Ausgabe 
(7.9.1894) 73
Seite
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Häupter der Berge und hüllen sie in das sie charakteri-sirrnde feuchte Gewand, dieNebelkappe". H^ige Windesausen auf den Gipfeln, welche, wie die Weltpofaunendes letzten der Tage, nach den vier Himmelsgegendenhinblascn und von Nord und Süd hier wieder zusammen-treffen. Regenschauer und Sturm überraschen Einen hier,wenn man sich's am wenigsten versieht; rasch wechselnTrübe und Sonnenschein, ruhige Lust und Unwetter inNübezahl's Heimath.Alles ist unbeständig!" diesmelancholische Wort, es könnte an der Stirne der Schnee-koppe eingravirt als Devise des Niesengebirges gelten.Diese Erscheinungen nimmt man in der Umgegend fürCapricen und lose Neckereien des Dämons, der die Bergebeherrscht, und auf diese Weise erhalten die Traditionen,welche sich darauf beziehen, zugleich einen mehr phan-tastischen als tragischen Charakter, obgleich denselben keines-wegs aller Ernst abgesprochen werden kann. Ein Berg-geist, eine dämonische Gestalt wie Rübezahl kann nur ineinem Gebirgsrahmen, wie es das Niesengebirge ist,existiren, weil er die Launen desselben pcrsonificirt, weiler eben der Genius dieser Höhen genannt wird.

Die Erfindung der Zündhölzer.

Der Culturmensch, der in alle Segnungen der Civili-sation hineingeboren und hineingewachsen ist, hat in derRegel nicht das Bewußtsein vom Werth dieser Güter, daer dieselben für selbstverständlich hält und glaubt, es könnegar nicht anders sein, es hätte nie anders sein können,wenn es ihm überhaupt in den Sinn kommt, darübernachzudenken. Die Vortheile, welche eine Entdeckung oderErfindung gewährt, werden nur bei ihrer Erscheinunggewürdigt; von langer Dauer ist dieses dankbare Gefühlnicht. In-der Regel lernt man den Werth der Dingeerst kennen und würdigen, wenn man ihrer verlustig ge-gangen ist.

Man vergegenwärtige sich nur einmal den Zustand,der eintreten würde, wenn wir plötzlich der Zündhölzerberaubt würden. Mittags kein Feuer im Herd, Abendskein Licht und nun gar im Winter wir würden hilf-loser sein als die Wilden, die doch auf ihre Weise, wennauch mit großer Mühe und vielem Zeitverlust, durchReibung Feuer hervorzubringen wissen. Unsere ganzeCultur, ja unsere Existenz, unser Leben würden auf'sErnstlichste bedroht sein, denn wir müßten auf die Er-langung dieser unentbehrlichen Lebensbedingung so vielZeit verwenden, daß für den Erwerb und die Beschaffungdes Lebensunterhaltes nur wenig übrig bliebe. Und dochgehört die Erfindung der Zündhölzer zu den allerjüngstrn.

Es lebt noch eine gute Anzahl Menschen, die inihrer Kindheit keine Zündhölzer gekannt haben, denn ihreErfindung fällt in das Jahr 1833. Das Hauptmittel,mit dem man vor diesem Zeitpunkt Feuer machte, warStahl, Stein und Schwamm (Zunder). Hatte man Feuergeschlagen, d. h. den Schwamm in Gluth versetzt, so er-hielt man eine Flamme, wenn man einen Schwefelfadendamit in Berührung brachte. Damit konnte man dannStroh, Papier, bezw. Holz oder eine Kerze anzünden.In welche Zeit die Erfindung dieses primitiven, aberimmerhin praktischen Feuerzeuges fällt, ist nicht bekannt.Man nimmt in der Regel das Ende des 13. Jahr-hunderts an, weil es um diese Zeit urkundlich erwähntwird; es ist jedoch als sicher anzunehmen, daß die alten

Römer, wenn nicht viel früher schon die alten Aegypter,es gekannt haben. Diese verstanden sich schon vor längerals 5000 Jahren auf das Beharren harter Steine, wieGranit und Syenit, was nur mittelst eiserner (oder garstählerner) Instrumente möglich war. Dabei kann esdiesem scharfsinnigen Volke nicht entgangen sein, daß beidieser Arbeit oft Feuerfunkm zum Vorschein kamen, unddaß sie diese Entdeckung denn auch nutzbar gemacht haben,ist ebenfalls als höchst wahrscheinlich anzunehmen. Beidiesem Feuerzeug blieb eS jedenfalls, bis endlich das Jahr1812 eine Neuerung auf diesem Felde brachte, nämlichdie Erfindung des Tunkfcuerzeugcs, das aber keineswegsgeeignet war, jenes zu ersetzen. Es bestand aus einemGemenge von Schwefelsäure mit Asbest. War es frischhergerichtet, so gab ein an der Spitze mit chlorsauremKali versehener, darin eingetauchter Schwefelfadeneine Flamme. Nach einigen Tagen hatte aber dieSchwefelsäure, nach ihrer bekannten Eigenthümlichkeit, soviel Wasser aus der Luft angezogen, daß die Mischungversagte und man also keine Flamme mehr erhielt, weß-halb die meisten wieder zu Stahl, Stein und Schwammzurückkehrten. Elf Jahre später, also 1823, erfandDöbereiner einen chemischen Zündapparat, der aber sokostspielig war, daß nur wohlhabende Leute ihn anschaffenkonnten. Von wirklich praktischem Werthe waren erst dieZündhölzer; ja dieselben können als die volksthüinlichstevon allen Erfindungen bezeichnet werden, denn sie sind,wie Licht und Lust, in der Hütte des ärmsten Mannesebenso anzutreffen, wie im Palaste des Millionärs oderFürsten . Der Name des Erfinders und dessen Lebens-schicksale sind daher znm Mindesten werth, allgemein be-kannt zu werden. Leider ist über diese Lebensschicksale wie es ja bei den meisten Erfindern der Fall istnicht viel Erfreuliches zu melden. Um so mehr ist esPflicht der Nachwelt, ihm ein ehrendes Andenken zubewahren.

Der Student der Chemie Johann Friedrich Kämmereraus Ludwigsburg in Württemberg war wegen Theilnahmean dem revolutionären Hambacher Fest , 27. Mai 1832,zu einem halben Jahr Gcfängnißstrafe verurlheilt worden,die er auf dem Hohenasperg verbüßen sollte. Der Ge-fängnißdirektor, ein alter Oberst, war ein menschlichfühlender Herr, der seinen Sträflingen das Schicksal zuerleichtern suchte, soweit es sich mit seiner Amtspflichtvereinbaren ließ. Als er den jungen Chemiker näherkennen lernte, gestattete er ihm gern, in seiner Zelle einkleines Laboratorium zu errichten.

Kämmerer hatte schon auf der Universität Versuchezur Verbesserung des oben erwähnten Tunkfeuerzeugesgemacht, war aber zu keinem befriedigenden Ergebnißgelangt. Besseren Erfolg hatte er bei seinen Versuchenmit Phosphor. Gegen Ende seiner Haft fand er dierichtige Mischung. Durch Reibung an der Wand ent-zündete sich der damit getränkte Span ; mit dem allcr-einfachsten Handgriff entstand augenblicklich Feuer. AlleVorzüge einer guten Erfindung: Geschwindigkeit, Wohlfeil-heit und Zuverlässigkeit, waren vorhanden. Man kannsich denken, welche Freude den jungen Mann über diesenErfolg erfüllte. Ohne Ucberschwenglichkeit konnte er seinenGewinn nach Tausenden berechnen. Die Gefängniß-mauern erschienen ihm jetzt in einem ganz anderen Lichte.Kein Zweifel: er war ein gemachter Mann. Voll froherHoffnungen begab er sich nach seiner Vaterstadt Ludwigs-burg und begann Neibzündhölzer und Reibzündschwamm