Ausgabe 
(4.9.1894) 72
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i reich begüterten Onkel in England mit ihrem VerlobtenMein Vater ist die personificirte Pünktlichkeit, wieder hergestellt sei.

Gürtel ziehend,wir haben heute viel zu lange gepluu- >dert.

und das Abendessen muß um sieben Uhr auf dem Tischesteh.n. Ich fürchte, schon zu spät zu kommen; schnell,laß uns eilen!"

Herr Burgfeld verließ mit ihr das Lokal, warteteeinige Minuten, bis der rechte Omnibus vor der Thürhielt, nahm ihr das Versprechen ab, sich am nächstenMittwoch zur selben Stunde hier wieder einzusinken, umendgültig die geplante Reisenach England mit ihr zuüberlegen.

Es war ein Glück, daßheute der sonst so pünkt-liche Arzt wohl zwanzigMinuten länger bei seinenPatienten aufgehalten wur-de und ausnahmsweise dasSpeisezimmer später wiegewöhnlich betrat.Auch warer so sehr mit seinen eige-nen Gedanken beschäftigt,daß er gar nicht bemerkte,wie sein jüngstes Tochter-lein Martha, sein Liebling,erst nach ihm und zwarvom schnellen Gehen starkerhitzt und fast athemlosdas Zimmer betrat. Auchdie Mutter und die zweiteTochter Hedwig bemerktennicht die Erregung desjüngsten Familiengliedes,wohl aber Marie, die äl-teste Tochter. Sie hatteschon vor geraumer ZeitMartha'sZimmerbetreten,es leer gefunden, und jetztwollte sie mit ihren finsteren,durchbohrenden Blicken je-des Geheimniß ihrerSchwester erforschen; dochsie hütete sich wohl, offenvon ihren Beobachtungenzu sprechen.

Als das Mahl beendetwar, eilte Martha schnellin ihr kleines behaglichesZimmer. Sie mußte alleinsein, denn die Gedankenjagten sich in ihrem Hirn,und gewaltsammußtesiesichzur Ruhe zwingen. Ach!könnte doch ihr Franz dieStellung in der Welt einnehmen, die ihm zukam I Freilichhielten ihn der Vater und der Oheim viel zu stolz undaristokratisch, um eine untergeordnete Stellung als Or-ganist einzunehmen, und waren daher herzlich froh, einenbescheidenen, anspruchslosen Nachfolger gefunden zu ha-ben, der besser für die Stellung zu passen schien. KeinGedanke des Neides stieg in ihrem Herzen gegen denneuen Organisten auf, wiewohl sie sich gefreut hätte,wenn der Wechsel noch nicht so bald stattgefunden, wenig-stens nicht eher, bis das frühere Verhältniß zu dem

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Der Martinsthurm zu Kandshut.

Aber es war für den jungen Neffen unendlichschwer, Zutritt zu dem alten Herrn zu erlangen, derbeständig von seiner mißtrauischen Gattin bewacht wurde. Vor kaum zwei Jahren hatte die stolze Kokette ineinem Badeorte den alten Lord Merlie kennen gelernt.Sie hatte schon früher von seinem Reichthum, von sei-nem prächtigen Schlosse und von seinen großartigen Be-sitzungen gehört, und ihrerBeredsamkeit war es einLeichtes gewesen, den mü-den, altersschwachen Greiszu überreden, ihr seinenTitel und Namen anzu-bieten. Die Hochzeit wurdein aller Stille gefeiert, so-gar Franz Merlie, der ein-zige Neffe und Erbe desalten Herrn, der sich geradedamals einer größeren Ge-sellschaft Naturforscher an-geschlossen hatte und sichseit längerer Zeit im Orientaufhielt, hatte keineAhnungvon dem Wechsel im Lebendes alten Herrn, der fürihn schlimme Folgen habensollte.

Kaum im alten Ahnen-schlosse angelangt, wußtedie ränkesüchtige Gattin denlebensmüden Greis zu be-wegen, das Testament zuGunsten des hoffnungs-vollen, jungen Neffen zuvernichten. Das reiche Erbesollte ihr und ihrer Familiezufallen, und auch dieserPlan gelang nach Wunschund leider allzu leicht.

Als nun der ahnungs-losejungeMann vorJahres-frist das Haus seines On-kels betrat, das er vonKindheit an als sein Vater-haus betrachtet hatte, daseine Eltern ihm durch denunerbittlichenTod früh ent-rissen worden waren, hörteer zu seinem Entsetzen dieunglaubliche Veränderung.Die jungeSchloßherrin ließihm durch ihre Diener denBefehl geben, nie mehr eine Schwelle zu übertreten, aufdie er nicht das geringste Anrecht habe, da es ihm nie-mals gelingen werde, den Onkel zu sehen oder zu sprechen.

Franz stand da wie vernichtet. Er wollte anfäng-lich eine Erklärung verlangen, doch sein Stolz bäumtesich gegen die unerwartete und verletzende Behandlung.Dröhnend warf er die schwere, eichene Thüre ins Schloß,daß die Fenster in den Gemächern klirrten, und hocherhobenen Hauptes kehrte er dem Schauplatz seiner glück-lichen Kindheit und seiner Jugendträume den Rücken.