abgestiegen. Ihre Physiognomien, die bräunliche Gesichts-farbe (sonnenverbrannt) und ihre Kleidung hatte nichtsweniger als etwas Nobles — und war durchaus nichteinladend. Sie banden ihre Pferde an die Bäume an.
— „Parbleu! Ich bin am Ende in eine Räuberbandegerathen," sagte sich der Graf, „und ein Entrinnen istda unmöglich. Es ist am besten, ich stelle mich an wiesie." Und er stieg ab und band sein Pferd auch an.
Sofort fand er alle Blicke auf sich gerichtet. Baldsammelten sie sich zu einzelnen Gruppen und hielten, wiees schien, sehr eifrige Berathung, wobei immer nach ihmgeschaut wurde. Nun lösten sich die Gruppen und dieallgemeine Berathung trat ein. „Das Ding fängt anunheimlich zu werden", dachte der Graf, „jetzt werdensie über mein Loos entscheiden. Verwünschte Neugierdel"
Endlich trat ein bärtiger Mann mit düsterer, fastzorniger Miene aus dem Kreise heraus und gerade aufden Grafen zu und sprach: „Darf man fragen, welcherZweck Sie hieher führt, mein Herr?" Der Ton desSprechenden klang nichts weniger als trotzig — im Gegen-theil verlegen. Das stählte den Muth des Grafen, under antwortete: „Sehr wahrscheinlich derselbe Zweck, derSie hieher geführt hat, mein Herr." Der Abgesandtebegab sich zurück zu den Seinen, und wieder begann dieBerathung, und zwar noch eifriger, wie aus den lebhaftenGestikulationen zu schließen war.
Abermals kam der Abgeordnete zu dem Grafen,und wie erstaunte dieser, als ihm der Fremde im Namenseiner Genossen die Summe von 200 Louisd'or — inbaar — antrug, wenn er, der Graf, auf seinen Zweckverzichten und den Platz verlassen möchte. Dader Graf die Sache sich nicht erklären konnte, gewannsie für ihn das Ansehen eines komischen Abenteuers, under beschloß, dasselbe weiter zu spielen. Er entgegnetedeßhalb: Diese Summe sei noch viel zu ungenügend, umfeinen Abzug zu bestimmen.
Und wieder wird verhandelt „drüben und hüben".Da endlich bietet der Fremde dem Grafen fünfhundertLouisd'or. Der Graf wußte durchaus nicht, was erdenken sollte, ein ganz unbeschreibbares Gefühl beherrschteihn derart, daß er nicht sofort Antwort geben konnte.Der Fremde hielt dieses Schweigen für eine bedenklicheZögerung und sagte: „Nun, mein Herr, ich meine, dqssei denn doch eine respektable Summe, zumal Sie nich^das geringste Nisico haben." Da besann sich der Grafnicht lang und antwortete: „Nun denn — in GottesNamen." Man bezahlte ihm baar die Summe, über-häufte ihn mit der heitersten Miene von der Welt —mit Komplimenten, und der Graf räumte den Platz.
Ganz verblüfft über dieses märchenhafte Ereignißritt er dahin. „Hm, mir unbegreiflich," sagte er fürsich, „warum zahlen mir diese sonderbaren Leute diesebedeutende Summe? Sind das am Ende gar keineMenschen, sondern Kobolde? Und ist das Geld vielleichtnur Scheingeld?" Dabei befühlte er seine Brusttasche.„Doch nein, die Goldfüchse sind noch da. Und welchevergnügte Gesichter sie trotz dieser Ausgabe machten! Nun
— ich bin auch vergnügt, das Geld kommt mir geraderecht. Unglück wird es mir wohl nicht bringen, und einTeufelsspuk kann es nicht sein. Wer aber löst mir dasmerkwürdige Räthsel?" Unter der Pein dieser Frage kamer nach Melun. Dort vernahm er in einem Gasthofeein Gespräch, das ihn aufs Höchste interessirte. „Werwohl die Glücklichen sein werden," meinte der Eine.
„Nun — ich denke, die „Zehner", die gestern bet mirabstiegen," sagte der Gastwirth. „Sie haben heute einenscharfen Ritt gemacht." „Ja, wenn die „Dreier" mitihrem Grafen Prienne nicht einen Strich durch dieRechnung machen," meinte ein Dritter. „Die haben erstjüngst eine bedeutende Schlappe erhalten," entgegnete derWirth, „und der Graf liegt schwer krank darnieder.Freilich könnte an diesem großen Waldtheil, bei glück-lichem Einsteigerungspreis, leicht eine halbe Million ge-wonnen werden." — „Zehner", so viel der Männermögen es gewesen sein, sagte sich der Graf; Waldver-steigerung? Die „Dreier" — mit einem Grafen? — GroßeHolzhändler l Jetzt tagte des Räthsels Lösung. —
„Erlauben Sie, meine Herren," wandte sich derGraf zu den Sprechenden, „wo findet diese Waldver-steigerung statt?" „Beim Fort de la Biche." DasRäthsel war gelöst: Die Reiter — „Zehner" hatten denGrafen für einen gefährlichen Concurrenten gehalten —und denselben durch die Abkaufssumme sich vom Halsegeschafft. So wurde der Graf von Flamarens ohneWillen zu einem wirklichen Glücksritter. I's.
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Der eiserne Bestand.
Eine Knödelgeschichte von O. Kalis.
—^^ (Nachdrua vnbolen.)
Die verehrten Leserinnen werden ersucht, sich durchobige Aufschrift nicht erschrecken zu lassen. Es handeltsich mit dem „eisernen Bestand" nicht um das Waffen-Arsenal in Spandau oder um das Krupp'sche Kanonen-gußwerk in Essen, sondern um eine ziemlich harmloseVorschrift aus dem letzten Krieg. Auch an dem Aus-druck „Knödelgeschichte" möge 'sich niemand stoßen. Eswird keineswegs aufgezählt werden, wann, wo und vonwelcher geistreichen, hübschen Küchenfee die Knödel er-funden, wieviele seit jener Zeit verzehrt worden sind.Auch werden weder alle Arten dieser kräftigen Speisekatalogisirt, noch auch die vielen Redensarten in ein.System gebracht. Das Alles wollen wir berufenen Fach-männern überlassen. — Unsere Militärhumoreske gehtauf eine oder, besser gesagt, doppelte Soldatenbosheithinaus, und zwar: erstens auf Mißbrauch des Wortes„Knödel", zweitens auf wirklich „gekochte Knödel".
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Beim Ausbrnch des deutsch -französischen Kriegeswurde vielfach das Bedenken laut, Süd- und Norddeutsch-land werde sich bei gemeinsamer Operation nicht gut ver-tragen. Schon die divergirenden Nationalitäten seien zueinem gedeihlichen, harmonischen Zusammenwirken kaumgeschaffen; besonders aber müßten die durch den Bruder-krieg vor vier Jahren geschaffenen Gegensätze zu Be-fürchtungen Anlaß geben.
Wir kümmerten uns um dergleichen spießbürgerlicheAuseinandersetzungen wenig; denn kaum hatten dieselbenPlatz gegriffen, als uns an der Landesgrenze schon diefranzösischen Chasscpotgeschosse über die Köpfe schwirrten.Jetzt hörten alle Sonderinteressen, alle Gehässigkeiten auf.Es galt ein gemeinsames, wüthiges Vorgehen gegen denFeind. Dieses Zusammenwirken half uns über dieschwierigsten Stellungen hinweg: man denke an Weißen-burg, Wörth, Sedan, Orleans, Paris ! — Wir Süd-deutsche wurden von unseren Vorgesetzten streng inner-halb der Grenzen von „Mein und Dein" gehalten. In