Folge dessen mußten wir manchmal empfindlich hungern.Zur Abhilfe waren häufig die norddeutschen Freunde beider Hand. Ich gestehe: zweimal erhielt ich in schwererNoth von einem Preußen Atzung.
Gut. Wir vertrugen uns besser, als Mancher zuhoffen gewagt hätte. Und doch war die liebe Brüder-lichkeit vielleicht nur eine künstliche. Als Paris capitulirthatte und die Hoffnung auf den Friedensschluß zu be-rechtigen schien, da sing die Freundschaft zwischen Nordund Süd zu krebsen an.
„Hören Se mal, Jotzke, dat is 'n Bayer! Wirhätten diese Leute nich' jebrancht; wären leicht alleenefertig jeworden mit den Franzosen." —
„Justav, steh' mal, sieh' mal diesen trampeligenKerl! Is jedenfalls 'n Bayer. Wie kann man solcheBären als Soldaten anstellen?" —
„Stulte, Se einfältiges Kamel! Ich lasse Se zehnTage in's Loch sbeereu, wenn Se nochmal mit 'nemBayer smoliren. De sind zu dumm for 'n Preuße!" —
„Blitz, Bomben und Granaten! Schwartcck, wie,'n Bayer hat Dir 'ne Ohrfeige applicirt? Schäme Dirdrei Ewigkeiten lang for dat preußische Heer! Brummedrei Strafwachen, weil et 'n Bayer war!" —
Solche und ähnliche Liebenswürdigkeiten wurdenfast täglich laut.
Den 3. Mai bezog mein Bataillon Cautonnementim Städtchen Alfort. Auch ein preußisches Regimentlag daselbst.
Am folgenden Morgen wurden wir von unseremHauptmann zum Exerciren aus der Stadt geführt. Aufdem Marsch kamen wir an einem freien Platz vorbei,wo ein preußischer Unterofficier etliche junge Leute drillte.Sobald unser Compagnie-Chef außer Hörweite war, be-gann der über vier Mann Befehlende zu schreien: „Hörtmal, Mannschaften! Sehet diese wandelnden Automatenan. — Det find Bayern . — Solch' tranrije Fijurendürft Ihr nich werden. — Ich snje Euch noch mehr: et
find Knödelfresser.-Wir waren bereits zu weit
entfernt, um noch weitere Kosenamen des UnterofficiersFlurspecht vernehmen zu können.
Abends besuchte ich ein Weingastlokal. Noch warhinter mir die Thüre nicht geschlossen, und schon ertönteFlurspecht's Stimme: „Habe die Ehre, altbayerischerKnödelfresfer!" Was sollte ich thun; mich schließlich ineinen Scandal verwickeln? Nein, umgekehrt, in's Quartiergegangen und ein Glas Wasser getrunken!
Am nächsten Abend, als ich bereits schlief, kamenmehrere meiner Compagniekameraden wüthend heim. Sieschimpften, fluchten, schworen Rache. Erst nach langemPoltern fand ich heraus, daß diese in meine gestrigeGesellschaft gerathen seien.
Wieder einen Tag später besuchten unser zwölfMann die bekannte Weinkneipe. Flurspecht uns sehenund mit seinen Mannschaften durch eine Hinterthüre ver-duften, war fast eins. Bald erscholl durch ein Fenster:„Ihr seid lauter altbayerische Knödelfresser l" — „Knödel-fresser!" cchoten auch die traurigen „Mannschaften",welche ihrem Unterofficier täglich den Wein bezahlenmußten. Unter meinen Landsleuten stieg die Erbitterungauf's höchste: man wollte diesen Menschen selbst aufoffener Straße überfallen.
Am 8. Mai kam ich Mittags von der Wache ab.Meinem Quartier gegenüber wurde echtes Hackerbräu-bier aus München verzapft, die Maß zu 30 Kreuzer.
Schon einigemale war an mich die Versuchung heran-getreten, von diesem Naß zu kosten; aber die Kosten!Heute unterlag jedes Bedenken in Betreff der Finanzen.Bald saß ich in der feinmöblirten Schankhalle des Hotelsan der Marnebrücke. Bald stand in einem echt bayerischenMaßkrug das gewohnte, beliebte Nationalgetränk vor mir.Was sind für den Bayer alle Weine, selbst der feinsteBordeaux, den ich gekostet, gegenüber einer Maß „Mün-chener "! Nicht nur mit Verstand, wie man empfiehlt,sondern sogar mit einer gewissen Andacht schlürfte ichdie entzückenden Tropfen. Erst als der Krug zur Hälftegeleert war, würdigte ich auch meine Umgebung einigerAufmerksamkeit. Ich saß allein. Der Saal war fastleer. Nur zwei preußische Officiere thaten einige Meterweit von mir an einem Erkeriisch dem „bayerischenBraunen" alle Ehre an. Diese wurden in ihren Mit-theilungen bald so laut, daß ich beinahe jedes Wortdes Gespräches verstehen konnte. „Noch eines, Premier",sprach der ältere Officier, Namens v. Stechwitz, „ich werdemorgen nur zwei Stunden lang exerciren lassen. Dannwird strenge Visitation der Tornister vorgenommen. Be-sonderes Augenmerk wenden wir dem „eisernen Bestand"zu. Ich fürchte, die Mannschaften haben vor dem großenArmeebefehl nicht die gehörige Achtung und naschen ander Erbswurst ohne Noth, während sie doch zu lebenhaben wie der Vogel im Hanfsamen. Halten wir beidieser Gelegenheit die Daumen besonders auf den Unter-osficieren. — Hören Sie, Premier! — Schockschwerenoth!
— Ich glaube gar, Sie schlafen? — Premicrlieutenant,schnell trinken Sie eine Flasche Wein! Es wäre diehöchste Schande, wenn sich ein preußischer Officier gestehenmüßte, er sei durch bayerisches Bier betrunken geworden."
— Auch der Hauptmann v. Stechwitz lallte bereits, daßer nur noch mit Mühe zu verstehen war.
Es ist zum Ausderhautfahren. Nicht nur diebayerischen Soldaten, nicht nur die bayerischen Knödeltaugen nichts; selbst das Bier erhält kein Recht, weiles „bayerisch" ist. Unmuthig verließ ich das Gastlokal.
Also, der preußische Hauptmann nimmt morgenVisitation des „eisernen Bestandes" vor. Was ist der„eiserne Bestand"? Da bet unseren zu befürchtendenMassenkriegen an eine Verköstigung der Heere mit frischenNaturalien nicht mehr zu denken ist, haben, ich weißnicht wohlwollende oder speculative, Männer an künstlicheErnährung gedacht. Diese ist heute ziemlich ausgebildet.Man denke an „Conserven" und „Dörrgemüse". DieErbswurst machte den Anfang. Obwohl nach der Weih-nachtsnummer eines Berliner Blattes von 1870 einProfessor aus Königsberg behauptete, „die Zukunft (Erbs-wurst resp. Conserven) vergifte die Jugend," war gegenEnde des Monats Januar 1871 das ganze deutscheKriegslager mit dieser Gabe überschwemmt. Das Dingbestand aus Erbsenmehl gehacktem Schinken und Salpeter.Die Form war compakt, wurstartig in Pergameutpapier.Diese Wurst, fein geschnitten und in Wasser gekocht,lieferte in wenigen Minuten eine schmachvolle, nahrhafteSuppe, aber auch bedeutende Unterleibswehen. DurchGewohnheit blieben letztere aus und damit in der Regelauch der Appetit.
Solche Dinger erhielten wir längere Zeit in Er-manglung von Fleisch als Nahrung. Eines Tages wurdeuns mit besonderer Feierlichkeit eine Erbswurst überreicht,die man nicht verspeisen dürfe, sondern im Tornisterherumtragen müsse, bis die höchste Noth eingetreten sei.