Ausgabe 
(24.8.1894) 69
Seite
530
 
Einzelbild herunterladen

830

Namen Ihres Gatten!" rief Wolfgang mit bebenderStimme.

Wie sonderbar Sie doch sind! Sollten Sie dennseit gestern Abend den Namen Ihres ehemaligen Vor-mundes vergessen habend"

Sie sind Sie sind Frau Carus? Und dieDame, welcher gestern Abend der Diener einen Shaw!in's Coups reichted"

War ich."

Aber ich sah nur Felicitas."

Sie stieg zuletzt ein; ich saß mit meinem Gattenbereits im Coups. Ich weiß nicht, Wolfgang, was ichaus Ihren Fragen machen soll."

Wolfgang nahm alle seine Fassung zusammen, umsich nicht zu verrathen, aber in ihrer nachdenklichenMiene glaubte er zu lesen, daß sie dem Mißverständnisse,welches das verwechselte Eigenthumsrecht auf den Shawlangerichtet hatte, auf der Spur sei.Wir befinden unsauf der Hochzeitsreise und Felicitas begleitet uns. DaSarme Kind bedarf der Zerstreuung. Ihnen, Wolfgang,brauche ich kaum zu sagen, daß der schwere Kummer,unter dem sie leidet, nicht erst seit dem Tode ihres Va-ters datirt."

Und doch kann ich mir keinen Grund ausdenken,weshalb sie sich und mich um Glück und Hoffnung ge-bracht hat. Sollte sie sich darüber vielleicht gegen Sierückhaltsloser ausgesprochen haben?"

Ich habe nur wenig aus ihr herausbekommen,"entgegnete Frau Carus,ich begreife, daß es gegenFelicitas' Zartgefühl geht, Ihnen zu sagen, daß ein alterFamilienhaß im Spiele ist. Ich aber brauche Ihnendies nicht zu verschweigen."

Ich vermuthete dies. Felicitas' Vater und dermeinige müssen aus irgend einer Veranlassung einmalhart aneinander gestoßen sein."

Frau Carus schüttelte den Kopf.Der eigentlicheAnlaß ging von Felicitas' Mutter aus. Sie nährteeinen unauslöschlichen Haß gegen Ihren Vater, einenHaß, den sie mit in's Grab nahm, denn noch in ihrerletzten Stunde forderte sie von ihrem Gatten das Ver-sprechen, mit der Familie von Sturen niemals in näherenfreundschaftlichen Verkehr zu treten und auch keine An-näherung zwischen den Kindern zu gestatten, falls dieSchickung des Lebens beide zusammenführen sollte."

Dann bleibt mir keine Hoffnung mehr!" riefWolfgang bestürzt.Um welch' unseliges Geheimnißmag es sich hierbei handeln?"

Darüber spricht Felicitas nicht. Sie hat mir nurgesagt, daß sie ihren Vater zwang, es ibr zu entdecken,als er seine Einwilligung zu Eurer Heirath verweigerte.Doch hören Sie, Wolfgang, vielleicht giebt es außerFelicitas noch eine Person, welche Licht in das Dunkelzu bringen vermag. Es ist dies der alte Hartwig, derdamals schon in ihres Vaters Dienste gestanden habenmuß und dessen Vertrauen in so hohem Maße besaß,daß ex möglicher Weise in jene Angelegenheit einge-weiht war."

Als Wolfgang nach Hause kam, ließ er den altenDiener kommen.

Hast Du die verstorbene Frau Teßner gekannt?"fragte er ihn. Die Frage kam dem Diener offenbarsehr unerwartet. Er stutzte, warf einen scheuen Blickauf seinen Herrn und antwortete mit unsicherer Stimme:

Ja o ja ich habe sie gekannt."

Ist Dir vielleicht erinnerlich," fragte der Baronweiter,daß es zwischen ihr und meinem Vater einmaletwas gegeben hat, was eine Frau nie verzeiht? Dumußt mir alles sagen, was Du über Frau Teßner undmeinen Vater weißt; mußt Du dabei eine Saite be-rühren, die vielleicht dem Charakter meines Vaters nichtzur Ehre gereicht, so fürchte nicht, seinem Andenken zuschaden, denn sein Bild steht mit so vielen edlen Zügengeschmückt vor mir, daß ein Flecken es nicht dauernd zutrüben vermag. Was sich auch zwischen jener Frau undmeinem Vater ereignet haben mag es wendet sichjetzt als Verhängnis; gegen mich, mein ganzes Lebens-glück hängt davon ab. Ich muß klar in der Sachesehen. Sprich also ohne Umschweife und sage, was Duweißt."

Die Geschichte ist lange her," begann Hartwigzögernd,wohl an die siebeuundzwanzig Jahre. Meingnädiger Herr, Ihr Herr Vater war damals unverheirathetund noch nicht lange erst von Schlesien nach dem Villen-hofe übersiedelt, da lernte er ein junges Mädchen kennen,welches bei der Pfarrersfamilie im Dorfe einen ganzenSommer zu Besuch war. . . Wie das allmählich so ge-kommen ist, weiß ich nicht, aber ein Wunder war's,nicht, denn die junge Dame war so schön, daß sich einMann in sie verlieben mußte, er mochte wollen odernicht, na, kurz und gut, es dauerte gar nicht lange, dawar ich zwischen dem Villenhofe und dem Pfarrhausetäglich ein paar Mal unterwegs mit rosafarbenen, süß-duftenden Billets. Es gab Bestellungen zu heimlichenZusammenkünften u. s. w., und was ich voraussah, tratendlich ein! Das Verhältniß hatte Folgen und das Fräu-lein leiste plötzlich ab. Ihr Herr Vater benahm sich dabeisehr nobel, ich weiß das am besten, denn er machtemich zum Vermittler in der delikaten Geschichte, in die ichnnn doch einmal eingeweiht war. Aber das Fräuleinwies alle seine Anerbietungen, die nicht dircct auf eineHeirath hinausliefen, von sich. Die Sache ging damalsdem gnädigen Herrn sehr im Kopfe herum, und ich glaube,er hätte das Fräulein wohl auch geheirathet, aber eslag etwas in ihrem Charakter, Rachsucht, Starrsinnund Hochmuth was ihn abschreckte und voraussehenließ, daß die Ehe keine glückliche werden könne. Fünfoder sechs Jahre später heircuhete das Fräulein denAdvokaten Teßner in der Kreisstadt, der damals bereitsein alter Junggeselle war. Sie mochte wohl kaum übervierundzwanzig Jahre alt sein und war noch immer sehrschön. Mehrere Freier hatte sie bereits abgewiesen, daihr nach dem Herrn Baron keiner hoch genug stand, bisihr Großvater der Sache ein Ende machte und ihr,glaub' ich, mit Enterbung drohte, wenn sie nicht dieFrau des Advokaten würde. Sie schenkte ihm eineTochter und ist einige Jahre darauf gestorben. Bisdahin hatte der Herr Baron mit dem Advokaten in ge-schäftlichem Verkehr gestanden und demselben alle seineRechtsgeschäfte übertragen. Er gab ihm daher beim Todeder Frau seine Theilnahme zu erkennen und sandte michmit einer Condolenzkarte und einem prachtvollen Lor-beerkranze in's Trauerhaus. Ich dachte, der Himmelmüsse über mir zusammenbrechen, als der Advokat, derso katzenartig freundlich war, mich sammt Karte undKranz in giftigster Weise zurückwies. Nachdem ihmseine Frau in ihrer letzten Stunde bekannt habe, sagteer vor Wuth zitternd, in welchen Beziehungen sie früherzu meinem Herrn gestanden, müsse er jede Beileidsbe-