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Dies nannte man den „eisernen Bestand": wohl deßwegen,weil auch Eisen nicht verzehrt wird. „Es lebe die Ge-müthlichkeit!" rief unser Secondjäger Hamberger. „Jetztgeht das Hungerleiden erst recht an. Die Verpflegs-abtheilung will nichts mehr geben. Sie prahlt damit,daß soviel Erbswurst geliefert werde. Hat der Soldateine solche, dann darf er sie nicht essen."
Ich lag in meinem Quartier mißmuthig auf demStroh. — Also wir Bayern sind eigentlich Böotier. —Haben wir darum die Heimath verlassen, eine Unzahlvon Mühen und Beschwerden ertragen, das Leben indie Schanze geschlagen, um endlich von den PreußenMitleidig verachtet zu werden? — — So, so, morgenhält der Hauptmann v. Stechwitz Visitation über den„eisernen Bestand". Hm — —. Ein häßlicher Gedankeblitzte mir durch das Gehirn. — Häßlich, warum? —Der getretene Wurm krümmt sich. — Wozu ist derMenschheit und insbesondere dem Soldaten ein Rechtauf Nothwehr gegeben! —
Fünf Minuten später befand ich mich außerhalbder Wohnung. Ich kaufte in einem Bäckerladen fürfünf Sons Weißbrod, bei einem Viktualienhändler vierStück Eier und etwas Weizenmehl. In meinem Quartierfolgte nun ernstliche Arbeit. Es wurde Feuer gemacht,Wasser darüber gesetzt, das Brod fein geschnitten, dieEier darangeschlagen und einiges Mehl beigemengt. Nach-dem das Ganze etwas geknetet war, brachte ich die weicheMasse in runde Formen und legte diese in das kochendeWasser. Nach einer halben Stunde hatte ich die herr-lichsten Knödel vor mir. Nun griff ich aus meinemTornister eine Erbswurst, deren ich zwei besaß, löstesorgfältig ein Ende derselben und schabte mit einemLöffel den ganzen Inhalt heraus, so daß ich bald dasleere Pergament in Händen hielt. Dahinein ließ ichnun Knödel auf Knödel geleiten. Fünf Stück fandenRaum. Das offene Ende der Wurst wurde nicht gebunden,sondern nur zusammengedreht. Mit diesem Produkt begabich mich noch um r/zö Uhr Abends zu dem mir wohl-bekannten Quartier des Unterossiciers Flurspccht.
Sobald der nächste Morgen die Marne zu vergoldenbegann, ging ich zu meinem vorgesetzten Unterosficier,zeigte ihm meine Fußbekleidung, deren Absätze noth-wendig einer Reparatur bedurften, und erhielt leicht Er-laubniß, die Hilfe des Compagnieschuhmachers in Anspruchzu nehmen. Somit hatte ich mindestens für den erstenhalben Tag dienstfrei. Um 6 Uhr zog mein Bataillonzur Uebung aus. Ich wandte jetzt natürlich mein Augen-merk den Preußen zu.
Eine Stunde später begann es sich auch vor demQuartier Flurspechts zu regen. Bald waren die „Mann-schaften" angetreten. Der Unterosficier besichtigte jedenKnopf an der Uniform, sämmtliche Riemen und Schnallenam Tornister, endlich die Waffen in all ihren Theilen.Hierauf sprach er im patzigstem Commandoton: „Mankann mit Euerer Propretät leidlich Zufrieden sein. Mach?mir auch vor dem Herrn Hauptmann beim Exercierenkeine Schande. Noch eines! Ihr wißt, daß wir nievor einer Untersuchung des „Kalbspclzcs" sicher sind.Sollte einer von Euch Fressalien darin haben, so werfeer sie sofort auf die Straße; sonst trifft Euch ein Donner-wetter! — Mannschaften — Marsch!"
Vor der Wohnung des Hauptmanns vereinigte sichdie Compagnie. Nach einigem Warten blickte der Feld-webel wiederholt nach den Fenstern des Chefs, konnte
aber dort kein Leben entdecken. Endlich erschien derLieutenant. Sofort wurde ihm die Meldung abgestattet,daß die Compagnie mit 160 Mann und 22 Unterofficierenam Platze sei. Der junge Mann sah auf die Uhr,schüttelte sein lockiges Haupt und führte die Truppe nacheiner nahen Wiesenfläche. Hier wurde in Abtheilungenexerciert.
Nach einer halben Stunde kam der Premierlieutenantherangewankt. Sein Gesicht zeigte entsetzliche Spurenvon gestern. Er nahm schweigend die Meldung desLieutenants entgegen und zog seinen schweren Kopf wiederin die Stadt zurück.
Nach einer weiteren halben Stunde kam der Haupt-mann v. Stechwitz geritten. Sobald er vom Pferd „ge-sprungen", rief er etwas heiser: „Compagnie — stillegestanden! — Ich will heute meiner Mannschaft etwasRuhe gönnen. Der Dienst darf aber nicht Schadenleiden, darum halten wir eine kurze Untersuchung derTornister, und insbesondere des „eisernen Bestandes",'rr Premier!" — Da dieser nicht anwesend war,meldete ihn der Lieutenant als „krank". Stechwitz com-mandirte: „Gewehr in Pyramiden! — Tornister ab!
— Znr Visitation bereit!" — „'rr Lieutenant! Ichuntersuche in Ihrer Gegenwart die Tornister der Unter-officiere; hierauf thun Sie dasselbe mit den Unterofficierenbei der Mannschaft!"
„Zu Befehl, Herr Hauptmann."
Zuerst kam der Sergeant Jarke an die Reihe. Betihm fand sich alles in Ordnung. Der zweite Tornister,des Unterossiciers Flurspecht, verhieß dieselbe Pünktlichkeit.Obenauf lag die Mütze, dann der Putzzeug, und darunterblickte ein neues Flanellhcmd unmuthig hervor. „Gut",sprach der Hauptmann und ging einige Schritte vorwärts.„Doch halt!" rief er, „ich mnß auch den „eisernen Be-stand" sehen!" — Flurspecht stand unbeweglich. —„Sergeant, bringe Er mir das Geforderte zur Ansicht!"Der Gerufene beugte sich über den Tornister, hob Mütze,Putzgegenstände und Hemd hinweg. Jetzt starrten allerAugen zwei Cigarrenkistchen entgegen. Das erste der-selben erwies sich als leer. In dem zweiten befand sichein der Erbswurst ähnliches Etwas. Der Sergeant reichtedas Kistchen dem Hauptmann zur Besichtigung. Dieserergriff die wurstähnliche Erscheinung an dem trockenenEnde, hob sie empor und plötzlich kollerten aus der Hautfünf kugelförmige, teigartige Dinger hervor. Stechwitzprallte zurück: er mochte Dynamit wittern, „'rr Lieu-tenant!" rief er endlich, „was soll das?"
„Herr Hauptmann, dies sind Knödel. Ich lerntediese Ernährnngsart auf meiner vorigjährigen Reise inSüddemschland kennen. Die Knödel schmecken ganz famos;besonders wenn sie mit Schinken oder frischer Leber durch-woben sind."
Stechwitz bot das Bild der Erdoberfläche vor einemschweren Gewitter. Schweigen — unheimliche Schwüle.Die Nasenflügel begannen zu vibriren wie elektrischeFunken. Die vergrößerten Augen rollten wie Donner.Die Brust wogte auf und nieder wie das stnrmgepeitschteMeer. Endlich brach eine Fluth von Schimpfworten
hervor-. „Den ehrenhaften Namen „Unterosficier"
sind Sie nicht mehr werth; Sie haben ihn beschimpft,entehrt. Flurspecht! Ich muß Ihnen die Borten vomWaffenrock reißen und verbrennen. Ich bin genöthigt,Sie in den Soldatenstand zweiter Klasse zu versetzen.
— Der preußische Soldat hat die erdenklichste Abhärtung