Ausgabe 
(7.9.1894) 73
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welches sich dort oben vor dem Freunde der Natur feier-lich enthüllt, wenn er eine Stunde vor Sonnenuntergang den Wechsel der Beleuchtung abwartet, den nur der Abendin seiner ganzen zauberischen Herrlichkeit einer schönenund ausgedehnten Landschaft verleihen kann.

Der Wunsch eines Jeden:

Ach, der Mensch will Höh'n erklimmen,

Wo er freien Blick umher,

Wo ihn rein're Lüft' umschwimmen,

Eb'ne Flüche drückt ihn schwer";

im Niesengebirge kann er erfüllet werden.

Und dann besitzt das Niesengebirge einen Vorzug,um den auch mit ewigem Schnee bedeckte Alpengipfeldasselbe beneiden können: es ist dieunsterbliche" Er-scheinung Nübezahl's, eines Naturschwärmers, eines Alpi-nisten ersten Ranges, welcher der Schutzherr und Allvaterdieser Höhen und zugleich ein echter deutscher Dämongenannt werden muß.

Obgleich der Berggeist des Niesengebirgcs im All-gemeinen zu der großen Klasse der vermittelnden Dämonengehört, unter welcher Bezeichnung die alten GriechenMittelwescn zwischen dieser und jener Welt 'verstanden,welche wie die Genien der Römer den Menschen-kindern guten Rath gaben, sie vor Verbrechen warntenund zu guten Thaten aufmunterten, indem sie aus ihremgewöhnlichen Aufenthalte, den Wäldern und Einöden, her-vortraten und sich dem menschlichen Auge oft in sichtbarerGestalt darstellten, so ist doch in seinem ganzen wunder-baren und meist wunderlichen Wesen ein gewisses Etwas,das ihn von der größten Anzahl anderer derartiger Geisteroder Genien ganz bestimmt und deutlich unterscheidet.

Die Kobolde, welche uns Shakespeare in seinen vonwundervoller Poesie überschwellenden Dramen so meister-haft geschildert hat, sind kleine, wilde Necker, plump unddoch wieder beweglich; sie spielen lauter lose Streiche undallerhand Allotria und treiben sich recht von amors selbstgenießend in dem Mondscheiudickicht der Wälder herum.

Rübezahl dagegen, derAlte des Berges", derHöhengeist xar Lxosilsircs, zeigt sich nur in ernster,männlicher Gestalt, erscheint nur in oft riesenhafter Bildung.Es ist unleugbar, daß die mannigfaltigen Sagen des vomGeiste nimmer ruhender, frischer Dichtung nmwobcnenRiesengebirges, weil sie sich an eine bestimmte, angemessenegigantische Persönlichkeit knüpfen, nicht ohne das tiefere,oft rührende Interesse der zahlreichen Mythen andererGebirge sich uns darstellen; allein dennoch haben sie beiweitem nicht das düstere Gewand der Melancholie undTragik, wie z. B. die meisten Sagen, welche am un-heimlichen Brocken, im Harz , entsprungen sind.

Die Märchen, Sagen und Mythen des Niesen-gebirges haben ein Verdienst, welches ihnen eigenthümlichist, und das, wie dies überhaupt auf diesem Gebiete stetsder Fall ist, mit der Lokalität und besonderen Eigen-thümlichkeit der Gegend als unzertrennlich verbunden er-achtet werden muß.

Die Mehrzahl der Hochgebirge nämlich ist so be-gaffen, daß die höchsten Punkte und Gipfel, die überdie anderen hervorragen, insgemein von unersteiglichenFelsen umgeben, von nie betretener ewiger Schneekrustebedeckt sind. Blaue Gletscher laufen aus diesen schwarzen,unersteiglichen Mauern nieder; nirgends ein Baum,nirgends ein belebender Gottesathem, nur große, wildeFelsenkränze, auf denen das umherirrende Auge keinengrünenden Streif zu entdecken vermag, der als Oelblatt

des Friedens über dieser Wildniß hinge, und wie beimEingang zur Ewigkeit glaubt man sich umgeben von Gott-heiten und von Geistern, deren Gestalten man mit denAugen sucht und deren Zuruf das Ohr jeden Augenblickzu vernehmen glaubt. Tiefe Thäler, wilde Schluchten,von wilden Thieren bewohnt, isoliren diese Hauptgipfelauf gewisse Weise von dem Ganzen, trennen sie ab vondem niederen Theile des Gebirges, welchen der Fuß desMenschen betritt und wo noch seine Hütten stehen, undlassen sie gleichsam als den versteinerten Fluch des bösenGeistes erscheinen, welcher diese Oede zu seinem Wohn-sitze sich erkoren. Nur einzelnen, wenigen kühnen Individuen,welche mit den Geistern und dem Genius der wildenEinöden vertraut sind, ist es gegeben, diese heimlichstenund schauerlichsten Plätze zu betreten, welche dann dasGeheimniß und schauerliche Wunder, das diesen inncwohnt,ebenfalls theilen. Nur nach und nach lernt man Wahr-heit und Dichtung unterscheiden und gelangt zur Ueber-zcngung, daß das Meiste von den ungereimten, in'sWunderbare ausgebildeten Erzählungen, von den fürchter-lichen, Grausen erregenden Geschichten auf Uebertreibungen,auf nicht begründeten Nachrichten beruhen müsse. Nurdurch Neugierde beherzt genug gemacht, bestehen immermehr das Wagniß, einzudringen, hinaufzuklimmen in dieGeister- und Spuk'Neviere,

Wo schaudernd man es fühlt mit tiefem Beben,

Daß man in diesem Kreis das eiuz'ge Leben."

Ganz anders verhält es sich in Nachsicht hieraufmit der Geologie des Riescngebirges.

Eine weite, lustige, reichbewohnte Ebene beginntunmittelbar am Fuße seiner höchsten Gipfel. Reinliche,nette Städtchen und Dörfer sind überall zerstreut; vonihnen aus kann man die zackigen Fclsenspitzen, die steilen.Abhänge, die düsteren Seen des Gebirges als etwasNahes erblicken. Das Wunderbare kommt also hier inunmittelbare Beziehung zu den Menschen, und das, wassich sonst als schreckliche, zerstörende und stets räthsclhaftunterirdische Macht erweist, erscheint nur noch als einlichter Traum das Mysterium schwindet, das Bildvon Saks ist Jedermann sichtbar. Die Drohungen derfürchterlichen Geister verwandeln sich in lustige und un-erschöpfliche Streiche und Scherze; anstatt des finsternEindrucks, der in dem Gemüthe gleichsam traurig nach-klingt, tritt in und an dem Wunderbaren hier selbst dasBehagliche hervor.

Noch durch einen andern Zug ist das ohnedies schoneigenthümlich reizende Niesengebirge von den anderndeutschen Gebirgen unterschieden durch seine Jsolirung.Fast alle Bergketten Deutschlands hängen mehr oderweniger zusammen; der Harz schließt sich an die west-fälischen Gebirge und an den Thüringerwald , und diesewieder stehen mit den fränkischen Kelten in Verbindung,ebenso wie das Erzgebirge mit den böhmischen Wald-bergen. Die Heimath Nübezahl's hingegen bricht imNorden wie im Süden schroff und steil ab; sie bildetalso ein einfaches Hoch-Centrum, auf welchem der GottAcoluS zu herrschen scheint. Da zwei verschiedene Klimate,ein nördliches und ein südliches, auf seinen Höhcnkuppeuzusammentreffen, so ist in meteorologischer Beziehung viel-leicht kein deutsches Hochland so merkwürdig und interessant,als daswindige" Riesengebirge. Südliche und nörd-liche Witterung lösen sich hier schnell ab und stören dasGleichgewicht der Lust in sehr hohem Grade. Fast be-ständig sammeln sich Wolken über und um die zackigen