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„Augsburger Posizritung".
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Dinstag, den 14. August
1884 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L> Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler ).
Im Mime alter Schuld.
(Fortsetzung.)
LXXV.
Es war Herbst geworden. Die Backsteinmauer,welche den geräumigen Platz vor dem Herrenhause des„Villenhofes" umgab und üppig mit wildem Wein um-rankt war, sah im Schmucke der purpurnen Blätter wiein Blut getaucht aus. Das Laub der alten, hohenBäume, die innerhalb der Mauer den Vorhof umsäum-ten, schien sich in starres Gold verwandelt zu haben,und jeder Windstoß, der es schüttelte, hielt eine reicheErnte an Blättern, welche sich auf eine kurze Henkers-frist wie flatternde Schmetterlinge in der Luft behaupte-ten, um dann matt und leblos zur Erde herabzutaumeln.
Auf die frische Pracht der Herbsttfärbung blicktedrohend ein trübgrauer Himmel herab, wie ein gräm-licher Alter auf ein spielendes Kind, dem er die bunteTändelei bald vertreiben wird.
Der Kehraus der Natur wiederholte sich in demmenschlichen Treiben, welches auf dem Vorplätze herrschte,denn auch dieses deutete den Bruch mit einer alten Ord-nung der Dinge an. Dort standen drei bis vier mäch-tige, geschlossene Möbelwagen, und eine Schaar kräftigerMänner belud dieselben mit Möbeln und Kisten.
In den Prachtzimmern der Villa selbst sah es ödeaus. Manche derselben waren schon gänzlich entleertund hatten nichts mehr zu bieten, als die nackte Schön-heit ihrer Tapeten und Deckenstuckaturen. Nur im Ar-beitszimmer des Barons stand noch alles an seinem altenPlatze. In dem hohen, weißen Porzellanofen loderte einFeuer und verzehrte einen Haufen alter Briefe und andererPapiere. Der Baron war in seiner Arbeit, alle werth-losen Scripturen zu verbrennen, durch einen Besuch unter-brochen worden, und dieser war kein anderer als Mait-land, welcher neben ihm auf einem grünseidenen Muschel-sofa saß. Beide befanden sich in ernstem Gespräch, aberdieses bewegte sich in den alten freundschaftlichen For-men; denn während des monatelangen Zwischenraums,wo sie einander nicht mehr gesehen, hatten sich Wolf-gang's Gesinnungen gegen den Mann, der sich ihm inmehr als einer Lage als Freund bewährt hatte, nichtgeändert. Der Baron besaß keine Ahnung von demJntriguenstück, welches Maitland seitdem in Scene gesetzthatte, niemand hatte ihn von dessen Doppelspiel mit
Rettberg oder von seinen Anschlägen gegen Melanie unter-richtet. Er kannte Maitland als einen Menschen, dergroßmüthiger Handlungen fähig war und dabei allesVerdienstliche derselben ableugnete, und konnte nicht ver-gessen, daß Maitland ihm das Leben gerettet und ihnwährend eines schmerzhaften Krankenlagers mit der Sorg-falt und Treue eines Bruders gepflegt hatte.
In diesem Lichte allein war Wolfgang berechtigt,Maitland zu betrachten, obwohl manche leichtfertige Aeu-ßerungen desselben ihn veranlaßt hatten, ein so lieb-reizendes Wesen, wie Melanie, vor ihm zu hüten. In-dessen nahm Wolfgang an, daß Maitland als Welt-mann, der von Genuß zu Genuß eilt, sie über anderenDingen längst wieder vergessen hatte.
„So finde ich Sie also im Begriff," sagte Mait-land, „diese schöne Besitzung für immer zu verlassen undsich auf Ihr Gut in Schlesien zurückzuziehen. Uüd oben-drein sind es die Geschwister Nettberg, welche Sie ausIhrem Eigenthum vertreiben — dieselben Menschen, denenSie so viele Großmuth bewiesen haben? Ich habe wohlin Berliner Kreisen davon reden hören, daß Sie ineinen Prozeß verwickelt seien, aber mehr, als daß essich um eines Ihrer beiden Güter handle und daß da-bei sehr merkwürdige Umstände im Spiele sein sollten,wußte man sich nicht zu erzählen.
„In der That sind die Umstände seltsam genug,"entgegnete Wolfgang, „und ich nehme keinen Anstand,sie Ihnen mitzutheilen, wenn Sie es hören wollen."
„Nichts könnte mich lebhafter interesstren!" ver-sicherte Maitland.
„Der Villenhof gehörte ursprünglich einem Onkelmeines Vaters, dem Baron Bolko von Sturen," er-zählte Wolfgang. „Baron Bolko hatte drei Söhne undeine Tochter. Diese Tochter, Albertine mit Namen unddas jüngste der Geschwister, verliebte sich in einen Herrnvon Baldeneck. Das wäre nun kein Unglück gewesen,aber Herr von Baldeneck war Schauspieler, und da dieFamilie sich einer solchen Verbindung widersetzte, so liehsich Albertine von Herrn von Baldeneck entführen, hei-rathete ihn, ging ebenfalls zum Theater und gab denIhrigen nie wieder ein Lebenszeichen von sich. Im Laufeder Zeit starb Baron Bolko, der schon lange vor Alber-tine's Heirath Wittwer gewesen war. Der älteste Sohnhatte von seiner Mutter die Schwindsucht geerbt undfolgte dem Vater bald im Tode, der zweite Sohn fielals Offizier in der Berliner Märzrevolution 1848, der