69 .
1894 .
M
„Augsburger Postzeitung".
Arettag, den 24. August
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler ).
Im Sänne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
Er hatte eine Summe von mehr als einer Millionzurückzuerstatten, und diese stak in seinem schlefifchen Gute,welches von den Erträgnissen des Villenhofs zum Theilarrondirt worden war. Er mußte, wenn er die For-derung der Geschwister Rettberg befriedigen wollte, unterallen Umständen das Gut verkaufen. Und dann . . . ?Was blieb ihm dann?
Es gab Wolfgang einen Stich in's Herz, unterdiesem, auf seinen Untergang ausgehenden Schriftstückeden Namen Melanie zu lesen; aber sie mußte sich demWillen ihres Vormundes unterwerfen, und hinter diesemstand das Vormundschaftsgericht. Er war überzeugt, daßvon Seiten Melanies alles geschehen war, um die Klagezu unterdrücken, denn er kannte ihre edle Gesinnung auseinem ergreifenden Briefe, den sie ihm bereits bei Ge-legenheit des Prozesses um den Villenhof geschrieben hatte.
Mit der ganzen Kraft seines leicht überschäumen-den Temperaments empörte sich Wolfgang gegen dasSchicksal, welches alles, was er besaß, als Prämie fürSchurkerei und Gemeinheit einem Nouö in den Schooßwerfen wollte, damit er es am grünen Tische in allevier Winde jage. In diese erbitterte, wilde Stimmungblitzte plötzlich auch noch ein furchtbarer Argwohn hinein:hatte Felicitas etwa durch ihren Vater Kenntniß gehabt,welche Verluste Wolfgang bevorstanden und wie er Schlagauf Schlag dem Ruin entgegengeführt werden mußte?Fühlte Felicitas sich nicht stark genug, das Loos einesverarmten Edelmannes zu theilen, und zog daher vor,die Gattin eines reichen Advokaten zu werden?
Wenn von allen Seiten die Wellen des tückischenGeschicks über dem Menschen zusammenschlagen, dannverläßt ihn nicht nur der Glaube an alles Gute undEdle, sondern auch die Kraft, selbst gut und edel zubleiben. Von einem Gauner, dem er Gutes erwiesen,bis auf's Messer verfolgt, von der Geliebten betrogenund verrathen, wollte Wolfgang dem Schicksale trotzen,er wollte sich nicht länger am Narrenseile schmerzlichduldender Entsagung hin- und herziehen lassen, — erwollte den Schurken, der ihn in Armuth zu stürzentrachtete, mit gleicher Münze bezahlen, indem er seinBesitzthum rasch in Geld umsetzte und sich mit diesemdem Bereiche der gierigen Hände, die sich darnach aus-
streckten, entzvg — und die Geliebte, die ihn betrogen,sollte seine Sklavin werden. Es war der Augenblick da,wo jene sophistische Glückseligkeitslehre, die Mattland ihmunausgesetzt gepredigt hatte, wie ein ausgestreuter Samein Wolfgang's Brust ihre Keime zu treiben begann.
XXXIX.
Noch an demselben Nachmittage fuhr Wolfgang nachNizza , um zu erkunden, wo Justizrath Carus mit seinerjungen Gattin dort Aufenthalt genommen habe. Als erdurch die Straße Francesco di Paolo ging, hörte erplötzlich seinen Namen rufen. Er wandte sich um undsah eine Dame, die eben aus dem Postgebäude getretenwar, als er an diesem vorüber schlenderte, auf sich zu-kommen.
„Welche Ueberraschung, Sie hier zu finden!" riefer, Frau von Prachwitz erkennend.
„Es ist eine alte Anhänglichkeit, die mich untersehr veränderten Verhältnissen gerade nach Nizza zog,"lächelte sie, ihm mit gewohnter Herzlichkeit die Handentgegenstreckend. „Ich habe hier vor vielen JahrenGenesung gefunden, als ein tiefes Gemüthsleiden meineGesundheit erschütterte."
„Ein Gemüthsleiden?" wiederholte der Baron.
„Ja, lieber Wolfgang, auch meinem Leben hat dieTragödie des Herzens nicht gefehlt, und nun hat siedoch noch fröhlich mit dem Siege jener Liebe geendet,von welcher man sagt, sie rostet nicht. Die Welt magdie Achseln dazu zucken, denn wir sind beide nicht mehrjung. Aber warum sollen zwei Menschen, die für ein-ander bestimmt waren, sich nicht in diesem Leben nochangehören dürfen, nachdem es kein Hinderniß mehr zwi-schen ihnen giebt? So habe in denn meine alte Liebegeheirathet, meine erste und einzige Liebe."
Während beide langsam weiter gegangen waren,hatte Wolfgang auf seine Begleiterin Blicke zunehmendenErstaunens geworfen, denn der Sinn ihrer Rede warihm dunkel.
„Sie haben sich wieder verheirathet?" fragte er.„Darf ich nicht wissen, mit wem?"
„Mein Himmel, wie seltsam Sie fragen, Wolfgang lMeine Vermählungsanzeige mag sie in Nom, wohin ichsie Ihnen schickte, wohl verfehlt haben. Aber empfingich nicht gestern Abend im Eisenbahncoups Ihre Kartemit Ihrem Glückwünsche?"
„Den Namen Ihres Gatten! Um Gotteswillen, den