Ausgabe 
(14.8.1894) 66
Seite
506
 
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dritte wurde im Duell erschossen. Zwei der Söhnewaren unverheiratet, der dritte war als kinderloserWittwer gestorben. Da Albertine von ihrem Vater zwarverstoßen, aber nicht enterbt war, so hatte sie rechtmäßi-gen Anspruch auf das Erbe, welches aus dem schulden-freienVillenhofe" bestand, während das Baarvermögeneinigen milden Stiftungen zufiel. Frau von Baldeneck,von der niemand wußte, ob sie noch lebte, wurde inüblicher Weise in den Zeitungen aufgefordert, sich zumelden. Da die gesetzliche Frist verstrich, ohne daß manvon der Verschollenen hörte, so erhielt als näch-ster Erbe mein Vater den Villenhof in fürsorglichenBesitz, und fast dreißig Jahre lang ist dieser Besitz unan-gefochten geblieben. Das ist der Sachverhalt, wie ichihn aus den Mittheilungen meiner verstorbenen Elternkenne. Was nun folgt, hat sich aus den Akten derErbschaftsklage und den beigefügten Belegen ergebenund war meinem Vater unbekannt geblieben. Zur Zeit,als der letzte männliche Sproß des Barons Bolko ge-storben war, lebte Frau von Baldeneck als betagte Wittwein Hamburg . Sie hatte sich nach jenem Bruche mitihrer Familie nicht mehr um dieselbe gekümmert undihre Enterbung als selbstverständlich betrachtet. Daspielte ihr der Zufall eines jener Zeitungsblätter in dieHand, worin sie zum Antritt ihrer Erbschaft aufgefor-dert wurde. Der Termin, welcher zu ihrer Todeser-klärung berechtigt hätte, war noch nicht, abgelaufen.Sie wandte sich brieflich an einen damals in hiesigerKreisstadt wohnhaft gewesenen Nechtsanwalt, NamensTeßner, beauftragte diesen mit der Geltendmachung ihresErbanspruchs und sandte ihm alle Papiere, welche zurLegitimirung ihrer Persönlichkeit erforderlich waren. DerAdvokat that bei Gericht die nöthigen Schritte, aber derGerichtsbeamte, in dessen Händen die Sache ruhte, legtedie Eingabe mit dem sämmtlichen Beweismaterial unterdie alten Akten. Erst später hat sich herausgestellt, daßer bereits damals an Geistesstörung litt, der er nachJahr und Tag im Irrenhause erlag. Frau von Bal-deneck war inzwischen auch gestorben; aus ihren Briefenwußte Teßner, ihr Advokat, daß sie eine Tochter besaß,die einen gewissen Nettberg geheirathet hatte. Auf dieseTochter waren nun die Erbansärüche ihrer Mutter über-gegangen, aber die Briefe der Verstorbenen boten überden Aufenthalt ihrer Tochter keinen Anhaltspunkt. Teßnerbehauptet zwar, zur Ermittlung derselben keine Mühegescheut zu haben, aber es ist wohl anzunehmen, daß erdie Sache einfach auf sich beruhen ließ, um sich nichtin Unkosten zu stecken, die ihm, wenn seine Nachforsch-ungen vergeblich blieben, niemand ersetzt haben würde.Ich habe einigen Grund zu der Vermuthung, daß es zwi-schen Teßner und meinem verstorbenen Vater einen Be-rührungspunkt gegeben hat, wodurch mein Vater sichdessen Haß zuzog, der leider auch auf mich überge-gangen zu sein scheint. Diese Erbitterung muß aberdamals noch nicht bestanden haben, denn sonst würdedem Advokaten kein Opfer zu groß gewesen sein, dieErben Frau von Baldenecks aufzufinden, um ihre An-sprüche gegen meinen Vater geltend zu machen, wie eres nun gegen mich betrieben hat, nachdem er vor eini-gen Monaten in dem seiner Tochter befreundeten Fräu-lein Rettberg und deren Bruder Frau von Baldeneck'sEnkel entdeckte. Teßner ließ die alten Akten aus jenerZeit durchsuchen, da er als Frau von Baldeneck's Man-datar deren Erbansprüche in aller Form Rechtens ange-

meldet hat, und es haben sich sämmtliche Beweisstückevorgefunden, welche den Geschwistern Rettberg das Mittelan die Hand gaben, mit der begründetsten Aussicht aufErfolg einen Prozeß gegen mich anzustrengen, da diedreißigjährige Frist, in welcher Frau von Baldeneck'srechtzeitig angemeldete Ansprüche auf den Besitz des Villen-hofs verjährt wären, noch nicht abgelaufen ist. Ich be-auftragte meinen ehemaligen Vormund, Doctor Carus,mit der Prüfung der Angelegenheit, und er gab mirein erschöpfendes Gutachten darüber, welches zu meinenUngunsten ausfiel. Ich könnte den Proceß allerdingsJahre lang hinhalten, theilte er mir mit, würde michaber doch endlich fügen müssen, da die Sache ganz klarsei. So habe ich denn, ohne den geringsten Wider-spruch zu erheben, den Geschwistern Rettberg ihr gutesRecht eingeräumt, und Sie finden mich eben damit be-schäftigt. den Villenhof zu verlassen, um den neuenBesitzern desselben Platz zu machen."

Sie haben gehandelt, wie ich es von Ihnen garnicht anders erwartet hätte," sagte Maitland, als derBaron schwieg.Immerhin ist es keine Kleinigkeit, soohne weiteres die Hälfte seiner Besitzthümer dahinfahrenzu sehen, und der Verlust dieses schönen Gutes scheintIhnen doch nahe gegangen zu sein. Ich will Ihnennicht verhehlen, daß ich beim ersten Anblick über IhrAussehen erschrocken bin. Sie scheinen um Jahre ge-altert, und diese auffällige Veränderung muß ich dochwohl dem Kummer über Ihren Verlust zuschreiben."

O, Maitland," entgegnete der Baron,so schmerz-lich mich auch der Abschied von dieser Heimstätte bewegt,wo ich geboren bin, so verliere ich damit doch nur etwas,was mir nicht rechtmäßig gehörte, und in meinem schönenGute in Schlesien finde ich einen reichlichen Ersatz.Aber ich habe einen anderen Verlust erlitten, den ichnie verschmerzen werde. Das Glück des Lebens hängtnicht an Schätzen und Rittergütern, es gibt einen vielkostbareren Besitz, einen Besitz, der dem Aermsten ver-gönnt sein kann, mir aber versagt ist. Das höchste Gutdes Menschen ist wieder der Mensch!"

Ich glaube, ich verstehe Sie," sagte Maitland, dader Baron nicht weiter sprach.Sie haben mich indiesem Punkte nicht zu Ihrem Vertrauten gemacht, abernach dem, was Sie eben gesagt haben, könnte ich fasterrathen, was Ihnen jene junge Dame war, in derenGesellschaft ich Sie einst im Thiergarten sah. Es warnur eine flüchtige Begegnung; Sie ritten an der Seiteeiner offenen Equipage, in welcher zwei Damen saßen.Die eine, mit der Sie sich lebhaft unterhielten, war vonjener sinnberückenden Schönheit, die uns wie ein Sonnen-strahl aus grauem Himmel berührt. Ich sehe sie nochvor mir mit dem dunkeln, wunderbar leuchtenden Auge"

Maitland brach ab, da Wolfgang ihm schmerzlichSchweigen zuwinkte. Aber für Maitland war es genug,um zu wissen, daß er den wunden Punkt getroffen hatte.

Er trat an's Fenster, welches nach dem Parkehinausging, und sah eine Weile dem Spiele der gelbenBlätter zu, die der Wind umherwirbelte.

Der Herbst macht mich stets schwermüthig," unter-brach er eine längere Pause,er erinnert mich daran,wie manches Vergnügen ungekostet an mir vorüberge-schlüpft ist, wie wenige Freuden je zurückkehren, wie leerund hohl so viele Dinge waren, denen ich nachgetrachtethabe. Ich habe, um mich zu zerstreuen, alle Hülfs-quellen erschöpft, welche Berlin darbietet, aber ich fand,