Ausgabe 
(7.9.1894) 73
Seite
564
 
Einzelbild herunterladen

564

angehört hatte, und vielleicht machte er gelegentlichihrem Vater oder dem Pfarrer von dem Gehörten Mit-theilung.

Dann hatte Herr Schellenberg eine Bemerkungfallen lassen, die dem zaghaften jungen Mädchen dasBlut in die Wangen trieb und ihr die Gewißheit auf-drängte, daß er etwas von ihrem Herzensgeheimniß wisse.Wieviel und was er davon erfahren hatte, blieb eineunbeantwortete Frage, die das arme Mädchen folterte.Schließlich hatte sie seit der letzten Unterredung nichtsmehr von Franz Burgfeld gehört.

Sie war an dem verabredeten Mittwoch pünktlich,wie gewöhnlich, im Restaurant erschienen, hatte vollezwei Stunden vergebens gewartet, um dann muthlosund niedergeschlagen den Rückweg anzutreten. Es warenseitdem nur wenige Tage vergangen, aber diese wurdenzur Ewigkeit, da sie daran gewöhnt war, täglich einBriefchen von ihm zu finden, die jetzt gänzlich ausblieben.Am äußersten Ende des Gartens, in dem dichten Ge-zweig eines Holunderstrauches, war ein kleines Versteck,nur den Liebenden bekannt; aber sonderbar, ihr letzterBrief lag schon seit einigen Tagen unberührt, er warnicht abgeholt worden. Kein Wunder also, daßMartha's Wangen erbleichten, ihre Augen vom Weinensich rötheten und sie matt und kraftlos wie ein Schattenumherging.

Die Kirche war bis auf den letzten Platz geleert,als der Organist sich von seinem Platze erhob. Vor-sichtig verschloß er sein geliebtes Instrument, und un-gesehen verließ er durch eine Scitenthür der Sacristeidas Gotteshaus. Es war ein weiter Weg bis zur ent-legenen Nosenvilla, aber er war ein rüstiger Fußgängerund kümmerte sich wenig um die Länge des Weges.Raschen Schrittes ging er seinem Ziele entgegen undhatte bald die beträchtliche Strecke zurückgelegt.

Die Thür der Hütte stand offen. Schnell betrater das kleine Wohnzimmer und ließ langsam seineBlicke über die blinde Mutter, dann auf die krankeSchwester schweifen. Die alte Dame rührte sich nichtaus ihrem Sessel; tiefer Seelenschmerz und eine großeinnere Erregung malten sich in ihren Zügen; doch dieKranke streckte mit ihrem gewohnten Lächeln dem Ein-tretenden ihre welke Hand entgegen.

Nun, Herr Organist, wie ist das erste Auftretenheute ergangen?" fragte sie schelmisch.Hast Du eintrauriges Fiasco gemacht oder die Menge durch DeineLeistungen bezaubert?"

Keines von beiden, soviel ich weiß," lautete dieruhige Erwiderung.Hast Du kein freundliches Wortfür mich, Mutter?"

Gewiß, gewiß," versetzte sichtlich bewegt die blindeFrau,ich freue mich, mein Kind, daß Dein erstes Auf-treten gut abgelaufen ist. Ich machte mir um Deinet-willen große Sorge."

Es war nicht der geringste Grund zur Unruhevorhanden," lächelte der Jüngling wehmüthig,aber diealten Erinnerungen wachen wieder in Dir auf, wirwollen aber nicht davon reden." Er wollte bei diesenWorten das Zimmer verlassen, doch gerade in diesemAugenblick kam ein Bote des Pfarrers Härtung, derdem jungen Künstler eine Einladung zum Abendessenüberbrachte.

Es sei Sitte," berichtete der redselige Bote,daß

der Organist, einige Lehrer und mehrere befreundeteFamilien monatlich einmal eine musikalische Abendunter-haltung im Pfarrhause veranstalteten; der Vorgängerhabe stets bereitwillig mitgewirkt, und vom Nachfolgerwürde dasselbe erwartet."

Die Einladung war freundlich gehalten und gutgemeint; desto mehr war der geistliche Herr erstaunt,daß eine höfliche, aber ganz entschiedene Ablehnung er-folgte. Der Organist schrieb, daß seine Mutter einlängeres Ausbleiben des Abends höchst ungern sehenwürde, und daß seine Gesundheit und seine Gewohn-heiten jeden geselligen Verkehr ausschließen müßten.

So, das wird für immer genügen," murmelte erbefriedigt, als er dem Boten das Schreiben einhändigte.

Gewiß wird die Familie des Arztes auch dortsein," fuhr er, zu seiner Mutter gewendet, fort,diejüngste Tochter scheint ein prächtiges Mädchen zu sein,sie hat einen guten Eindruck auf mich gemacht."

Wo hast Du sie kennen lernen?" fragte Jda ver-wundert.

Ich lernte sie gar nicht kennen, wenigstens nichtin dem Sinne, wie Du es meinst," lautete die ruhigeAntwort,ich sah sie zufällig in einem Restaurant, abersie ahnte gar nicht, daß ich in ihrer Nähe stand, auchkennt sie mich nicht."

Das lautet geheimnißvoll," warf die Mutter ein.

Mitternacht war längst vorüber, und die Bewohnerder Nosenvilla lagen in sanftem Schlummer. Doch dieBlinde saß aufrecht in ihrem Bette und rang verzweif-lungsvoll die Hände.Mein Sohn! mein Sohn!"stöhnte sie unter Thränen,warum mußtest Du mir sofrüh entrissen werden! Wollte Gott , ich hätte für Dichsterben können." (Fortsetzung folgt.)

-"-SS888SS--

Die Heimath Rübezahls.

Von Don Josaphet.

- «Nachdruck vttLolni.;

Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größeund Majestät anschauen, sein Herz und Auge an denhohen und kühnen Gletschern laben will, wer an derNatur der deutschen Gebirgswelt sich die Gewißheit einesschaffenden Weltgeistcs und die Ueberzeugung von dessenAllmacht und Erhabenheit gewinnen möchte, der wanderenach der Schweiz .

Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größeund Lieblichkeit zugleich lieben lernen will, der gehe dort-hin, wo die hohen kalten Gletscher Helvetiens, gleichsamim ersten Licbeserwachen lächelnd, lebenvollcreS Ansehentragen und mehr frisches Erdengrün und weniger Himmels-eis zeigen, wo die Thäler, von buntfarbigen Flüssendurchströmt, romantischer blinken, nach dem schönenLande Hafers, Tirol.

Wer aber von den Söhnen Germaniens seinen Berg-stock nicht über die Grenzen seiner engeren Heimath setzenund die wahrhaft erhabene Schönheit eines deutschen (imeigentlichen Sinne) Gebirges mit patriotischem Hochgefühlegenießen möchte, der besteige an einem schönen Sommer-nachmittage die Heuscheuer bei Wünschelburg in Prenßisch-Schlesien mit der unvergleichlichen Aussicht auf die HeimathRübezahls das lieblich-ernste Riesengebirge.

Eine Ansicht, die von den Alpen bis zum deutschenMeere, von den Karpathen bis zur Ostsee nicht ihresGleichen mehr hat, ist das prachtvolle Landschaftsgemälde,