Ausgabe 
(28.8.1894) 70
Seite
538
 
Einzelbild herunterladen

538

erwiderte Melanie.Aber Sie sagen mir nicht, ob siekrank sind, und doch fürchte ich dies, denn Sie habensich sehr verändert. O, gewiß haben mein Bruder undich dies verschuldet, Wolfgang!" Sie sprach seinen Na-men zögernd und leise aus und das Blut stieg ihr in'sGesicht, als ob sie ihm gesagt hätte, daß sie ihn liebe.

Nein, Melanie, der Gedanke an mein Vermögenhat mir keinen Kummer verursacht; etwas anderes ist es,das mich elend gemacht hat." Er brach ab und fragtedann:Ist es Ihnen bekannt, daß Felicitas in derNähe weilt?"

Melanie verstandihn.Ja, ich weiß,"nickte sie sinnend,siehat mir von Nizza geschrieben. Ich werdesie besuchen und hoffesie zu bewegen, mirdie Gründe mitzu-theilen, welche..."

Ich kenne dieGründe bereits undsie sind derart, daßich meine letzte Hoff-nung vernichtet sehe.

Auf meiner Verbin-dung mit Felicitaswürde der Fluch ihrerMutter ruhen, anderen Lebensglückmein Vater in seinenjüngeren Jahren sichvergangen hat, ohnedieses Vergehen amTraualtäre zu süh-nen."

Melanie sank inden Stuhl zurück undblickte den Baron starran.Das ist dasHinderniß? O, meinGott!" rief sie mit

einer verklärtenMiene, als ringe sicheine schwere Last vonihrem Herzen los,

wenn Sie wüßten,

Wolfgang, welchedrückende Bürde Siemir durch Ihre Mit-theilung vomGewissennehmen! Ich habe michmit einem Geheimniß getragen, welches ich nicht verschweigendarf, dessen Enthüllung mir aber gleichwohl als eineGrausamkeit gegen Felicitas erschien, denn es beraubtsie nicht nur des Anrechts auf das Erbe ihres Vaters,sondern auch auf ihr eigenes Vermögen, welches an ihreTante zurückfallen muß. Felicitas ist nicht das Kindderjenigen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat.Der Fluch einer Frau, die nicht ihre Mutter ist, kannihrem Lebensglücke unmöglich im Wege stehen."

Noch sprechen Sie in Räthseln, Melanie. LösenSie die bangen Zweifel, die noch immer der Hoffnungden Zugang zu meinem Herzen verwehren!" bat Wolf-

gang, die gefalteten Hände beschwörend gegen Melanieausstreckend.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist," ant-wortete Melanie,daß das Vermögen, welches FrauTeßner von ihrem Großvater zu hoffen hatte, an Felici-tas' Tante übergegangen wäre, wenn Frau Teßner'sEhe kinderlos blieb. Die Härte eines Großvaters, dieeigene Enkelin zu Gunsten einer entfernteren Verwandtenunter gewissen Umständen zu enterben, mag ihren Grundin der rigorosen Beurtheilung jenes Fehltritts gehabthaben, den Sie vorhin andeuteten. Frau Teßner schenkte

ihremGatten einTöch-terchen, das aber baldnach seiner Geburtstarb. Um jene Zeites war währenddes Krieges 1870befand sich unter denVerwundeten, welcheim Villenhofe ver-pflegt wurden, einfranzösischer Kapitän,Namens Bourdin. Erstarb in den Armenseiner jungen Gattin,die ausFrankreich her-beigeeilt war, und dieunglückliche Wittweerlag den Anstreng-ungen der Reise unddem Kummer, nach-dem sie einem Mäd-chen das Leben ge-geben hatte. Teßnerhörte von dem trau-rigen Ereignisse; erwandte sich an FrauNölling, welche dieKapitänswittwe undderen Kind imBirken-häuschen pflegie, undbestach sie durch eineverlockende SummeGeldes, ihm daslebende Kind derFranzösin zu bringen,und dafür das eigenetodte an die Seite derverblichenen Mutterzu legen. Durch diesenBetrug sicherte Teßnersich und seiner Fraudas bedeutende Vermögen. Frau Teßner hat den Todihres Kindes und dessen Vertauschung mit einem frem-den nie erfahren und deshalb Felicitas für ihre wirk-liche Tochter gehalten."

Wolsgang war eine Zeitlang sprachlos und glicheinem Marmorbilde. Endlich brachte er stammelnd her-vor:So wäre Felicitas"

Die Tochter des Kapitäns Alphonso Bourdin unddessen Gemahlin Irma," vollendete Melanie.Beideruhen neben den anderen Opfern des Krieges auf demDorfkirchhose."

Kart Fürst zu Löwcnstcr».