Frische
haben können. Was sagen Sie? Wollen Sie meinBegleiter sein?"
Die Lehre, daß der Mann jeden Kummer durchabwechselnde Aufregung betäuben könne, fand in Wolf-
der alten Mauer des Kirchhofs, welcher zwischen demVillenhofe und dem Dorfe lag, hatte sich der Schnee zueinem glitzernden Gebirge aufgehäuft; er wölbte sich zuhohen flaumigen Hügeln über den stillen Gräbern, undhatte sich auf Kreuzen und Denksteinen in dicken Klum-pen festgesetzt, die ihnen das Ansehen unheimlicher Ge-bilde gaben.
Von den weißen Gräberreihen hob sich eine Gruppedunkler Menschengestalten ab, welche den Kirchhof ebenverließen. Unter ihnen befand sich in voller Amtstrachtder Pfarrer, welcher sich eben von einer jungen Dameverabschiedete. Ein enganliegender Pelzmantel verriethdie feinen Linien ihres schlanken Wuchses, ein Pelz-barett bedeckte das von goldblondem Haar umgebeneHaupt, durch den silbergrauen Schleier schimmerte insanftem Glänze ein blaues Augenpaar. Von der Damewandte sich der Pfarrer an einen neben ihr stehendenMann, dessen Riesengestalt in dem abgetragenen Paletot
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gang's jetziger Seelenstimmung den fruchtbarsten Boden;er erblickte darin das einzige Mittel, den Gedanken anFelicitas zu verbannen.
„Ich bin der Ihrige," entgegnete er, während seinAuge zum ersten Male wieder von jenem Feuer erhelltwurde, welches von der Lebhaftigkeit seines Geistes zeugte,„ich hatte mir zwar vorgenommen, mich in die Einsam-keit des Landlebens zu vergraben und mich ganz meinenGeschäften zu widmen; aber ich glaube, die Medicin, dieSie meinem kranken Gemüthe verschreiben, ist die heil-kräftigere. Ich gehe mit Ihnen!"
Der Weg zum Laster ist ein blumenreicher, geeb-neter Pfad, auf welchem es keine Hindernisse giebt, dieunsere Schritte aufhalten. Wolfgang Hütte auf diesemWege keinen gefährlicheren Führer finden können alsMaitland, mit welchem er einige Tage später die Reisenach dem Süden antrat.
XXXVI.
Der Winter hatte über das bunte Farbenspiel desHerbstes eine dicke, glänzend weiße Decke gebreitet. Auf
und dem schäbigen Cylinderhute von der eleganten undzarten Erscheinung seiner Begleiterin seltsam abstach.Der geistliche Herr reichte ihm die Hand, sprach noch einpaar herzliche Trostesworte zu ihm und ließ dann beideauf dem Kirchhofe zurück.
Die junge Dame war die neue Herrin des „Villen-hofs," Melanie Nettberg, ihr Begleiter war Nölling,dessen Mutter man soeben begraben hatte. Der Baronv. Sturen hatte, ehe er den Villenhof verließ, die Be-wohnerin des „Btrkenhäuschens" dem Schutze und derFürsorge Melanies empfohlen, und diese nahm sich deralten Frau liebevoll an. Nach längerem Krankenlagerwar die alte Frau unter Melanies pflegender Hand ver-schieden. Auf die Todesnachricht war der Sohn geradenoch rechtzeitig angelangt, um dem Begräbniß beiwohnenzu können, und erst am kaum geschlossenen Grabe hatteer Gelegenheit gefunden, der jungen Herrin des „Villen-hofs" für alles, was sie an seiner Mutter gethan, zudanken.
Eben war er im Begriff gewesen, sie zu dem zwei-