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ihnen freundlich zu und dachte schließlich auch daran,ihren eigenen Hunger zu stillen.
„So," begann sie, als das einfache Mahl beendetwar, „nun will ich Euch von meinen heutigen Erleb-nissen bei der hochmüthigen, stolzen Frau Grüner er-zählen. Ihr Reichthum hat mich jedenfalls blendensollen, jedoch, der imponirt mir nicht, denn sie führtemich durch eine ganze Reihe Prunkgemächer mit spiegel-glattem Parquetboden, die mit kostbaren Vasen, Gold-consolen und hohen Wandspiegeln verschwenderisch genugausgestattet waren. Sie hat zwei kleine Töchter von6 — 8 Jahren. Beide sollen Klavierunterricht habenund jede zwei Stunden wöchentlich. Weil die Kinderaber nur Anfänger sind, zahlt sie eine Mark pro Stunde."
„Du hast doch hoffentlich das Anerbieten nichtangenommen?" wandte die Schwester erregt ein.
„Gewiß habe ich das! wie könnte ich auch derVersuchung widerstehen, vier Mark wöchentlich mehr zuverdienen!" scherzte Helene belustigt. „Natürlich, der„Herr Organist" kann größere Ansprüche machen undwürde diesen Bettel nicht angenommen haben. Aberer hat ja jeden Tag schon so viele Schüler und Schü-lerinnen zu unterrichten, bekommt für jede Stunde vierMark und mit dieser Einnahme können wir doch zufrie-den sein."
Thränen traten in die erloschenen Augen der Blin-den , und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust.„Helene," flüsterte sie bebend, „scherze doch nicht indieser Weise. Du weißt, daß die Erinnerung an unserenVerlust mir das Herz abdrückt, und bedenke, wie schwerich dabei gelitten habe!"
Das junge Mädchen legte zärtlich ihren Arm umden Hals der geliebten Mutter. „Du weißt, daß ichDir gern jeden Kummer erspare, aber eS muß Dir undJda doch eine Beruhigung sein, wenn ihr ganz genauwißt, wie es mit unseren finanziellen Verhältnissen steht.Ihr wißt, daß der „Organist" ein ansehnliches Gehaltvon der Kirche bezieht, außerdem hat ihm der Negier-ungsrath Brauer die Stelle als Musiklehrer in seinemHause angeboten, die ihm auch ein nettes Sümmcheneinbringt; er soll dort den erwachsenen Töchtern Klavier-unterricht ertheilen. Dann kommen meine Privatstundendazu, die ich Nachmittags ertheile, und die vier Markvon Frau Grüner —" sie lachte schelmisch bei diesenWorten. — „Ihr seht also, wir haben keine Noth undbrauchen nicht mit Sorge der Zukunft entgegen zu sehen.Waren wir nicht sehr glücklich, dieses reizende kleineHäuschen zu erwerben, so preiswürdig und höchst roman-tisch —" sie warf bei den letzten Worten der krankenSchwester einen bedeutungsvollen Blick zu — „da habenwir doch alle Ursache mit unserem Loose zufrieden zusein." —
„In der That, wir dürfen uns nicht beklagen,"bestätigte die Blinde, die von dem Mienenspiel ihrerTöchter gar keine Ahnung hatte, „es wundert mich nur,daß diese reizende Villa, wie sie nach Eurer Beschreibungsein muß, gerade leer stand."
Wenn eS Täuschungen gibt, die zum Wohle derMenschen ausgeführt und zu ihrem Glücke beitragen,so war diese eine solche. Frau Willford hatte in Eng-land an der Seite ihres Gatten ein glanzvolles, luxu-riöses Leben geführt. Zwar wußte sie, daß sie verarmtwaren, aber die hingebende Liebe ihrer Töchter hatteder Armuth ihren Stachel geraubt. Auch war ihre
Blindheit ihr zum Segen geworden, denn sie trug ihrschweres Leid geduldig und ergeben. Hätte sie aber daselende Obdach gesehen, so würde sie sich entweder ener-gisch geweigert haben, in einer solchen erbärmlichen Hüttezu wohnen, oder sie hätte ihren Töchtern durch unauf-hörliche Klagen das Leben verbittert.
Jetzt war sie in ihrer Unwissenheit der Lage unddes Ortes vollständig mit Helenens Anordnungen zu-frieden, und der poetische Name des Hauses trug nichtwenig dazu bei, sie in dem Irrthum zu bestärken, indem ihre Töchter sie absichtlich gefangen hielten.
„Wie gefällt Dir die Familie Brauer?" fragte Jdaleise, denn die Mutter war wie allabendlich in ihremLehnsessel eingeschlummert.
„Sehr gut. Man ist höflich und zuvorkommendgegen mich und ich muß mich an meine neue Stellunggewöhnen," lautete die ebenso leise gegebene Antwort.
„Wieviele Kinder hast Du zu unterrichten?"
„Drei. Zwei erwachsene Mädchen und einen 14-jährigen Knaben. Die ganze Familie ist sehr musi-kalisch. und es ist ein Vergnügen, dort im Hause zuverkehren."
Ein lautes Pochen an der Hausthür unterbrachdie Stille des Abends; die beiden Mädchen erschraken,sogar die Blinde erwachte und richtete sich in ihremSessel auf.
„Wer kommt noch am späten Abend zu uns?"fragte sie ängstlich und richtete ihre glanzlosen Augender Thür zu.
„ES ist noch gar nicht so spät, Mutter, kaumsieben Uhr vorbei," versetzte Helene, dann verließ siedas Zimmer.
„Ah! Fräulein Willford!" hörte man im Haus-flur eine unbekannte männliche Stimme, „ich störe dochnicht? Mein Vater beauftragt mich, zu Ihnen, zu gehen.Am Tage fehlt mir die Zeit, daher muß ich die Abend-stunden benutzen, um Besuche zu machen."
Helene erröthetc; sie führte den Gast in das Wohn-zimmer.
„Mutter, hier ist Herr Schellenberg, durch dessengütige Vermittelung wir unsere Wohnung haben," rief sielaut, die Thüre öffnend.
„Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, Ihnen fürden Beistand zu danken, den Sie meiner Tochter ge-leistet haben," entgegnete höflich die Blinde.
Der junge Mann blickte verlegen von der Mutterauf die Tochter, dann siel sein Blick auf das Lagerder Kranken, und Helene beeilte sich, ihre Schwestervorzustellen.
„Haben Sie sich in Ihrem neuen Heim eingelebt?"fragte Herr Schellenberg, einen prüfenden Blick imZimmer umherwerfend.
„Das Haus gefällt uns vorzüglich," nahm dieBlinde das Wort, „ich bedaure nur, die schöne Lageund die Umgegend nicht sehen zu können, es soll ja hiernichts zu wünschen übrig sein."
Ungeachtet der Erwähnung ihres Leidens konnteHerr Schellenberg ein Lächeln nicht unterdrücken. Daßdie Mutter bedauerte, die trostlose Lage der Hütte nichtsehen zu können, erschien ihm fast lächerlich; aber einBlick in Helenens bittendes Antlitz überzeugte ihn, daßdie Mutter absichtlich in Unwissenheit über den wahrenSachverhalt gelassen war.
„Mein Vater wünscht, daß ich mich bei Ihnen er»