Ausgabe 
(7.9.1894) 73
Seite
563
 
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kundige, was zu Ihrer Bequemlichkeit hier geschehenkann," fuhr der junge Mann deshalb unbeirrt fort.

Es kann an diesem Hause gar nichts geschehen,"nahm die Kranke schnell das Wort, doch im leisen Flüster-töne fügte sie hinzu:Nur müßte es bis auf den Grundniedergerissen und neu aufgebaut werden."

Ich weiß wirklich nicht, was hier geschehen könnte,"meinte Helene verständnißvoll,es müßten denn dieManerleute kommen, um Hand an die äußere Garten-mauer zu legen."

Aber Helene!" rief die Mutter sichtlich bestürzt,verlange doch nicht zu viel! Du sagst mir, die Mauersei schön und ganz neu angestrichen, das eiserne Thorin bester Ordnung. Bedenke, wenn Arbeiter kämen, sowürden sie die Spaliere verderben und dadurch den Wein,die Pfirsiche und die Aprikosen schädigen."

Helene seufzte. Was mußte jetzt Herr Schellenbergvon ihr denken, daß die Mutter sich in diesem Irrthumbefand.

Doch Herr Schellenberg hatte sich bereits erhoben.Er empfand das unbestimmte drückende Gefühl, daß seineAnwesenheit den Bewohnern der Hütte peinlich sei.

Ich hatte gehofft, die Bekanntschaft unseres neuenOrganisten zu machen, aber ich muß wohl eine günstigeGelegenheit abwarten," sagte er beim Abschied, mit sanf-tem Druck Helenens Hand fassend.

Mein Bruder sieht nicht gern Fremde, er liebtein geselliges Leben nicht sonderlich," versetzte das jungeMädchen, indem dunkle Nöthe die bleichen Wangen färbte,und mit diesem Bescheid mußte Herr Schellenberg denRückweg antreten.

4. Kapitel.

Es war Sonntag. In der Paulskirche saß dieMenge der Andächtigen dicht gedrängt beisammen, undviele derselben warteten begierig auf die ersten Klängeder Orgel, oder vielmehr auf die Leistungen des neuenOrganisten, von dem schon so manches Geheimnißvolleerzählt wurde.

Aber nur sehr wenige hatten ihn selbst gesehen;nicht einmal die Töchter des Herrn Doctor Härtung, diedoch durch den regen Verkehr mit dem Pfarrer sich be-rechtigt glaubten, die neuen Mitglieder der Gemeindezuerst kennen zu lernen.

Da rauschten plötzlich die ersten Klänge der Orgeldurch das gefüllte Gotteshaus. In athcmloser Spann-ung lauschten die Gläubigen, und die zufriedenen Blickeder Musikkenner bekundeten deutlicher denn Worte, daßdie Leistung des jungen Künstlers eine ganz außer-ordentliche sei.

Man wußte, daß der neue Organist noch sehr jung,ja fast noch ein Knabe sei, und viele Glieder der Ge-meinde halten sein erstes Auftreten gefürchtet, besondersda die Wahl seines Vorgängers nicht nach besten Wün-schen und zur Zufriedenheit ausgefallen war. Destogrößer war jetzt die Befriedigung, als die vollen, glocken-reinen Töne das Gotteshaus erfüllten, die am Schlüsseder Andacht es noch verstanden, Kenner und Musik-freunde noch längere Zeit zu fesseln.

Draußen auf dem Kirchplatze hatte sich inzwischeneine kleine Gruppe junger Damen gebildet, deren Mittel-punkt Martha und Hedwig Härtung bildeten.

Ich hörte, er sei abschreckend häßlich, habe dasganze Gesicht voll Pockennarben," nahm eine kleine, dunkel-

äugige Brünette das Wort,dazu hat er rothes Haarund trägt eine große blaue Brille."

Wohl möglich," lächelte Martha, die in den letztenTagen auffallend bleich geworden war,aber sein Spielist vorzüglich; er ist ein Meister in seiner Kunst."

Ehe die lebhafte Brünette etwas erwidern konnte,siel Jenny Brauer hastig ein, und zu dieser gewendetrief sie in gereiztem Tone:Du hast Dich heute abergründlich geirrt, denn der neue Organist entspricht DeinerBeschreibung gar nicht. Ich werde es doch wohl ambesten wissen, da er fast täglich zu uns kommt. Gesternhatte ich bei ihm meine erste Klaviersiunde; er ist durch-aus nicht häßlich, im Gegentheil, ich finde ihn sogarschön. Es ist wahr, er trägt beständig eine große dunkel-blaue Brille zum Schutze gegen die Augen, aber nachmeiner Meinung macht ihn dieselbe gerade anziehend.Und was erst seine Stimme anbelangt, die ist so melo-disch und sanft, wie ich selten eine gehört habe, fast soweich wie die einer Dame."

Wessen Stimme, etwa die meinige?" scherzte einjunger Herr, der unbemerkt zu der kleinen Gruppe hinzu-getreten war.

Herr Schellenberg! Sie haben uns wirklich er-schreckt ! Wir sprachen von dem neuen Organisten, HerrnWillford; er soll aus England gekommen sein," versetztelebhaft die kleine Brünette.

Dann ist er so gut wie ein Landsmann von mir,"fuhr der junge Agent erheitert fort.Meine Mutterwar eine Engländerin, daher zähle ich mich halb undhalb zu Albions stolzen Söhnen. Der frühere Organistkam aus England , und nun dieser neue ebenfalls. SindSie ganz sicher, Fräulein Martha, daß Sie nicht aucheine Engländerin sind, oder" setzte er im ganz leisenFlüstertöne hinzu, so daß sie allein seine Worte ver-stehen konntemöchten Sie nicht gerne eine Englän-derin werden?"

Thorheit, Herr Schellenberg, wir sehen doch wahr-lich nicht wie Engländerinnen aus", nahm Hedwig an-statt der Schwester das Wort, während diese verwirrtden Blick zu Boden senkte,wir sind Deutsche, stolz aufunsere Nation, und wir haben noch nie unser Vaterlandverlassen. Nur eine Tante von uns wohnt im süd-lichen England , die ich schon deshalb gern besuchenmöchte, um Land und Leute kennen zu lernen. Komm,Martha," wandte sie sich jetzt an die jüngere Schwester,wir müssen uns beeilen, wenn wir nicht zu spät zumMittagessen kommen wollen. Wir sind hier ohnehin dieletzten, sogar der Küster hat schon die Kirche verlassen."

Wie ist dann der neue Organist hinausgekommen?Hat Jemand ihn gesehen?" fragte Herr Schellenberg.Er hatte keinen Blick von der Kirchthür abgewandt,hauptsächlich um die Schwester zu sehen, und da ihmdieses nicht gelungen war, so hoffte er wenigstens einenBlick von dem Bruder zu erhäschen. Aber der neue Or-ganist schien ebensowenig anzutreffen zu sein, wie seineSchwester, und dieser Umstand trug nicht wenig dazubet, die Bewohner der Nosenvilla mit einem geheimniß-vollen Etwas zu umgeben.

Martha Härtung fühlte sich an diesem Tage ganzbesonders unglücklich. Sie hatte gehört, daß der neueOrganist sehr jugendlich sei, daß er ein schmales, blei-ches Gesicht habe und eine blaue Brille trage. Zweifel-los war er der unbekannte Fremde, der vor einigenTagen im Restaurant die Unterredung der Liebenden mit