Ausgabe 
(28.8.1894) 70
Seite
537
 
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70 .

1894 .

Nugsburger Postzeitung".

Dinstag, den 28. August

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

Äm Lannr alter Schuld.

Roman von Gustav Höcker .

(Fortsetzung.)

Am Tage nach Edmund's Begräbniß schrieb Melaniezwei Briefe. Der eine war an ihren Nechtsanwalt inBerlin gerichtet, der andere an den Baron von Sturen,von dessen Anwesenheit in Monte-Carlo sie durch RöllingKenntniß besaß.

Verehrier Herr Baron I" lautete der letztere Brief,ich habe gestern hier meinen unglücklichen Bruder be-graben und bin nun seine Erbin. In dieser Eigen-schaft wünschte ich dringend mit Ihnen zu sprechen undwerde Sie heute Nachmittag erwarten, wenn Sie mirnicht Nachricht geben sollten, daß ein anderer Tag Ihnengenehmer sei.

Ihre dankbareMelanie Netlberg."

Rölling besorgte den Brief und brachte ein Billetdes Barons mit, worin dieser seinen Besuch ankündigte.Melanie empfing ihn im Garten der Villa, an dessenNordseite, versteckt hinter Oliven und Pinien, sich dieEisenbahn hinzog, wahrend im Süden das Terrain sichterassenförmig gegen eine Einbuchtung des Meeres herab-senkte. Melanie war verlegen und bewegt.

Es ist mir eine große Freude, Sie wiederzusehen",sagte der Baron, ihre dargebotene Hand erfassend,undso schmerzlich Sie auch der Verlust Ihres Bruders be-wegen mag, so wünsche ich Ihnen doch Glück zu demAlleinbesitze dessen, was Ihnen das Schicksal bescheert hat."

Beide nahmen auf zwei Gartenstühlen Platz inunmittelbarer Nähe eines Gebüsches von Orangenbäumen,durch welches das Meer hindurchschimmerte.

Hätte ich Stimme oder Wahl bei der Sache ge-habt," erwiderte Melanie ernst,so würde ich nie aufeinem solchen Wege zu Vermögen gelangt sein, zumalich fühle, daß mein Bruder und ich uns an unseremWohlthäter vergangen haben, dem dieses Vermögen ge-nommen wurde."

Sie hatten Beide einen wohlbegründetcn Rechts-anspruch auf das Gut."

Es handelt sich aber nicht um das Gut allein,"versetzte Melanie,man ist noch weiter gegangen,manfordert neuerdings die Erträgnisse des Villcnhofs fürdie Zeit, wo sich derselbe im Besitze Ihrer Familiebefand, von Ihnen zurück. Ich mußte mich dem Willen

der Vormundschaft fügen. Seit einigen Tagen aberbin ich großjährig geworden, und da auch mit dem Todemeines Bruders dessen Rechte auf mich übergegangensind, so habe ich meinem Rechtsanwalt in Berlin Auf-trag gegeben, die Klage sofort zurückzuziehen."

Aber" wollte Wolfgang einwenden.

Nein, kein Aberl" unterbrach sie ihn.Ihr Ge-rechtigkeitsgefühl sagt Ihnen, daß ich recht gehandelthabe. Und ich frage Sie, Herr Baron, habe ich nichtin vergangenen Tagen, deren ich stets mit Freude ge-denken werde, weil sie mich an Ihre Güte erinnernhabe ich damals nicht stets befolgt, was Sie mir sagten,sobald ich mich überzeugt hatte, daß es recht war!"

Allerdings," gab Wolfgang lächelnd zu.

Und nun, Herr Baron, frage ich Sie, was wür-den Sie thun, wenn Sie jetzt an meiner Stelle wären?Bitte, antworten Sie mir, wie Ihr Herz es Ihneneingiebt I"

Nun," bekannte Wolfgang nach einigem Zögern,ich würde wahrscheinlich genau so handeln wie Sie,und ich nehme das Dargebotene dankbar an. MachtIhnen Ihre großherzige Handlungsweise schon an sichFreude, so wird diese sicher noch erhöht werden, wennich Ihnen das Geständniß ablege, daß Sie mich dadurchgeradezu vor der Verarmung gerettet haben." >

Und dazu mußte ich mich mit hergeben!" riefMelanie^ in Thränen ausbrechend, ich, die ich Ihnenmehr als mein Leben verdanke!"

Wolfgang faßte ihre Hand und drückte sie an seineLippen.

Sie haben Alles wieder gut gemacht, und ichweiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Aber nunsagen Sie mir, wie geht es Ihnen und was ist Ihnenbegegnet, seit wir uns nicht gesehen hahen?"

Wenn irdische Glücksgüter wahrhaft glücklich machenkönnen, so bin ich es," antwortete Melanie unter einemtiefen Seufzer.Aber ich wage kaum, Sie zu fragen,wie Sie sich befinden, denn ich sehe, daß Sie kranksind, Herr Baron ."

Nennen Sie mich nicht so," bat Wolfgang.Nachallen den Ereignissen, die unser Schicksal verflochtenhaben, können wir uns nur als Geschwister betrachten,und wenn Sie mir gestatten wollen, Melanie, werde ichIhnen ein Bruder sein an Stelle dessen, den Sie ver-loren haben."

Sie sind mir schon ein besserer Bruder gewesen,"