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zeugung von solcher Seite ablehnen. Hatte er von jenemVerhältnisse Kentniß gehabt, so würde er sich für vielzu gut gehalten haben, der Nachfolger des Herrn Baronszu werden. Man konnte es ihm leich; ansehen, daß ernoch kochte vor Eifersucht, von der schönen Frau, in dieer rasend verliebt war, betrogen worden zu sein. . .Damit, gnädiger Herr, habe ich Ihnen alles Haupt-sächliche mitgetheilt. Es wäre darüber nie ein Wortüber meine Lippen gekommen, wenn mir mein Gewissennicht gesagt hätte, daß ich Ihnen gehorchen müsse."
Wolfgang hielt sein Antlitz mit der Hand bedeckt.Nach längerer Zeit blickte er auf und sagte: „So habeich also, noch ehe ich selbst das Licht der Welt erblickte,bereits einen Bruder oder eine Schwester gehabt, undes wäre meine Pflicht, mich nach diesem Geschwisterumzusehen."
„Es war ein Bruder, gnädiger Herr," bemerkteHartwig, „der Herr Baron wollte für den Knaben sorgen,aber die Mutter wies auch dies zurück, und nie habenwir erfahren können, was aus dem Kinde geworden ist."
Hartwig war entlassen.
Schlimmeres hätte er nicht hören können. Ja,Felicitas hatte Recht. Unmöglich konnte sie die Gattineines Mannes werden, dessen Vater ihre Mutter einstzu Fall gebracht, unmöglich hätte sie ihm, dem Geliebten,dieses Geheimniß entdecken können, nie und nimmer wäredas Wort über ihre keuschen Lippen gekommen, das ihreeigene Mutter bloßstellen mußte.
Bald nach Hartwig's Entfernung erschien Maitland.In seinen Augen leuchtete es triumphirend, sein Wesenhatte etwas Echeimnißvollcs.
„Baron." sagte er mit gedämpfter Stimme, dieHand auf Wolfgangs Schulter legend. „Alles geht gut.Ich unterhandle eben noch wegen des Ankaufs der schnell-sten Dampf-Jacht, die in den Buchten der Nievera ankert;einige unternehmende Monagasken stehen bereits zu un-serer Verfügung. Jetzt gilt eS noch zu berathen, wie wirden Gegenstand Ihrer Liebe an eine einsame Stelle locken,wo wir seiner ohne Aufsehen habhaft werden können."
„Ich bin mit mir ernstlich zu Rathe gegangen,"entgegnete Wolfgang, „und habe bei genauerer Selbst-prüfung gefunden, daß ich Ihre Ansicht über Glückselig-keit nicht zur meinigen machen kann. Nehmen Sie meinenDank für Ihre Bemühungen."
Ein höhnisches Lächeln schwebte um Maitland'SLippen.
„Es sei wie Sie wollen; gehen Sie Ihren eigenenWeg," erwiderte er und entfernte sich mit mißvergnügterMiene. . . Schon von dem Augenblicke an, wo Wolf-gang von der furchtbaren Selbsttäuschung, daß Felici-tas ihn betrogen habe, befreit worden war, waren alleseine wilden Entschlüsse und Pläne geschwunden. Erlehnte sich nicht mehr gegen sein Schicksal auf und wolltemit Würde und Ergebung tragen, was es ihm bestimmthatte, selbst das Loos der Armuth. Er erschrack jetztvor den finsteren Gedanken, denen er Eingang in seineBrust gestattet hatte, und glaubte zu entdecken, welchegefährliche Hochschule der Versuchungen ihm der Um-gang mit Maitland war. „Ich muß vor diesem Mannefliehen," dachte Wolfgang, „oder er wird mich moralischzu Grunde richten. Wahrhaftig! wenn ich jener gehaßteHalbbruder wäre, an welchem er seine Wuth über dasMißgeschick seiner Geburt kühlen möchte, er könnte nichtsystematischer zu Werle gehen!" Wolfgang fühlte sich
plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der ihn in die größteAufregung versetzte.
Die Verhältnisse, welche der alte Hartwig geschil-dert hatte, erinnerten ihn lebhaft an Maitland'S Er-zählung.
Wär er (Wolfgang) etwa wirklich jener glücklichereHalbbruder, den Maitland so tödtlich haßte, daß es ihmals eine, eines ganzen Lebens würdige Aufgabe erschien,ihn zu vernichten.
Nein! Unmöglich konnte sich unter so viel Freund-schaft und Herzlichkeit, wie Maitland ihm in den ver-schiedensten Lebenslagen bewiesen, eine glühende, stillund rastlos arbeitende Rachsucht verbergen. Auch kamenderartige Verführuugsgeschichtcn ja leider zu häufig vor,als daß es nicht eine Menge analoger Fälle gegebenhaben sollte.
XL.
Jener Abend, wo Maitland am Roulettentische mitEdmund Rettberg zusammengetroffen war, sollte der letztegewesen sein, den der junge Nous im Casino, wo erbisher täglicher Gast war, verbrachte. Er war seitdemaus der von ihm bewohnten Villa zwischen Monte-Carlound Nizza nicht wieder herausgekommen. Der Fieber-zustand, welcher den Kranken bisher nicht am Ausgehenzn hindern vermochte, hatte sich so gesteigert, daß er dasBett nicht mehr verlassen konnte. Nichts aber lag demKranken ferner als der Gedanke, daß sein Leiden unheil-bar sei und daß die Schatten des Todes sich bereitsauf ihn herabzusenken begännen.
Herablassende Gespräche mit Nölling wechselten mitdespotischen Launen. Er hatte den Mann, vor dem erfrüher einen gewissen scheuen Respect gehabt, von Ansangan in wegwerfendster Weise behandelt. Wenn Nettbergseine unerträglichen Launen an ihn ausließ, was täglichein paar Mal geschah, so pflegte er ihm Schimpfwörter,wie „Verdammter Spitzbube!" — „Langfinger!" — „Ein-brecher!" — „Galgenvogel!" — „ZuchthauSkandidat!"— in's Gesicht zu schleudern, und hatte seine stilleFreude daran, daß Nölling es nicht wagen durfte, aufNettberg's eigene Vergangenheit auch nur mit einerSilbe anzuspielen oder ihm gar die eine oder die andere jener Benennungen, die sehr gut auch auf den ehe-maligen Bauernfänger und Wechselfälscher paßten, zu-rückzugeben.
Freilich fühlte sich Nölling mehr als einmal ver-sucht, den elenden Buben wie einen Stiefelknecht an dieWand zu schmettern, aber die Dankbarkeit und Hin-gebung für Melanie war stärker noch als die augen-blickliche Wuth, und mit einer wahren Heiligengeduldertrug er eine entwürdigende Behandlung, deren Bitter-keit Melanie niemals auch nur ahnen sollte.
So hatte sich ihre Hoffnung, daß Nölling einenheilsamen Einfluß auf ihren Bruder ausüben könne,nicht erfüllt. Aber es war ohnehin nichts mehr anEdmund zu retten gewesen, er hatte sich bereits, alsNölling anlangte, im letzten Stadium der Lungenschwind-sucht befunden. In seinen Berichten an Melanie suchteNölling diese nach Möglichkeit zu schonen, als er abersah, daß es mit Edmund schnell vorwärts ging, ließ sichdie Wahrheit nicht mehr verschweigen.
Melanie reiste ohne Verzug ab. Kurz vor ihrerAnkunft war Edmund in Nölling's Armen verschieden.
Lange weinte Melanie bitterlich an der Leiche ihresBruders. Nölling leistete der Trauernden jeden mög-