Ausgabe 
(4.9.1894) 72
Seite
558
 
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Er hatte eine vorzügliche Ausbildung genossen, sich abernicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet, da er alsErbe seines Onkels später die umfangreichen Güter zuverwalten gedachte. Sein Vetter Edmund Normannhatte ein kleines Gut in der Nähe, er bot dem Heimath-losen gastfrei ein Obdach an und überredete ihn, mitdem Onkel in Briefwechsel zu treten. Denselben wohl-gemeinten Rath gab ihm eine befreundete Familie, DoctorFeller; dieselbe hatte schon im freundschaftlichen Verkehrmit seinen Eltern gestanden, und wie er später inDeutschland zu seiner Freude vernahm, war Frau Fellerdie Schwester der beiden Brüder Härtung, also die Tanteseiner geliebten Martha. Er befolgte den guten Rath.Vergebens, alle Briefe kamen uneröffnet zurück. Dafand der enttäuschte junge Mann keine Ruhe mehr inder alten Heimath; er reiste nach Deutschland , demVaterland seiner früh verstorbenen Mutter, und unterihrem Namen nahm er die bescheidene Stelle eines Or-ganisten an der Paulus-Kirche an, die gerade vakantwar. Zwar wußte er, daß er kaum den Anforder-ungen genügen würde, aber es handelte sich um dieErringung einer gesicherten Existenz, und er durfte imKampf um's Dasein nicht unterliegen. (Forts, f.)

Das Schühenliesl.

Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen.

(Schluß.)

Der Mann, der ihnen gegenüberstand, hatte einenStelzfuß, einige blankgeputzte Medaillen auf dem schäbi-gen Rocke und trug einen an einem Riemen um den Halshängenden alten Leierkasten.

Ah, Du bist's, Hirselpacherl Wo kommst denn her?Hast Dich ja schon lang' nit bet uns sehen lassen."

Bin halt a bisse! länger 'blieben im Passey'rthal,als fünften. Wenn's Dir recht is, Schützenliesel, setztEuch hier auf den Felsvorsprung i will Euch wasspielen und singen."

Mir is scho recht," antwortete das Liesel, setztesich und wies auch dem Grafen einen Platz an. Der alteBettelmusikant machte seinen Kasten zurecht drehte imlangsamen Tempo, und mit ziemlich wohlklingenderStimme sang er dazu:

Zu Mantua in Banden

Der treue Hofer war,

In Mantua zum Tode

Führt' ihn der Feinde Schaar.

Es blutete der Brüder Herz,

Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz,

Mit ihm das Land Tirol rc.

Das Schützenliesel wurde während dieses Gesangesimmer unruhiger, ihre Brust hob und senkte sich stür-misch das enge Mieder drohte zu zerspringen.

Es ist gnua, Hirselpacher; hör' auf zu singen undzu spielen geh' wieder Deiner Wege und wennst heutabends nach der Gogelwirthschaft kommst, sollst an TopfMilch und a groß Stück Brod dazu haben."

Der Graf aber warf ihm in den schon bereitgehal-tenen Hut einen Silbergulden, daß der Alte darüberschier das bißchen Vernunft verlor:

Wons? Is das Dein Ernst? Dös is ja a rich-tiger kaiserlicher Silbergulden! Na, so a Glück! Gnä-digster Herr, laß mich Deine Hand küssen. O du liabsHerrgöttel, a ganzer neuer Silbergulden. Ah, da willi aber auch zwanzig Rosenkränz' Herunterbeten, damitDir der Herrgott viel Glück und a Weiberl schenkt, so

schön, so liab und guat, wie das Diaxndel, das da nebenDir sitzt, und auch so brav, wie's Schützenliesel!"

Troll' Dich weg, alte Plaudertaschen; i will nixmehr hören von Dein' G'wäschl" entgegnete, bis überdie Ohren roth geworden, das Liesel.

Der alte Leiermann erging sich noch in Tausendenvon Segenswünschen und humpelte vergnügt weiter.

Das Schützenliesel sah ihrem Begleiter so recht for-schend in's Auge, und dann hob sie in weichem, ge-fühlvollem Tone an:

Hast mich denn wirklich so gern? So recht vomHerzen liab?"

Ueber alles hab' ich Dich lieb, Du trautes Engels-kind."

Na, dann bitt' i Dich geh' weg von uns, nochheut', und komm' nit wieder. Denn schau, es kannja nix daraus werden zwischen uns. Als der alte Wer-kelmann da früher g'sungen hat das schöne Liad vomAndreas Hofer , da is mir's plötzli wie Schuppen vonden Augen g'fallen, daß i nimmer und nimmer DeinWeiberl wer'n könnt'. Denn schau, der Hofer Andrä,das is der Stolz vom Tiroler, und nach den Heiligenda kommt gleich der Hofer. Und in der Schul' wird'suns Kindern schon eing'lernt, was er alles Gut's thanhat für's Tirolerland wie er dann verrathen wordenis, wie ihn dann die Franzosen hing'schleppt hab'n nachder Festung Mantua und wie's ihn dann am 20. Fe-bruar 1810 grausam erschossen hab'n, die Franzosen .Warum? Bloß darum, weil er sein liab's Vaterland,sein liab's Tirol von fremder Herrschaft befreien wollt'."

Und für das, was meine Nation vor beinahe sech-zig Jahren gegen Euch gesündigt hat in Kriegszeiten,dafür soll ich, der Einzelne, büßen? Nein, mein Schützen-liesel, das kann Dein Ernst nicht sein," erwiderte derGraf.

Ja, 's is mein rechter Ernst," antwortete sie,daßi Dir nimmer ang'hören kann, weilst halt a Franzosbist. Schau, wär's Dir denn recht, wenn die Leut' dannspäter mit den Fingern auf uns zeigen thäten und sagen:Seht's dorthin, dorthin, dort geht das frühere Schützen-liesel, die usis abtrünnig geworden is; sie hat einen vondenen g'heirath', die unsern Hofer in Mantua ums Leben'bracht hab'n, an Franzosen."

Sie sollen das nicht sagen, Du theures Herzens-mädchen. Dir zulieb' ist mir kein Opfer zu groß. Giebmir Dein Jawort, und ich, der ich weder Vater mehr,noch Mutier besitze, nur entferntere Verwandte, also anniemand gebunden bin und frei schalten und walten kannüber ein großes, von keiner Seite antastbares Vermögen,ich komme her zu Euch, in Eure wunderschönen Berge,verschaffe mir das Nationalitätsrecht und bleibe mit Dirbis an unser seliges Ende. Denn höre mich an, Du, meinKleinod, ich kann nicht leben ohne Dich; in Dir wohntmeine ganze Glückseligkeit, mein Hoffen, mein Sehnen,mein Denken, mein Fühlen!"

Sie reichte ihm die beiden Hände.

Ja, ja, i glaub', Du meinst es halt doch rechtehrlich und nit wie a Diplomat; und so will i gernDein g'hören für's ganze Leben, wenn der Vater nixdagegen hat. Er is ja so herzensguat, mein Vater, wenner auch so brummbärig aussieht. Vom Fensterln*), wie'sim Tirolerlande Mode is, do is er ka Freund wennaber einer amal kommt, a braver Mensch, und er fragt:

*) Des Nachts auf der Leiter zum Fenster des Liebchens klettern-