HL73.
Ireitaz, den 7. September
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).
Der Organist.
Novelle von C. Borges.
(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Wenn jemals ein Haus oder eine Gegend ausIronie oder Unrecht seinen Namen erhielt, so war esdie Rosenvilla. So weit das Auge schaute, dehnte sichan der einen Seite die staubige Landstraße aus, wäh-rend an der andern ein vernachlässigter Wald, in demDisteln und Doruengestrüpp wucherten, sich weithin er-streckte. Eine zerbröckelte Mauer umgab die elendeHütte. Ein kleiner, verwilderter Garten lag zwar vorderselben, aber das Grundstück befand sich in einem soschlechten Zustand, daß es fast eine Unmöglichkeit war,es urbar zu machen. Das zerbrochene, verrostete eiserneGitterthor war dem Umstürze nahe und ohne Gefahrkonnte man es kaum öffnen oder schließen. Das Wohn-haus selbst war so baufällig, daß weder die Treppe nochdie obern Räumlichkeiten benutzt werden konnten.
Was aber Menschcnkunst und eine liebende Handvermocht hatten, den untern Räumen eine gewisse Be-haglichkeit zu verleihen, war hinreichend geschehen.
Zahlreiche Bilder, größtentheils Skizzen der eigenenHand, bedeckten die schadhaften Stellen der zerfetztenTapete. Die vielen Kleinigkeiten, wie sie nur das neun-zehnte Jahrhundert in bunter Mosaik zusammenwürfelt,standen auf dem Schreibtische umher und verliehen demärmlichen Gemach ein ansehnliches und behaglichesAussehen.
Auf einem niederen Ruhebette lag eine junge Damein warme Decken gehüllt. Sie hatte die müden Augenhalb geschlossen, und ein krankhaft leidendex Zug lagerteauf ihrem bleichen, schönen Antlitz. Sie mochte hochin den Zwanzigern sein, wiewohl eine längere Krankheitsie älter erscheinen ließ, wie sie in Wirklichkeit war.
Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren undschmerzdurchfurchtcm Antlitz bewegte sich geräuschlos durchdas kleine Gemach. Vorsichtig mit den Händen tastend,prüfte sie den kleinen runden Tisch, auf dem das Abend-brod servirt stand. Man merkte es den Bewegungender Dame an, daß sie vollständig blind war, aber dennochwar ihr Schritt sicher und elastisch und ihre Bewegungennicht ungeschickt. Ab und zu richtete die Kranke vonihrem Lager aus einen besorgten Blick auf die Mutter,gleichsam um sich zu vergewissern, daß derselben kein
Unfall drohe, und dann schloß sie mit einem Seufzerwieder die müden Augen.
„Wie spät Helene heute wieder kommt!" bemerktebesorgt die blinde Mutter und ließ noch einmal ihreFinger behutsam über den Tisch gleiten, um sich zuüberzeugen, daß nichts zum Abendbrod fehle.
„Du weißt, Mutter, sie wollte heute noch zu demKaufmann Grüner gehen, dessen Töchter Musikunterrichthaben sollten, und dort ist sie vielleicht etwas längeraufgehalten worden."
„Ganz recht, Jda, ich bin auch gewiß zu ängstlichund fürchte immer ein neues Unglück, obgleich ich keinenGrund dazu habe. Aber meine Nerven sind überreizt,daher diese Unruhe. Wir müssen doch froh und dank-bar sein, so bald diese reizende Villa bekommen zu haben,der junge Agent Schellenberg hat viel für uns gethan,uns dieses Logis für eine so geringe Rente zu über-lassen."
„Da kommt Helene! ich höre ihren Schritt," riefdie Kranke freudig aus, denn es war ihr peinlich, dieMutter in dieser Täuschung über die traurige Wohn-ung zu bestärken, und doch war sie mit der Schwesterübereingekommen, ihr den wahren Zustand und die trost-lose Lage des Hauses zu verbergen.
Die Blinde tastete vorsichtig nach der Thür, undbald betrat die junge Dame, die das Herz des jungenAgenten gefangen, das trauliche Gemach.
„Nun, liebe Mutter," rief Helene fröhlich, diebleiche Stirn der alten Dame küssend, „Du hast gewißgedacht, ich käme heute gar nicht wieder, so spät ist esmir geworden. Und wie ist's heute mit Dir, liebeJda?" mit diesen Worten eilte sie an das Lager derSchwester und drückte einen Kuß auf die schmalen,blassen Lippen. „Ah! das Abendbrod ist schon fertig,wie ich sehe! das ist herrlich, denn an gutem Appetitfehlt es mir nie."
„Nun, der Thee ist noch nicht fertig," warf die be-sorgte Mutter ein, „aber das Wasser kocht, nur wagte ichnicht ihn zu bereiten."
„Das soll auch niemals geschehen, so lange ich hierbei Euch bin," versetzte Helene heiter, dann band sieeine große Schürze um, eilte in die kleine Küche, umbald darauf mit dem duftenden Getränk zurückzukehren.Zuerst sorgte sie mit liebevoller Zärtlichkeit für die Be-dürfnisse der Mutter, dann bediente sie die krankeSchwester, und als ihre Lieben sich erquickten» nickte sie