Ausgabe 
(24.8.1894) 69
Seite
532
 
Einzelbild herunterladen

532

lichen Beistand und nahm alle die peinlichen Geschäfteallein auf sich, die mit jener letzten Pflicht, verwandtenStaub in die Erde zu legen, verbunden sind.

Ueber Rölling's Lippen kam kein Wort, welchesdas Andenken des Bruders im Herzen der Schwesterhätte trüben können, aber selbst wenn er in die bitterstenAnklagen über das Benehmen des Verstorbenen ausge-brochen wäre, so hätte er demselben kein schlimmeresZeugniß ausstellen können, als dieser sich selbst ausge-stellt hatte. Bei der Durchsicht der von Edmund hinter-lassenen Papiere fielen Melanie nämlich einige ältereBlätter in die Hand, welche ein mehrmals abgeändertesConcept enthielten, wobei gleichzeitig Versuche gemachtworden waren, mit verstellter Handschrift zu schreiben.Es war der Inhalt jenes anonymen Briefes an dieStaatsanwaltschaft, worin Nölling als das Haupt derBande, die bei Teßner eingebrochen hatte, denuncirtwar. Offenbar hatte Edmund, als künftiger Angehöri-ger der obern Zehntausend einen so unbequemen Freundwie Rölling bei Zeiten von sich abschütteln wollen unddazu das sich gerade darbietende sehr probate Mittel zubenutzen versucht, ihn hinter festen Zuchthausmauernunterzubringen.

(Fortsetzung folgt.)

----8-W8LS--

Für Herz und Haus."*)

Jüngst ist ein deutscher Dichter heimgegangen, derim Leben uns viel schöne Lieder spendete. Er schriebunter dem Pseudonym: F. v. Münchberg , Frhr. v. Rach-witz, von Miris; letzterer Name mag besonders in denLesern derFliegenden Blätter " freundliche Erinnerungenwecken. Die Gedichte, welche unter dem Titel:Für Herzund Haus" erschienen, tragen den wirklichen Namen desDichters, nämlich des in Regensburg gestorbenen fürstl.Domänendirectors Franz Bonn. Was Bonn , dessenVildniß die erste Seite der oben erwähnten Gedichteschmückt, in der Widmung versprach, hat er auch gehalten.

Was von der Jugend frönen TagenBis in mein Alter mich bewegt,

Soweit ich's konnt' in Reimen sagen,

Hab' ich in dieses Buch gelegt.

Wir finden auf den 312 Seiten des Buches einDichterleben in Liedern. Im ersten TheileLenz undLiebe" besingt der Dichter den Frühling in der Naturund den in seinem Herzen. Er schildert die Gefühle wäh-rend seiner Bräutigamszeit. Die Liebe der Geschlechterist ihm weder tändelndes Spiel noch sentimentaleSchwärmerei, sondern eine geistige, am Altare besiegelteund in Gott verklärte Zuneigung. In denvermischtenGedichten" bringt er einige herzige Lieder, deren Stoffaus dem Kleinleben entlehnt ist, wir treffen aber auchernste Gedichte darin, z. B. Allerseelen, Weihnacht, UntermChristbaum.

Der dritte Theil enthältBilder und Balladen".Bonn behandelt einige historische Ereignisse, oft aber auchumwebt er eigen Erlebtes mit poetischem Schleier. Zartund unmuthig sind im vierten TheileLieder und Stim-mungen", tröstlich und weihevoll die Gedichte des fünftenTheilesIn ernsten Stunden".

Manches der Stimmungslieder gemahnt uns an

*)Für Herz und HauS", Gedichte von Franz Bonn .Dritte Auflage, Regensburg , Habbel. S. 312; Preis geb. 5 M.

Eichendorff's gemüthvolle und oft zauberische schöne Ge-sänge, so daS LiedHeimweh". H

Unter den Bäumen in stiller NachtSchlagen die Nachtigallen,

Wenn hoch über die Wipfel sachtSilberne Lichter wallen.

Unter den Träumen auf meine BrustHeimliche Thränen sanken,

Waren verklärt auch in reiner LustAlle meine Gedanken.

Heimliche Thränen, heimlicher Sang,

Irdisches Sehnen und Bangen,

Ach i wie lange, o Welt, wie langHältst Du mein Herz gefangen.

In den Gedichten auf den letzten Seiten sind jeneTöne voller angeschlagen, die aus den Tiefen einer gläu-bigen Seele kommen, leise aber durchklingen sie auch alleübrigen Lieder. Und deßwegen muß uns der entschlafeneSänger so werth sein. Wie viele Gedichtsammlungen er-scheinen alljährlich, worin bald gröber, bald feiner derGlaube verspottet wird oder in denen sich nur die Zweifel-sucht, die Leere und der Schmerz der modernen Weltausspricht. Hier sucht wieder einmal ein Gläubiger unszu trösten, zu läutern und auf ewige Ideale hinzuweisen.Die Lieder von Franz Bonn sind ganz dazu angelegt,das zu werden, was er selbst ihnen als Wunsch undScheidewort mit auf den Weg gegeben hat:

So sei in Haus und Herz willkommenMein Bucht Vergeblich sang ich nicht,

Mag auch nur einem Herzen frommen,

Nur einem Hause, mein Gedicht.

Adolph Müller. --

Ein wirklicher Glücksritter.

(Aus meiner alten Mappe.)

Ein wirklicher Glücksritter ist eigentlich Derjenige,der dasGlück" im Ritte findet, ohne es zusuchen, und von einem solchen Glücksritter will ich einGeschichtlein erzählen, das wohl einzig in seiner Art undkaum Einem unserer günstigen Leser bekannt sein dürfte.

Der Graf von FlamarenS in Frankreich hatte,nachdem er mit Ehren seine militärische Laufbahn beendet,ins ländliche Stillleben sich zurückgezogen. Fortuna, dieGöttin des Glückes, hatte bisher seiner noch nicht gedacht,wie es scheint, und er lebte von einem sehr bescheidenenVermögen; doch immerhin fand derfrank und freie"Mann, der keinenAufwand" machte, dabei sein Aus-kommen; eine etwas vollere Kasse wäre hie und da nunallerdings nicht vom Uebel gewesen.

Einst mußte der Graf von Flamarens eines Ver-mögensproceffes wegen eine Reise nach der HauptstadtFrankreichs nach Paris unternehmen. Damals wardas Dampfroß noch nicht erstanden. Der Graf bestiegdaher seine liebe Nosinante und suchte die weite Reisein kleinen Tagesritten zurückzulegen.

So kam er eines Tages in den Wald von Fon-tainebleau. Da sah er eine Anzahl von Menschen,ebenfalls zu Pferde, die alle einen Seitenweg einschlugen;also ein und dieselbe Reiseabsicht haben mußten. Dasreizte die Neugierde des Grafen, und muthig, wie deralte Soldat war, beschloß er, dieser ihm räthselhaftenErscheinung zu folgen. Nach einer Weile kam er aneinen freien weiten Platz beim Fort de la Biche. Da saher die Reiter und betrachtete sie genau. Sie waren