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„Und wie sind Sie mit diesen überraschenden Um-ständen bekannt geworden?" fragte Wolfgang.
„Vor einem Monate ist Frau Rölling gestorben,"antwortete Melanie. „Auf dem Todtenbette hat sie demPfarrer in meiner Gegenwart das Geheimniß gebeichtet.Aus dem kleinen Nachlaß des französischen Ehepaaresnahm sie ein Medaillon mit Frau Bourdin's photogra-phischem Brustbilde au sich, um ein Andenken an dieVerstorbene zu besitzen. Ich will es Ihnen zeigen."
Sie erhob sich und eilte nach der .Villa.
Der Baron sprang don seinem Stuhle empor undging mit großen Schritten auf und ab. Er hätte sichFlügel gewünscht, um zu Felicitas eilen zu können.Plötzlich blieb er stehen. Er hatte das Gebüsch vonOrangenbäumen vor sich, hinter welchem der Gartenterrassenförmig gegen das Meer abfiel. Zwischen denBüschen war deutlich der Schattenriß einer männlichenGestalt sichtbar. Als Wolfgang seine Aufmerksamkeitdarauf richtete, entfernte sich der Schatten und tauchteallmählich in der tieferen Partie des Gartens unter, woer verschwand.
In diesem Augenblicke kehrte Melanie zurück. Siebrachte das Medaillon mit und legte es in WolfgangsHand. In den Anblick der Züge versunken, die Felici-tas' Mutter angehörten, vergaß er den Vorgang, derihn eben beschäftigt hatte. Die Aehnlichkeit mit Felici-tas war frappant. Innig drückte er das Medaillon anseine Lippen. Dann sank er überwältigt vor Melanie aufdie Kniee, ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.
„O, Melanie!" rief er, „wie reich, wie unendlichreich haben Sie mich heute gemacht! Sie haben michvor der Armuth gerettet und nun haben Sie mir auchdie Geliebte zurückgegeben. Sie sind der gute Engelmeines Lebens und ich stehe beschämt vor Ihnen mitleeren Händen, denn Engeln hat der Sterbliche nichtszu bieten!"
Melanie zog ihn sanft empor. Zu sprechen ver-mochte sie nicht. In ihren schönen Augen schimmertenThränen edler Rührung.
Wolfgang wollte mit dem nächsten Zuge zu Felici-tas eilen. Melanie bat ihn jedoch, alles ihr zu über-lassen. Sie versprach, morgen früh selbst nach Nizza zu fahren und ihm sofort nach ihrer Rückkunft Nachrichtzu senden.
Tiefbewegt schieden beide für heute.
Als Rölling hinter dem Baron eben die Garten-pforte zuschloß, fiel diesem die Schattengestalt wiederein, die er hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte.Er fragte Rölling, ob dieser vielleicht selbst im Gartengewesen sei.
„Nein," war die Antwort, „ich bin bis jetzt inder Villa beim Einpacken beschäftigt gewesen und ausdieser nicht herausgekommen."
Wie könnte ein Unberufener in jenen Theil desGartens gelangt sein?" forschte der Baron weiter.
Von der Bucht aus."
„In welcher Absicht könnte sich aber jemand hiereinschleichen?"
„Es wäre gut, Herr Baron," versetzte Rölling,während eine dunkle Zornesröthe in sein Gesicht stieg,„wenn Sie Ihren Freund warnten, ehe ich meine Handan seine Kehle lege."
„Meinen Freund?" rief der Baron betroffen.„Meinen Sie damit Herrn Maitland?"
„Ja, den meine ich. Seitdem das Fräulein hierist, weicht er ihr nicht von der Ferse, trotzdem sie seinenBesuch durch mich entschieden hat zurückweisen lassen.Er soll sich in Acht nehmen, daß ich ihm seine Schur-kerei nicht heimzahle!"
Auf Drängen des Barons erzählte Rölling, wiehinterlistig Maitland Rettberg's Auswanderung nachAmerika hintertrieben hatte, um den Burschen in derHand zu haben und sich dessen Schwester durch Droh-ungen gefügig zu machen, und wie er sich in Nölltng'sGefängniß Zutritt verschafft hatte, um zu versuchen, vondiesem jene Papiere zurückzuerlangen, durch deren Ver-lust ihm die Macht über Melanie's Geschick entwundenworden war.
Wolfgang erschrak vor dem tiefen Blicke, denNölling's schlichte Vorführung jener Thatsachen ihn inden Charakter Maitland's thun ließ. Als er nach Hausekam, suchte er ihn sogleich auf.
(Schluß folgt.)
-SSWLS-
Goldkörner.
Wer etwas Treffliches leisten will,
Hätt' gern was Großes geboren,
Der samm'le still und unerschlafftIm kleinsten Punkte die höchste Kraft.
Zähne, Wangenroth und Haare,
Alles leider falsche Waare;
Echt sind Herz und Zunge nur,
Weil sie falsch sind von Statur. M. Kalbeck.
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Russisches Studentenleben.
Ueber die Zustände an den russischen Hochschulenist man in Deutschland meist schlecht oder mindestenssehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt dieserhalb denakademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringesInteresse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsichtbildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung auseiner echt deutschen Lehranstalt in ein russisch - slavischesInstitut in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit undvielfach mit einer gewissermaßen wehmüthigen Theilnahmeverfolgt wird. Dabei darf nicht vergessen werden, daßdas deutsche Element in den russischen Ostsee -Provinzennur etwa zwölf Procent der Gesammtbevölkerung derbaltischen Gouvernements ausmacht. Allerdings mußdieses Zehntel zum weitaus überwiegenden Theile in denintelligenten und besitzenden Klassen gesucht werden.
Immerhin bietet das Leben und Treiben an denrussischen Hochschulen, gerade weil es von unserm akade-mischen Leben vielfach ganz verschieden ist, des Interessantengenug dar. Zuvörderst sei bemerkt, daß keine der neunrussischen Hochschulen auf ein hohes Alter zurückblickenkann. Die älteste ist die Moskauer Universität, welcheim Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna(1741 bis 1762) begründet wurde; die jüngste die Uni-versität in Tomsk in Sibirien , welche erst seit fünf Jahrenbesteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesemJahrhundert in's Leben gerufen. Die Einteilung indrei oder vier Facultäten (Jura, Medicin , Philosophiebzw. Theologie) ist in Rußland unbekannt. Eine philo-sophische Facultät gibt es nicht, dafür eine juristische,medicinische, philologische, mathematische, naturwissen-schaftliche und theologische Facultät. Meist sind aber