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ein jovialer, allbeliebter Prinz, that ein übriges, indemer sogar einige Schritte nach vorwärts machte und so-wohl dem Herrn, wie auch der Dame die Hand reichte.
„Also, natürlich auch erschienen?" sagte der Erz-herzog lächelnd, „allerdings etwas spät."
„Ja, kaiserliche Hoheit," sagte die hübsche, imponirendschöne und stattliche Dame, „es muß halt alles seineRangordnung haben."
„Wie soll ich das verstehen, Gräfin?" fragte derErzherzog erstaunt. „Ja wissen's denn nit, KaiserlicheHoheit, daß mich die guten Brixner beim letzten Schießenzur Schützenkönigin gemacht hab'n? Na, und so mein'i halt, daß es ganz in der Ordnung is, wenn diePrinzen und Prinzessinnen*) früher am Platz sind alsdie Königin."
„Ah, allerdings, allerdings," sagte der Erzherzoglächelnd, „ich gratulire noch nachträglich zu der Rang-erhöhung."
„Sie bleibt doch immer dieselbe," flüsterte mir meinVetter zu.
„Wer ist dieses reizende Naturkind?" fragte ich ihn.
„O, Pardon, Du kennst sie nicht? Nun, es istunsere famose Schützengräfin, die Gräfin St. Fallier aufTschurtschenthal, das frühere sogenannte Schützenliesel.Wenn es Dir Spaß macht und sich die allgemeine Ad-miration gelegt haben wird, will ich Gelegenheit nehmen,Dich ihr vorzustellen. Aber auf eins mache ich Dichaufmerksam; willst Du sie in eine längere Unterhaltungverwickeln, so rede um Gotteswillen nur nicht allzu hoch-deutsch mit ihr."
„Ich will mir's merken."
„Die Gräfin," so fuhr er fort, indeß ich die herr-liche Erscheinung nicht genug bewundern konnte, „ist derAbgott aller Gebirgsleute; sie ist unermüdlich im Wohl-thun und opfert Unsummen zu wohlthätigen Zwecken.Das Schloß Tschurtschenthal bei Strulbach ist ein Meister-werk der Architektur, und die Schätze, die es birgt, er-innern an die Märchen aus „Tausend und eine Nacht"."
„Der Herr, welcher neben ihr steht, ist ihr Gatte?"
„Ja, der Graf St. Fallier, ein geborener Franzose,aber mit Leib und Seele naturalisirter Tiroler. Wennich nicht irre, gehört er sogar dem österreichischen Reichs-rath an. Doch es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen,wollte ich Dir die gar wundersame Geschichte vom Schützen-liesel hier erzählen. Ein andermal."
Die Gelegenheit, der Gräfin St. Fallier vorgestelltzu werden, ergab sich recht bald, und da ich durch einenwohlgeglückten Schuß mich bei ihr in hohen Respekt zusetzen verstanden hatte, so folgte denn auch am kommen-den Tage eine liebenswürdige Einladung nach dem Feen-schloß Tschurtschenthal, welcher ich mit ganz besonderemVergnügen entsprach.
In möglichst diskreter Weise lenkte ich gelegentlicheines zweiten Besuches das Gespräch auf den Sturzvogel,den ich demnächst zu einer Fußtour ausersehen hatte,und da hatte ich denn auch die Stelle getroffen, nachwelcher ich zielte.
„Ja," sagte sie, „wenn Sie halt nur nit a Schrift-steller wären, so würd' ich Ihnen die ganze G'schichterzählen, auf welche Art und Weis' ich die Gräfin St.Fallier 'worden bin; aber die Schriftsteller, die plaudern
*) Die Gemahlin des Erzherzogs war früher die Schau-spielerin Hofmann vom Grazer LandeStheaier und ist demse benmorganatisch angetraut.
halt alles größtentheils aus, was sie hören, und nochdazu gedruckt, schwarz auf weiß."
„Frau Gräfin, ohne Ihre Genehmigung — werdeich es nicht wagen — —"
„Na also, wenn Sie's interessirt, so horchen's haltzu. Nikola, Du hast doch nix dagegen?" wendete siesich an ihren Gatten.
„Nein, meine Theuere," sagte der Graf, „ich selbsthöre gar zu gern aus Deinem Munde mein Lebensglückerzählen."
Und nachdem sie uns noch die köstlichen silbernenPokale mit noch köstlicherem Rebensaft gefüllt hatte, er-zählte sie mit unendlich melodischer Stimme ihre Geschichte— die Geschichte vom „Schützenliesel"!
* H
*
Nachträglich hat mir die Heldin der Geschichte denndoch die Erlaubniß ertheilt, die Erzählung in Kürze zuveröffentlichen, „aber," sagte sie, „um Gott 'swilleu nichtdie richtigen Familiennamen nennen — 's sti nit wegenmir, — sondern wegen meinem lieben Mann." Undihrem Wunsche bin ich auch nachgekommen.
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Zu unseren Bildern.
Als Bischof von Fulda wurde am 27. April der bisherigeBisthumsverweser vr. Georg Jgnatius Komp gewählt. Er istder Nachfolger des in der Nacht vom 11. auf 12. Januarl. Is. verstorbenen Bischofes Joseph Weyland. vr. Komp istgeboren am 5. Juni 1828 zu Hammelburg in Bayern . VieleJahre hindurch war er Regens des Priesterseminars, an dessenphilosophisch-theologische Lehranstalt er als Professor der Pa-storal-Liturgik, Pädagogik und Katechetik wirkte. Nach demTode des Bischofs Joseph wurde er zum Bisthumsverwesergewählt. Der überaus würdige und liebenswürdige Priesterhat an dem öffentlichen Leben im katholischen Deutschland seitlanger Zeit einen hervorragenden Antheil genommen. Insbe-sondere war er ein eifriger Förderer und häufiger Besucherder Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands undbetheiligte sich lebhaft an den Bestrebungen der Görresgesell-schaft, deren Vorstand er angehört. —
Kandshul
Zu den Sehenswürdigkeiten der Hautpstadt Niederbayerns ,der so malerisch an der Jsar gelegenen Stadt Landshut , zähltin erster Linie die herrliche Martinskirche. Dieselbe wurde un-ter Herzog Friedrich in den Jahren 1407—1177 erbaut. DieHöhe des Thurmes der St. Martinskirche beträgt 133 Meter.Sodann ist tu erwähnen, das die Stadt überragende, zum Theilrestaurirte Schloß Trausnitz mit allegorischen Fresken aus dem16. und 17. Jahrhundert. Die Burg wurde erbaut von Her-zog Ludwig I., dem Sohne Otto's von Wittelsbach. Fremdemögen nicht versäumen, sich auch den Löwemwinger unter demSöller der Trausnitz zu besehen. Die Stadt zählt 11 Kirchen.An sehenswerthen Gebäuden sei noch erwähnt, das kgl. Rest-denzschloß, Neubau, das Regierungsgebände, (vormaliges Do-minikanerkloster) das alte Landschaftshaus u. s. w.
Klurz des Erzherzogs Wilhelm.
Als am 29. Juli Erherzog Wilhelm von Oesterreich beimMorgenritte einen zur Abfahrt bereiten elektrischen Zug vorsich sah, befahl er kräftig zu läuten. Der Maschinist lhat, wieihm geheißen. Das Pferd blieb ruhig. Eben wollte der Erz-berzog das Experiment zum zweiten Male wiederholen, als dasPferd sich bäumte. Da ergriff er mit der rechten Hand dieMähne und versucbte, mit der Linken die Zügel kurz fassend,abzusteigen. Ein jäber Ruck, und der Erzherzog stürzte rück-lings zu Boden, wobei der linke Fuß sich im Bügel verfing.Das Haupt schlug auf den Boden, der gerade an dieser Stellemit spitzen Schottersteinen bedeckt ist. Das scheue Pferd schleifteden Erzherzog in dieser fürchterlichen Lage etwa zehn Schrittequer über das Geleise. Hier löste sich endlich der Fuß ausdem Bügel, und in rasendem Laufe stürmte das Pprd vorwärts,während er schwer verwundet auf der Straße liegen blieb.Nach seiner Villa transportirt, verschied er nachmittags zwi-schen 5 und 6 Uhr.
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